Gegensätze vereinbaren

Neues Kraftwerk im Industriepark Gersthofen

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04.08.2008 Steigende Preise für Öl und Gas treiben die Energiekosten in die Höhe und verteuern die Produktion. Wie ein Industriepark aus dem Kostendruck einen Wettbewerbsvorsprung machen kann, zeigt die Investition in ein neues Kraftwerk, das Ersatzbrennstoffe verbrennt und Wärme sowie Strom erzeugt. Was früher als Widerspruch galt, ergänzt sich heute zum Vorteil: Ökonomie und Ökologie auf gleicher Linie.

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Entscheider-Facts Für Betreiber



  • Veraltete Anlagen zur Dampferzeugung sind häufig überdimensioniert und damit unwirtschaftlich.
  • Über die Kopplung von Kraft und Wärme lässt sich die Energieeffizienz steigern.
  • Mit dem Ersatz fossiler Brennstoffe durch Rohstoffe wie EBS oder Holz können Betreiber sich vom Ölpreis entkoppeln.
  • Die Investition in eine neue Anlage kann so nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch wie sozial sinnvoll sein und den Standort stärken.

Eine effiziente Energieerzeugung und-versorgung gilt angesichts stark steigender Energiepreise auch für Industrieparks als Standortvorteil. Immerhin entfallen 25 bis 30% der Kosten in der chemischen Produktion auf die Energieversorgung, ein großer Teil davon wird als Dampf benötigt. Die Kraft-Wärme-Kopplung bei der Verbrennung von Ersatzbrennstoffen (EBS)ist ein Weg, um effizient und umweltfreundlich Energie zu erzeugen.

Kraft-Wärme-Kopplung

MVV Energiedienstleistungen investiert im Industriepark Gersthofen in Bayern rund 30Mio. Euro in ein neues Kraftwerk, das vier Chemieunternehmen ab Mitte 2009 mit Prozessdampf versorgen wird. Die vorhandene Anlage arbeitete nicht mehr effizient, denn Dampfbedarf und Anlagenkapazität stimmten auf Grund von Maßnahmen wie Energierückgewinnung und Kreislaufführung nicht mehr überein. „Der Dampfverbrauch ist seit den 1970er Jahren von 600000 auf etwa 150000t pro Jahr gesunken“, berichtet Dr. Hermann Teufel , Geschäftsführer der Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft IGS, die seit 2006 hundertprozentige Tochter der MVV Energiedienstleistungen ist. Und Matthias Bolle, Geschäftsführer der IGS, ergänzt: „Wir konnten den Energiepreis um etwa 15 bis 20% senken und haben langfristige Verträge mit den Abnehmern geschlossen. Der Standort gewinnt damit deutlich an Attraktivität.“

Ersatzbrennstoff EBS

Das neue 38,5MW Kraftwerk wird etwa 70000t EBS pro Jahr verbrennen, um daraus etwa 20,9MW Dampf, das sind etwa 43 t Dampf pro Stunde, und 2MW Strom zu gewinnen. Für Energiebedarfs-Spitzen bleiben aus der alten Anlage zwei Kessel mit 44 und 20 MW Leistung erhalten. Der neue Kessel verbrennt neben EBS auch die Abgase der Wachsbetriebe im Industriepark. EBS ist aufbereiteter Gewerbeabfall und weist mit 65Gew.-% einen hohen Anteil nachwachsender Energieträger wie Papier, Holz oder Textilien auf. Daneben sind 25Gew.-% fossile Energieträger wie Gummi, Verbundwertstoffe, 9Gew.-% Kunststoffe und weniger als 1Gew.-% Störstoffe.

Ökonomisch, ökologisch und sozial

„Die Triebkraft für die Investition war kein Idealismus, sondern schlichter Kostendruck“, betont Dr. Hermann Teufel. „Mit EBS sind wir vom stetig steigenden Ölpreis entkoppelt.“ Neben einem hohen Brennstoffnutzungsgrad tragen optimierte Produktionsprozesse, zum Beispiel über Wärmerückgewinnung bei Prozessen mit hohem Luftanteil oder der Einsatz von Energiemanagementsystemen sowie drehzahlgeregelte Antriebe dazu bei, die Energieeffizienz zu steigern. Dabei ist der Mensch im Produktionsprozess ein bedeutender Faktor. „Das Bewusstsein bei den Mitarbeitern ist wesentlich, um das Energieeffizienzpotenzial zu heben. Es ist wichtig, Mechanismen zu entwickeln, in denen der Mitarbeiter in die Basis eingebunden wird. Mit der Investition in die EBS-Anlage werden nicht nur ökonomische, sondern auch ökologische und soziale Aspekte berücksichtigt.“

Für Teufel gehört zum nachhaltigen Wirtschaften auch, mit Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen. Insofern sei die Nutzung von EBS ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz und werde der ökologischenNachhaltigkeit gerecht. Nicht zuletzt werde über das Projekt die Wettbewerbsfähigkeit des Industrieparks und seiner Kunden gestärkt, was Arbeitsplätze sichert. Im Gersthofener Industriepark arbeiten mehr als 1600 Menschen.

Nachhaltig investieren

Auch für die MVV Energiedienstleistungen spielt die Frage der Nachhaltigkeit eine wesentliche Rolle. Anders als die meisten Energieversorger investiert das Unternehmen in regenerative Energien. „Es gilt Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen“, erklärt Michael Lowak,Geschäftsführer der MVV Energiedienstleistungen. Dazu gehöre auch, Brennstoffe nach Möglichkeit lokal zu beziehen. So wird das Unternehmen demnächst in ein Biomasse-Kraftwerk investieren, das aus Holzhackschnitzeln Dampf für die Molkerei Zott in Mertingen erzeugt. Den Rohstoff liefern die Bayerischen Staatsforsten. Die Anlage im bayerischen Mertingen soll Ende 2008 in Betrieb gehen und mehr als 51000MWh Dampf sowie 9400MWh Strom liefern. Pro Jahr werden so 12700t Kohlendioxid gespart, berichtet der Energiedienstleister.

„Energieeffizienz gehört zum Wettbewerbsvorteil“
Dr. Hermann Teufel, Geschäftsführer Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft

Heftausgabe: August 2008

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert, Redaktion
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