Wenn nachts um halb drei der Sensor streikt

Namur: Workshop – Einführung von Industrie 4.0

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26.11.2015 Die Revolution kommt – aber warum eigentlich? Diese Frage versuchten Teilnehmer eines Workshops unter dem Titel „Einführung von Industrie 4.0“ auf der diesjährigen Namur-Hauptsitzung zu klären. Denn Fakt ist nun einmal: Die chemische Industrie ist, zu Recht, eine konservative Branche und will von Änderungen überzeugt werden, bevor sie diese umsetzt. Darum gaben die Moderatoren des Workshops einige, zum Teil auch recht provokante Thesen vor, über die die anderen Teilnehmen diskutieren sollten.

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Entscheider-Facts Für Betreiber

  • Auf der diesjährigen Namur-Hauptsitzung in Bad Neuenahr spielte das Thema Industrie 4.0 eine große Rolle. Daher lud der Veranstalter auch zu einem Workshop.
  • In diesem präsentierten die Moderatoren insgesamt fünf Thesen, die sich mit dem Sinn, der Machbarkeit und den sich unter Umständen ergebenden Veränderungen für Anwender und Lösungsanbieter beschäftigten.
  • Es folgte eine offene Diskussion über Chancen für die Prozessindustrie. Aber auch Vorbehalte gegenüber einer Welt, in der die Macht der Daten überhand nimmt, kamen zur Sprache.

Die rege Diskussion mit vielen interessanten Gedankenanstößen wollen wir den Daheimgebliebenen nicht vorenthalten und hier in Stichpunkten wiedergeben.

These 1:
Losgröße 1 gibt es in der Prozesstechnik nicht

Die intelligente Fabrik soll nach Vorstellung einiger Visionäre die eierlegende Wollmilchsau sein: Produkte der Losgröße 1 – und das bei Herstellungskosten wie denen einer Massenproduktion. Aber geht das auch in der Prozessindustrie? Ein Argument dagegen: Die Losgröße beziehe sich auf ein konkretes Produkt, während in der Prozessindustrie komplexe und stark vernetzte Prozesse zum Einsatz kämen – wie solle hier überhaupt definiert werden, was eine Einheit sei? Wobei diese Unschärfe im Grunde am Ende der Wertschöpfungskette wieder verschwindet. Beispiel Pharma-Industrie: 3D-Drucker können aus einer individuellen Wirkstoffkombination Pillen der Losgröße 1 produzieren. Hier wäre allerdings erst Überzeugungsarbeit zu leisten, um die regulatorischen Hürden nehmen zu können und zu beweisen, dass eine flexible Produktion so sicher sein kann wie eine starre – die SOPs (Standard Operating Procedures) seitens der FDA schaffen hier keine innovationsfreundliche Atmosphäre. Beispiel Kunststoffindustrie: Hier ist die individuelle Produktion im Grunde bereits Realität. Denn erst in Absprache mit dem Kunden definiert der Hersteller Eigenschaften und Farbe eines Kunststoffes und produziert dann nach genauen Vorgaben – bei jedem Auftrag immer neu. In der Realität müsse die magische Losgröße 1 schließlich nicht wirklich ein Produkt, sondern kann auch die Fertigung von Stückzahlen im vierstelligen Bereich meinen. Ist Losgröße 1 also in der Prozessindustrie überhaupt möglich? Kommt auf die Perspektive an.

These 2:
Industrie 4.0 hat keinen Mehrwert für den Kunden

Klare Sache: Für die Hersteller ermöglicht das Internet der Dinge eine Vereinfachung der Produktion, schließlich funktioniert im Grunde alles automatisch. Aber was merkt der Endabnehmer davon? Eine steigende Prozesssicherheit bedeutet für den Kunden am Ende auch eine erhöhte Versorgungssicherheit, wäre da ein Argument. Oder aber das Beispiel des F3-Factory-Projektes: 30 % weniger Kosten für eine Anlage und Lösungen, die beispielsweise deutlich weniger Lösungsmittel verbrauchen und nicht zuletzt eine reduzierte Time-to-Market – hier entstehen häufig Vorteile, die sich Hersteller und Kunde teilen. Gleichzeitig steige auch die Produktsicherheit, da der Hersteller seinem Kunden umfassende Daten zur Verfügung stellen kann; als Beispiel sei hier die Serialisierung im Pharma-Bereich genannt. Eine validierte Produktion erhöht damit die Qualität von Produkten, die unter Umständen auch gleichzeitig schneller beim Kunden seien. Vorteile, die sich die Hersteller künftig auch bezahlen lassen könnten – am Ende ist ein Mehrwert nun einmal nicht selten auch mit Mehrkosten für den Abnehmer verbunden. Dass Kunden durch vernetzte Lösungen ganz massive Einsparungen realisieren können, zeigt das Beispiel Precision Farming: Durch das GPS-gesteuerte Ausbringen von Düngemitteln, das sich anhand einer hochaufgelösten Bedarfskartierung der Ackerfläche orientiert, können Landwirte ihre Streuverluste an dieser Stelle um bis zu 80 % reduzieren.

These 3:
Industrie 4.0 bietet neue Geschäftsmodelle

Precision Farming ist dabei nicht nur ein Beispiel für realisierte Kundenvorteile, sondern auch für die aus der vierten industriellen Revolution hervorgehenden Geschäftsmodelle (und die von manchen Unternehmen verschiedener Branchen bereits umgesetzt wurden): Anbieter verkaufen künftig keinen Dünger mehr, sondern Ertrag. Und im Bereich der prozesstechnischen Anlagen erleichtert die Fülle an Daten künftig die zustandsorientierte Instandhaltung, die stärker individualisierte Angebote ermöglicht, statt auf starre, zeitgesteuerte Verträge setzt. Beim Thema Life-cycle-Kosten gäbe es schon jetzt Kunden, warf ein Diskussionsteilnehmer ein, die keine Leitwarte kaufen möchten, sondern eine Leitwarte inklusive der Betriebsstunden der nächsten 20 Jahre. Viele dieser Geschäftsmodelle stehen und fallen aber mit einer entscheidenden Frage: Wem gehören die Daten? Hersteller, beispielsweise von Sensoren, verkaufen ihre Produkte an unzählige Betreiber. Haben sie Zugriff auf diesen Datenschatz, ist es ihnen möglich mit diesen gesammelten Erfahrungswerten präzise Modelle zu erstellen und den einzelnen Betreibern in der Rückkopplung Empfehlungen zur Optimierung auszusprechen. Verschließen sich Betreiber aber dieser Form von Data-sharing, aus Angst vor Industriespionage oder auch -sabotage, wären die Utopien der Hersteller gleich wieder hinfällig. Vielleicht, so ein Kommentar, komme es ja auch durch die disruptive Natur der neuen Macht der Daten zu einem totalen Umsturz und Google sei in einigen Jahren das größte Chemieunternehmen der Welt.

Heftausgabe: Dezember 2015
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Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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