Glasnost wird zum Muss

Offenheit als Wettbewerbsfaktor in der Chemie

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04.08.2016 In vielen Branchen spielen kollaborative Konzepte, mit denen die eigenen Unternehmensgrenzen überschritten werden, eine wichtige Rolle. Diese „neue Offenheit“, die für die zielgerichtete Transformation von Chemie- und Pharmaunternehmen von großer Bedeutung ist, stand im Mittelpunkt der diesjährigen „perspectives“-Veranstaltung, zu der Infraserv Höchst im Juni eingeladen hatte.

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Entscheider-Facts für Betreiber und Manager

  • Chemieunternehmen, die Innovationen und Verbesserungen nicht nur in kleinen Schritten voranbringen wollen,  müssen sich für kollaborative Konzepte öffnen.
  • Der Schutz geistigen Eigentums wird bei Entwicklungsvorhaben häufig überschätzt.
  • Wenn Unternehmen Entwicklungen behindern, die ihr eigenens Kerngeschäft gefährden, dann droht Gefahr vom Wettbewerb.
  • Die Zusammenarbeit mit Start-ups ist eine Möglichkeit, Impulse von außen zu nutzen.

Das Uber-Gespenst geht auch in der Chemie um. Drohen der Chemiebranche ähnlich wie den Taxibetreibern „Disruptionen“, die das Geschäftsmodell einzelner Unternehmen gefährden können? Am besten schützen da eigene Innovationen. Allerdings sind klassische Entwicklungs- und Optimierungsansätze inzwischen zu langsam. Der Schlüssel liegt in einer offenen Innovationskultur – diese muss die Chemie erst noch lernen, wurde bei der Tagung „Perspectives“ in Frankfurt deutlich.

Dass Innovationen die Bereitschaft zum Risiko erfordern, ist eigentlich eine Binse – und das Ergebnis einer VCI-Studie, dass mangelnde Risikofreude das größte Innovationshemmnis ist, war im vergangenen Jahr insofern auch nicht überraschend. Allerdings gehören auch noch zwei bislang weniger beachtete Aspekte zu den fünf größten Innovationshemmern: Je ein Viertel der Befragten der Studie „Innovationen den Weg ebnen“ wählten einen fehlenden cross-funktionalen und cross-regionalen Austausch sowie eine fehlende Offenheit gegenüber neuen Ansätzen unter die Top Fünf der größten Innovationshemmnisse.

Kein Widerspruch: Offenheit und Know-how-Schutz

Doch wie lässt sich „Offenheit“ mit dem Schutz geistigen Eigentums vereinbaren? An dieser Frage scheitern insbesondere in der Chemie bei der Entwicklung neuer Produkte und Technologien bislang unternehmensübergreifende kollaborative Konzepte. „Viele Unternehmen stehen sich selbst auf den Füßen, weil sie den Austausch von Informationen behindern“, sagt der Innovationsmanager Dr. Georg F. L. Wießmeier, CTO und Innovation Officer der belgischen Sibelco Group. Seiner Meinung nach können bis zu 95 % der Daten in einem Entwicklungsprozess ohne Gefahr ausgetauscht werden.

Wießmeier war einer von acht Rednern, die sich auf dem vom Standortbetreiber Infraserv Höchst veranstalteten Branchen-Event „Perspectives“ im Juni für kollaborative Konzepte und „Die neue Offenheit“ stark gemacht hatten. Die Redner waren sich weitgehend einig: Um der Chemie- und Pharmaindustrie den Zugang zu neuen Märkten und Geschäftsmodellen zu ermöglichen, reichen schrittweise Verbesserungen nicht mehr aus. Ein offener Austausch mit Kunden und anderen Innovationstreibern tut not. „Geistiges Eigentum muss man schützen, allerdings erst in späten Entwicklungsphasen“, meint beispielswiese Dr. Fred van Ommen, ehemaliger Senior Vice President Innovation bei Philips: „Meist geht es um die Frage, wie man aus einer Idee ein Geschäft macht, und weniger darum, wie die Technologie aussieht.“ Aus Sicht von Dr. Klaus Jaeger, Leiter des Standortverbunds NRW vom Kunststoffhersteller Covestro, ist Innovationsgeschwindigkeit sogar wichtiger als Geheimniskrämerei: „Vor dem Wettbewerb schützt man sich nicht durch Abschottung, sondern durch Schnelligkeit.“

Umfeld und Kultur für kollaborative Konzepte schaffen

Diese Kultur wollen Chemieparkbetreiber wie die Frankfurter Infraserv Höchst ganz praktisch befördern, indem sie beispielsweise bei der Neuansiedlung und bei Baumaßnahmen Campus-Konzepte umsetzen und Aus- und Weiterbildungszentren sowie Hochschulen am Standort integrieren. Außerdem gerät die Kooperation mit Start-up-Unternehmen immer stärker in den Fokus der großen Unternehmen. „Mehr als 70 % aller disruptiven Innovationen kommen von Start-ups“, verdeutlicht Dr. Matthias Meyer, Gründer und Leiter der BMW Startup Garage, die Bedeutung der jungen Unternehmen. Für den Autohersteller hat der „Start-up-Inkubator“ deshalb eine Methodik für die Zusammenarbeit mit Start-ups entwickelt, um sich deren Kreativität zunutze zu machen. Zunächst soll der Juniorpartner innerhalb von vier Monaten zeigen, was dessen Technologie kann. In dieser Phase liegen die Rechte am geistigen Eigentum komplett beim Start-up. Erst danach wird entschieden, ob die Kooperation vertieft wird.

Warum die Zusammenarbeit mit den jungen Unternehmen so wichtig ist, verdeutlicht Meyer: „Großunternehmen fällt es schwer, ihr eigenes Kerngeschäft zu stören.“ Eine Gefahr, die Fred van Ommen am Beispiel Kodak ausführte: Dort wurde die Entwicklung der Digitalfotografie unterdrückt, weil dadurch das Filmgeschäft gefährdet war – eine verheerende Fehlentscheidung. „Die Zusammenarbeit mit Start-ups ist auch für die Chemie eine Möglichkeit, um Verfahrensverbesserungen und die Energieeffizienz voranzubringen“, ist Meyer überzeugt.

Offenheit und Transparenz sind für die Chemie erfolgskritisch

Doch „Offenheit“ ist nicht nur in Sachen Forschung und Entwicklung gefragt, sondern vor allem auch bei der Unternehmenskommunikation – sowohl nach außen als auch nach innen. Dass sich Probleme wie Unfälle und Störungen in Chemiebetrieben nicht unter den Teppich kehren lassen, hat die Chemie gerade am Standort Höchst bereits vor zwei Jahrzehnten zum Teil schmerzhaft gelernt. „Offenheit und Transparenz in der Kommunikation ist für mich ein Kern-Erfolgsfaktor für die Chemie“, verdeutlicht Infraserv-Geschäftsführer Dr. Jürgen Vormann. Allerdings zeigte sich in der lebhaften Diskussion, dass es nach wie vor Licht und Schatten gibt. So beklagten einige Teilnehmer beispielsweise, dass es für die Chemie immer schwieriger wird, sich in der Politik und auch der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Dass dies von der Chemieindustrie zum Teil selbst verschuldet ist, merkte ein Chemiepark-Experte selbstkritisch an: „Die Chemie hat die Öffentlichkeit immer wieder mit der Drohung abzuwandern erpresst – diese Kommunikationshistorie haben wir nie aufgearbeitet.“ „Man kann seine Kreditwürdigkeit schnell verspielen, wenn man als Lobbyist auftritt. Es ist wichtig, dass man im Dialog mit der Politik offen und ehrlich ist – das kann auch schmerzhaft sein“, pflichtet Vormann bei.

Dass auch die Offenheit im Unternehmen selbst ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, beschrieb Dr. Klaus Jaeger, Covestro. Die erfolgreiche Transformation von Bayer Material Science hin zu Covestro im vergangenen Jahr war vor allem den Mitarbeitern geschuldet. „Bereits in der Entscheidungsphase war sehr viel Kommunikation nach innen und außen gefragt“, so Jaeger. Nur mit großer Transparenz und einer klaren Kommunikation der unternehmerischen Ziele konnten die Mitarbeiter diesen Weg mitgehen.

Fazit: Offenheit vergrößert die Möglichkeiten, eigene Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Chemieunternehmen sollten prüfen, wo sie sich öffnen können und wo der Know-how-Schutz tatsächlich wichtig ist – weniger ist mehr. Für den Industriepark-Experten und Veranstaltungsmoderator Dr. Lothar Meier, Infraserv, ist der Fall klar: „Offenheit ist nicht einfach, aber ohne Offenheit werden wir den Transformationsprozess in unserer Industrie und an unseren Standorten nicht gestalten können.“

ZUR VERANSTALTUNG
Perspectives

Mit Perspectives hat Infraserv Höchst eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, die Schlaglichter auf die aktuellen und relevanten Themen zur Zukunft des Chemie- und Pharmastandortes Deutschland wirft. Die diesjährige Veranstaltung, die im Juni am Frankfurter Flughafen stattfand, stand unter dem Motto „Die neue Offenheit“. Chemie- und Pharmaunternehmen müssen sich zunehmend öffnen, um erfolgreiche Transformationsprozesse zu gestalten. Allerdings ist eine Öffnung gerade für die chemische und pharmazeutische Industrie naturgemäß gewöhnungsbedürftig. Dafür gibt es zahlreiche Gründe, wie zum Beispiel der Schutz des geistigen Eigentums und die Sensibilität der Fertigungsprozesse. Die nächste Perspec­tives wird am 29. Juni 2017 stattfinden – auch dort werden Transformationsprozesse in der Chemie das Thema sein.

Das Unternehmen gibt hier einen Rückblick „perspectives 2016“

Heftausgabe: August 2016
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