Projekte im Ölpreis-Stresstest

Ölpreis-Verfall: Folgen für den Anlagenbau

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

05.03.2015 Es waren gleich zwei Paukenschläge, welche die Chemieanlagenbauer im Januar aufhorchen ließen. Erst stoppte der Ölkonzern Shell sein auf 6,5 Mrd. US-Dollar taxiertes Petrochemieprojekt Al Karaana in Katar, dann gab der südafrikanische Sasol-Konzern bekannt, dass die Entscheidung, ob der 14 Mrd. US-Dollar teure GTL-Komplex in Louisiana gebaut wird, erst einmal auf Eis gelegt wird. Die Projekte sind sehr verschieden, die Gründe für die aktuelle Entwicklung dieselben: niedriger Ölpreis und hohe Baukosten. Fallen die Projekte nun wie Dominosteine?

Anzeige

Entscheider-Facts Für Planer


  • Die meisten großen Öl- und Gaskonzerne haben in den vergangenen Wochen angekündigt, dass sie Investitionen in erheblichem Umfang zurückfahren wollen.
  • Der Downstream-Bereich des (Petro-)Chemieanlagenbaus ist bislang kaum von Projektstopps betroffen, allerdings werden manche Projekte in den kommenden Monaten neu kalkuliert werden.
  • Klar scheint, dass mittelfristig der Wettbewerbsdruck im Anlagenbau durch die aktuellen Entwicklungen steigen wird.
Hier finden Sie die Meldung zur Verschiebung des Sasol-GTL-Projekts. Hier gehts zum CT-Bericht zur Absage des Shell-Al Karaana-Projekts. Hier finden Sie die derzeit aktuellen Anlagenbauprojekte. Eine CT-Meldung zum Baubeginn bei US-Ethancrackern finden Sie hier. top31505 Die Folgen des Ölpreisverfalls für den europäischen Anlagenbau werden auch auf dem 4. Engineering Summit Thema sein. Programm und Referentenliste finden Sie hier.

Die Situation birgt Widersprüche. Auf der einen Seite die Beteuerungen großer (Petro-)Chemieunternehmen, dass ihr Entscheidungshorizont für Großinvestitionen unbeeinflusst von kurzfristigen Ölpreisschwankungen ist, sondern vielmehr von den langfristigen Erwartungen und Perspektiven für die Wirtschaftlichkeit der Projekte abhängt. Auf der anderen Seite Meldungen wie die oben erwähnten, bei denen potente Großinvestoren genau solch langfristig angelegte Investitionen verschieben oder gar stoppen.

Fakt ist: Die meisten großen Öl- und Gaskonzerne haben in den vergangenen Wochen angekündigt, dass sie Investitionen in erheblichem Umfang zurückfahren wollen. So kündigte der Ölkonzern BP an, im laufenden Jahr zwischen vier und sechs Milliarden Dollar weniger investieren zu wollen, als ursprünglich geplant (es bleiben immer noch 20 Mrd. USD). Der größte private russische Ölproduzent Lukoil wird sein Investitionsbudget um 2 Mrd. Dollar auf ebenfalls 20 Mrd. USD reduzieren. Der US-Konzern Chevron will seine Ausgaben für neue Anlagen um 13 Prozent auf 35 Mrd. USD zurückfahren. Der niederländische Wettbewerber Shell plant, über drei Jahre hinweg jährlich 15 Mrd. Dollar weniger auszugeben, als noch im vergangenen Jahr. Beim französischen Energieproduzenten Total sollen die Ausgaben zur Ölförderung in diesem Jahr um 30 Prozent heruntergefahren werden – 2014 waren noch 2,8 Mrd. USD investiert worden.

Nahezu alle Ölkonzerne mussten im vergangenen Jahr deutliche Abstriche beim Gewinn machen. Beim Branchenprimus Exxon Mobil ist der Gewinn um 21 Prozent auf 6,57 Mrd. USD eingebrochen. Auch Exxon Mobil will seine Ausgaben deshalb kürzen. Das Unternehmen ist dem Informationsdienst Industrial Info zufolge derzeit an Projekten mit einem Gesamtvolumen von 80 Mrd. USD beteiligt. Dabei hat der Ölpreis-Verfall der vergangenen neun Monate lediglich einen Trend beschleunigt, der sowieso bereits im Gang war: Da die Kosten für die Erschließung neuer Ölfelder in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind und gleichzeitig Aktionäre höhere Dividenden fordern, hatten die Konzerne bereits vor einem Jahr Ausgabenkürzungen angekündigt.

Petrochemie-Unternehmen weiterhin profitabel
Doch während das Explorationsgeschäft leidet, verdienen die Unternehmen und ihre Petrochemie-Töchter im Downstream-Segment mit der Produktion von Petrochemikalien nach wie vor gutes Geld. Gerade bei den in Nordamerika aktiven Spielern hat der Einsatz billiger Schiefergas-Bestandteile als Rohstoff die Gewinne in den letzten Jahren stark sprudeln lassen. Es drängen sich Analogien zu der Entwicklung im Mittleren Osten vor zwei Jahrzehnten auf. Durch die Ausweitung des Downstream-Geschäfts waren die Öl- und Gasmultis am Persischen Golf zu den weltweit wichtigsten Exporteuren für Petrochemie geworden.

Heftausgabe: März 2015
Seite:

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon