Gas-Monster brauchen langen Atem

Mega-Projekte: Flüssiggas vom fünften Kontinent

07.04.2016 Mythen sind meist keine Gute-Nacht-Geschichten. So sind aus der griechischen Antike beispielsweise die Gorgonen überliefert – drei geflügelte Schreckgestalten, die jeden, der sie anblickt, zu Stein erstarren lassen. Auch für den Energieriesen Chevron wurde das „Gorgon“ genannte Gasprojekt vor der Nordwestküste Australiens zur Schreckensgeschichte.

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Massive Zeit- und Budgetüberschreitungen plagten den Investor. Nun ist das „Gas-Monster“ online – und produziert fleißig Flüssiggas und Gaskondensat.
Das Projekt ist – wie auch die weiteren sechs Mega-Gasprojekte in Australien – eine Wette auf die Zukunft. LNG-Anlagen im Wert von insgesamt über 180 Mrd. US-Dollar werden bis 2017 die Produktion aufnehmen. Darunter ist das auf 8 Mrd. US-Dollar geschätzte Shell-Gasschiff „Prelude“ noch die kleinste Investition. Über 37 Mrd. USD will der australische Energiekonzern Inpex in sein „Ichthys“ genanntes Projekt stecken, das ab 2017 verflüssigtes Erdgas liefern soll. Weitere 29 Mrd. USD setzt Chevron für sein „Wheatstone“-Projekt in den australischen Sand.
Ob die Wette langfristig aufgeht, ist derzeit offen. Denn seitdem die Projekte vor vier bis sieben Jahren gestartet wurden, hat sich die Energiewelt um 180° gedreht: Standen die Entscheidungen für Wheatstone und Ichthys beispielsweise noch unter dem Eindruck der Reaktorkatatstrophe in Fukushima, dem (temporären) japanischen Atomausstieg und dem daraus folgenden Gasbedarf, wird das atomare Rad nun Schritt für Schritt zurückgedreht. Dazu kommt, dass Öl- und Gaspreise infolge gestiegener Produktionsmengen und schwächerem Bedarf seither dramatisch gesunken sind. Die Kombination mit massiv gestiegenen Projektkosten – im Falle Gorgon wurde die Ziellinie um 17 Mrd. USD überschritten – dürfte so manchem Finanzvorstand die Schweißperlen auf die Stirn treiben.
Sofern nicht bereits langfristige Lieferabkommen zu Preisen aus besseren Zeiten abgeschlossen sind, dürfte der Absatz der Gas- und Kondensatprodukte den Produzenten momentan zwar Cashflow, aber wenig Profit bescheren. Konkrete Zahlen veröffentlicht bislang zwar niemand, aber die Medienberichte mehren sich, in denen von der wachsenden Käufer- und schwindenden Verkäufermacht die Rede ist. Gesättigte Spot-Märkte und sinkende Gaspreise sprechen eine eigene Sprache.
Dazu kommt die Marktmacht der etablierten „Pipeline-Gas“-Anbieter, allen voran Russland. So veröffentlichte das Energie-Marktforschungsunternehmen Wood Mackenzie erst im März eine Studie, nach der in den kommenden fünf Jahren die Hälfte aller geplanten LNG-Exporte von USA nach Europa in Frage stehen, weil Russland seine Machtkarte spielen könnte: Ähnlich wie Saudi-Arabien die Ölproduktion hoch hält, um keine Marktanteile an Fracker oder den Iran zu verlieren, kann Russland Europa und China mit billigem Pipeline-Gas fluten und so LNG-Produzenten den Marktzutritt enorm erschweren.
Doch es wäre falsch, eine vielleicht nur kurz- bis mittelfristige Marktanomalie zu einer langfristigen Bauchlandung der oben beschriebenen Projekte zu projizieren. Es wird davon abhängen, wie robust die Projekte kalkuliert sind, ob die Monster-Projekte die Unternehmensbilanzen auffressen werden. Aber vielleicht zeigen sich die Kalkulationen ja so wehrhaft, wie der wahre Namensgeber des Gorgon-Projekts: ein britisches Kriegsschiff, das einer geologischen Formation bei den Barrow Islands seinen Namen gab…

Weitere CT-Beiträge zum Megaprojekt

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Heftausgabe: April 2016

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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