Endlich stabil... oder?

Ölpreis-Prognosen für 2017

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10.02.2017 „Boden in Sicht?“ lautete die Ölpreis-Frage an dieser Stelle im vergangenen Jahr. Der Ölpreis pro Barrel war Anfang 2016 auf einen Tiefstand von unter 30 US-Dollar pro Barrel gefallen. Ob und wie er sich davon erholen würde, war Gegenstand zahlreicher Prognosen, die unterschiedlich präzise ausgefallen sind.

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Entscheider-Facts für Betreiber und Manager

  • Die OPEC versucht, den Ölpreis mit einem Förderlimit nach oben zu treiben. Bei steigendem Preis rentieren sich jedoch die US-amerikanischen Fracking-Brunnen, die das Angebot und damit den Preis um 55-US-Dollar/Barrel stabil halten können.
  • Die Streuung der Ölpreis-Prognosen fällt für 2017 geringer aus als in den Vorjahren, demzufolge ist mit einem stabileren Markt zu rechnen. Insbesondere in der zweiten Jahreshälfte sind aber Überraschungen möglich.

Prognosen 2016

Prognosen 2016: Wer lag richtig? – Hoch gepokert oder niedrig gesetzt: Wie verschiedene Organisationen zum Jahreswechsel 2015/2016 den Preis für ein Fass WTI in 2016 einschätzten. Grafik: CHEMIE TECHNIK

Am Ende stand im Dezember 2016 ein Ölpreis von knapp unter 55 US-Dollar, der Jahresdurchschnitt betrug 43,33 Dollar für ein Fass der Sorte WTI. Diesem Preis am nächsten lag die Jahresprognose von 43 Dollar, die die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs abgegeben hatten. Am weitesten daneben lag die US-amerikanische Energy Information Administration mit einem geschätzten Jahresdurchschnitt von 38 Dollar pro Barrel.

In diesem Jahr ist die Lage – bis jetzt – weniger dramatisch. Zu Jahresbeginn bewegte sich der Ölpreis im Bereich um 55 US-Dollar pro Barrel. Die Prognosen verschiedener Institutionen liegen in einer ähnlichen Größenordnung. Die Streuung der Vorhersagen für die Nordseesorte Brent reicht von 45 bis 58 US-Dollar. Sie fällt damit etwas geringer aus als noch im Vorjahr, als sich die Zahlen von 38 bis 58 Dollar erstreckten. 2015 reichte die Spanne sogar von 47 bis 80 Dollar.

Den höchsten Preis für ein Barrel Brent erwartet die US-Bank JP Morgan. Demnach soll im Jahr 2017 ein Fass im Schnitt 58,25 US-Dollar kosten. Etwas niedriger setzt Goldman Sachs an, der Prognosensieger des Vorjahres: Sie erwarten für Brent einen Jahresdurchschnitt von 57,4 US-Dollar. Dieser soll sich aus einem etwas niedrigeren ersten Quartal mit 56,5 Dollar, dann einem Anstieg auf 59 Dollar im zweiten Quartal und schließlich einer Stabilisierung um 57 Dollar in der zweiten Jahreshälfte ergeben. Einer Umfrage der Agentur Reuters zufolge liegt der Wert für 2017 etwas niedriger. Die befragten Analysten nannten im Durchschnitt einen Brent-Ölpreis von 57 Dollar. Die Weltbank erwartet 55,2 Dollar für ein Fass Brent. Die EIA zeigt sich optimistischer als bei der Fehlprognose im Vorjahr und sieht einen Jahresdurchschnittspreis von 53,5 Dollar. Pessimismus herrscht dagegen verglichen mit den anderen Prognosen bei der OECD, die mit 45 Dollar mit Abstand den niedrigsten Preis erwartet.

Ölpreis-Prognosen 2017: Optimisten und Pessimisten - Wer bietet mehr? Aktuelle Ölpreisprognosen verschiedener Marktforschungsinstitute (durchschnittlicher Preis pro Fass Brent in 2017). Grafik CHEMIE TECHNIK

Ölpreis-Prognosen 2017: Optimisten und Pessimisten – Wer bietet mehr? Aktuelle Ölpreisprognosen verschiedener Marktforschungsinstitute (durchschnittlicher Preis pro Fass Brent in 2017). Grafik CHEMIE TECHNIK

Dreh- und Angelpunkt dieser Prognosen ist das Verhalten der OPEC und ihrer Mitgliedsstaaten. Im Dezember 2016 beschloss das Kartell der Öl exportierenden Länder, die Fördermenge zu drosseln und dem Preisverfall einen Riegel vorzuschieben. Die Einigung hat fast historisches Ausmaß, das letzte Mal hat eine solche geplante Drosselung durch die OPEC im Jahr 2008 stattgefunden. Im Januar 2017 hat die Maßnahme tatsächlich begonnen: Das tägliche Förderlimit liegt bei 32,5 Mio. Barrel am Tag, rund 1,2 Mio. weniger als zuvor. Die Förderbegrenzung gilt zunächst für sechs Monate, also bis Mitte 2017. Die notorisch uneinigen OPEC-Staaten hatten bis zum Drosselungsbeschluss zäh miteinander verhandelt, wie hoch jeder Beitrag der einzelnen Mitglieder auszufallen hat. Ob sich tatsächlich alle Mitgliedstaaten für die geplante Dauer an die vereinbarten Fördergrenzen halten werden, ist offen. Sanktionen drohen bei Verstößen nicht.
Hinzu kommt, dass mit steigendem Ölpreis auch die Öl- und Gasfracker aus den USA wieder zurück auf den Markt rücken. Deren Fördermethode rentiert sich ab einem Ölpreis von etwa 40 US-Dollar / Barrel. Schüttet also die OPEC weniger Öl auf den Markt, steigt die durch Fracking geförderte Menge. Nachdem zunächst die Überschüsse verkauft sind, wird das Gesamtangebot an Öl und damit auch der Preis nahezu stabil bleiben. Dies erwarten beispielsweise die Investmentbanker von Goldman Sachs. Sie stellen daher in Frage, wie wirksam die Ölpreistherapie der OPEC wirklich ist.

„Ich erwarte, dass sich die Märkte innerhalb der ersten Hälfte dieses Jahres ausbalancieren“, sagt Fatih Birol, Executive Director der Internationalen Energie Agentur (IEA). Für die zweite Jahreshälfte prophezeit er allerdings „viel mehr Volatilität auf dem Markt“. Leichten Optimismus verbreitet das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. Dessen Marktforscher sehen bei einem Preis von mindestens 55 US-Dollar pro Barrel zumindest die Chance für die Ölförderer, den Cash Flow umzudrehen und endlich wieder Gewinne einzufahren. Tom Ellacott, Senior Vice President Corporate Analysis Research bei Wood Mackenzie, prophezeit „ein Jahr der Stabilität und der Gelegenheiten für Öl- und Gasunternehmen“. Allerdings rechnen die Marktforscher auch 2017 kaum mit neuen Großinvestitionen der Ölriesen.

Dem gegenüber steht jedoch eine Erhebung der Beraterfirma Energy Market Square, derzufolge die Branche geradezu in Kaufrausch verfällt. Als Reaktion auf die OPEC-Förderkürzung und den stabilisierten Ölpreis haben die Energieunternehmen im Dezember 2016 dreimal so viel Geld investiert wie im Monat davor, nämlich rund 31 Mrd. US-Dollar. Diese Ausgaben für Öl- und Gasfelder entsprechen fast einem Viertel des gesamten Investitionsvolumens von 2016. Die Einkäufe fanden rund um den Globus statt: BP investiert in Ägypten und Westafrika, Total und Statoil vor Brasilien, Rosneft ebenfalls in Ägypten, und Exxon Mobil greift in Papua-Neuguinea zu. Anders als bei den Großfusionen der 1990er Jahre kaufen die Riesen im Moment jedoch vor allem kleine Häppchen dazu.

CT-Artikel: Boden in Sicht? Ölpreis-Prognosen für 2016

CT-Artikel: Ölpreis – Jahresrückblick 2016

CT-Artikel: Opec will reduzieren, Fracker geben Gas

CT-Artikel: Wood Mackenzie sieht Licht am Ende des Öl-Tunnels

Heftausgabe: Januar/Februar 2017
Ansgar Kretschmer, Redaktion

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