Rollenmodelle im Fluss

Neue Formen der Zusammenarbeit im Chemieanlagenbau

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13.08.2014 „One fits all“ gibt es im Chemieanlagenbau nicht. So vielfältig wie die Projekte sind auch die Rollenmodelle im Projektgeschäft. Das wurde auch auf dem 3. Engineering Summit in mehreren Vorträgen deutlich. Doch gerade in jüngster Zeit unterliegt die Rollenverteilung einer großen Dynamik.

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Entscheider-Facts Für Planer, Betreiber und Ausrüster

 

  • In der Chemie sind die klassischen Rollenmodelle zwischen Betreiber, Owners Engineers, Anlagenbau und Lieferanten in Bewegung geraten.
  • Neben dem klassischen Owners Engineering (EPCM), wie es beispielsweise bei Clariant in „Reinkultur" praktiziert wird, werden z.B. bei der BASF Aufträge an EPC-Anlagenbau-Unternehmen sowie ohne projektbezogene Ausschreibung an Engineering-Partner vergeben. Letztere werden vorher projektunabhängig ausgewählt.
  • Ein vielversprechender Ansatz ist auch PEpC, bei dem die Auswahl von Lieferanten frühzeitig passiert.

„Wir vergeben bei den für uns typischen Projekten keine EPC-Aufträge und wir arbeiten überwiegend mit kleinen und mittelgroßen Anlagenbau-Unternehmen zusammen“, stellt beispielsweise Dieter Dambmann, Chef des Engineerings beim Spezialchemiehersteller Clariant klar. Warum Letzteres so ist? „Projekte unserer Größenordnung genießen bei Großanlagenbauern eher nachrangige Priorität und wir verfügen nicht über adäquate Ressourcen um den Claiming-Abteilungen großer Anlagenbauer entgegen zu halten“, bekennt Dambmann.

Das Owners Engineering des Schweizer Chemiekonzerns hat sich entschieden, seine Projekte im EPCM-Modell abzuwickeln. Das Kürzel steht dabei für Engineering Procurement Construction Management. Im Gegensatz zum EPC-Auftrag, bei dem der Anlagenbetreiber ein Anlagenbau-Unternehmen komplett mit der Planung, der Beschaffung des Equipments und dem Bau beauftragt, behält der Betreiber beim EPCM die volle Verantwortung und Kontrolle über das Projekt.

Klare Spielregeln für Projekte erhöhen die Effizienz

Um mit 75 Ingenieuren in der ganzen Welt ein Investitionsvolumen von jährlich rund 250 Mio. Euro abwickeln zu können, hat Dambmann mit seinem Team klare Spielregeln für die Projekte definiert. In allen sieben Projektphasen wollen die Engineering-Manager des Betreibers so die volle Kontrolle behalten. „Bedarfsanalyse, Projektdefinition und Basic Design werden im Idealfall komplett von eigenen Spezialisten bearbeitet“, konkretisiert Dambmann, „denn darin liegen die größten Hebel zur Optimierung von Investitions- und Betriebskosten.“ Der Fokus für die Zusammenarbeit mit Anlagenbauunternehmen liegt für die Clariant-Ingenieure in den arbeitsintensiven Phasen des Detail Engineerings, der Lieferung und Implementierung der Anlagenausrüstung sowie bei der Inbetriebnahme. „Für stark schwankende, arbeitsintensive Aufgaben wie zum Beispiel dem Detail Engineering oder der Rohrleitungsplanung vermeiden wir so, eigenes Personal aufzubauen“, erläutert Dieter Dambmann.

Bei der Beschaffung nutzen die Owners Engineers bereits intensiv „Best Cost Countries“: „Für unsere Projekte in Asien kaufen wir bereits 80 % der Ausrüstung vor Ort ein“, verdeutlicht Dambmann, „allerdings hängt der Anteil stark vom jeweiligen Projekt ab.“ Bei der Auswahl der EPCM-Kontraktoren legt man bei Clariant großen Wert auf Erfahrungen aus anderen Projekten, den Kenntnissen von lokalen Codes und Standards sowie der Präsenz vor Ort. Die Owners Engineers haben daher eine Reihe von Erfolgsfaktoren definiert:

  • klare Projektdefinition bezüglich Projektzielen, Umfang und Zeitplan,
  • definiertes Verfahren,
  • die Einhaltung des Engineering-Prozesses mit definierten Projektphasen,
  • Best-Practice-Projektorganisation mit klaren Verantwortlichkeiten,
  • Einsatz qualifizierter Anlagenbau-Partner sowie
  • eine klare Definition des Arbeitsumfangs und das konsequente Vermeiden von Änderungen.

BASF: Owners-Modell um EPC und Engineering-Partnerschaft erweitert

EPCM alleine reicht allerdings für die stark unterschiedlichen Projekte sowie den ehrgeizigen Wachstumskurs, den das Engineering der BASF begleitet, nicht aus. Der Chemiekonzern aus Ludwigshafen hat sich vorgenommen, seinen Umsatz von derzeit rund 74 Mrd. Euro bis zum Jahr 2020 auf 110 Mrd. Euro zu steigern. Dazu hat das Unternehmen weltweit eine beispiellose Investitionswelle angestoßen. Jährlich investiert der Konzern rund vier Milliarden Euro in neue Anlagen. Innerhalb der vergangenen drei Jahre wurde dafür nicht nur die Ingenieurtechnik von 600 auf nun rund 1.000 Ingenieure aufgestockt, sondern auch neue Formen der Projektbearbeitung etabliert.

Neben dem klassischen EPCM-Modell eines Owners Engineers schreibt das BASF-Engineering Projekte auch im EPC-Modell aus, außerdem wurden sogenannte „Engineering Partnerschaften“ etabliert, bei denen Anlagenbau-Partner zu bereits festgelegten Konditionen ohne Ausschreibung Projekte übernehmen. Die Engineering Partner wurden vorher über eine projektunabhängige Ausschreibung ausgewählt. „Eins ist allerdings klar: In der Konzeptionsphase werden wir so weit wie möglich eigene Leute einsetzen, denn hier liegt der höchste Werthebel“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Gerhardt, bei der BASF Senior Vice President Engineering. A und O bei der Auswahl des Modells ist die Steuerung der Ressourcen. Dies geschieht seit 2006 mit der Software Saprima (siehe Bericht in CT 6). „Damit machen wir sämtliche Ressourcen in verschiedenen Management-Funktionen und Phasen eines Projekts transparent. Das versetzt uns in die Lage, sicher zu sein, dass wir die benötigten Ressourcen haben, um ein Projekt anzunehmen“, so Gerhardt.

Reibungslos mit „Embedded Engineers“

Nach welchem Ausführungsmodell ein Projekt realisiert wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Für Projekte, in denen die BASF vorwiegend eigene Technologie einsetzt und bei denen die Anlagen in bestehende Standorte und Anlagen integriert werden, setzen die Ingenieure nach wie vor auf das klassische EPCM des Owners Engineering. Wenn gleiche Anlagen wiederholt gebaut werden sollen und dabei Technologie von Dritten zum Einsatz kommt, dann wird im klassischen EPC-Abwicklungsmodell gearbeitet. Wenn der Zeitdruck hoch ist, verzichten die Owners Engineers auf eine Angebotsphase und arbeiten mit vorher im Wettbewerb selektierten Engineering Partnern zusammen. „Dann müssen wir allerdings begründen, dass es dafür eine wirtschaftliche Grundlage gibt, denn das Bieterverfahren hat ja schließlich seine Vorteile“, erläutert Gerhardt.

In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen bereits Erfahrungen mit solchen Engineering-Partnerschaften gesammelt. „Zuerst mussten sich natürlich verschiedene Kulturen aneinander anpassen und ein gemeinsames Verständnis für Prozesse geschaffen werden. Mittlerweile arbeiten wir in Asien in der zweiten Projekt-Generation – und da ist in den Teams manchmal kaum noch erkennbar, ob es sich um einen Mitarbeiter der BASF oder eines Engineering Partners handelt“, so Gerhardt: „Für uns ist das ein echtes Erfolgsmodell.“

PEpC-Modell mit Lieferanten

Dass strategische Partnerschaften nicht nur zwischen Betreibern und Engineering-Anbietern sinnvoll sind, sondern auch zwischen Lieferanten und Anlagenbau-Unternehmen, verdeutlicht Roel van Doren, President Europe beim Automatisierungsspezialisten Emerson Process Management. Obwohl das Gewerk Automatisierung in EPC-Projekten lediglich einen Wertanteil von rund fünf Prozent hat, lassen sich durch frühzeitige Auswahl des Lieferanten Zeit und Kosten sparen. „Häufig werden Automatisierungsanbieter erst sehr spät in der Beschaffungsphase eines EPC-Projekts um Angebote gebeten. Dabei ist Prozessautomation ein strategischer Erfolgsfaktor“, bringt Van Doren die Situation auf den Punkt: „Die Folge solch später strategischer Entscheidungen sind teure Änderungen, Verzögerungen bei der Installation und langsame Inbetriebnahmen.“ Ähnlich wie beim Engineering-Partner-Modell plädiert der Anbieter für strategische Lieferanten-Partnerschaften im PEpC-Modell (Procurement, Engineering, procurement, Construction).

In der Praxis erstellt dabei der Anlagenbauer seine Wettbewerbs- und Kostenanalyse bereits vor Beginn des Engineerings – beispielsweise indem er ein virtuelles Projekt ausschreibt – und wählt auf dieser Basis einen Lieferanten aus. Van Doren: „Bereits die meisten unserer Kunden in Großprojekten gehen diesen Weg. Im Durchschnitt schaffen sie es dadurch, zehn bis fünfzehn Prozent Zeit und vier bis acht Prozent Kosten einzusparen.“

Fazit: Die Beispiele zeigen: Allein in der Branche Chemie sind die klassischen Rollenmodelle zwischen Betreiber, Owners Engineers, Anlagenbau und Lieferanten in Bewegung geraten. Entscheidend sind die jeweiligen Projektziele – einerseits Kosten, andererseits Realisierungszeit -, die es abzuwägen gilt. Top3914

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Heftausgabe: August 2014

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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