Interview mit Dr. Norbert Kuschnerus, Bayer Technology Services

Optimierte Prozessführung bedeutet mehr als Messen, Steuern und Regeln

13.10.2008 Prozessautomatisierer haben seit einiger Zeit ein neues Thema besetzt: Die Prozessoptimierung. Doch diese erfordert mehr als klassische Messwerte. Unterschiedliche und zum Teil konkurrierende Optimierungsziele setzen ein tiefgreifendes Prozessverständnis voraus. Im Interview mit der CT erklärt Dr. Norbert Kuschnerus, Leiter Process Management Technology bei Bayer Technology Services (BTS) und Vorstandsvorsitzender der Namur, die neue Rolle der Automatisierung.

Anzeige

CT: Operational Excellence müsste eigentlich vom Management der Prozessbetreiber betrieben werden. Wie kommt es, dass Dienstleister und Prozessautomatisierer das Thema besetzen?

Kuschnerus: Als ein Dienstleister gehört es zu unseren Aufgaben, Trends frühzeitig zu erkennen. Bevor Bayer Technology Services damit begonnen hat, das Thema zu forcieren, haben wir uns bei Produktionsleitern umgehört und schnell festgestellt, dass die Operational Excellence-Initiative genau den Nerv treffen würde. Mittlerweile haben eine ganze Reihe großer Chemie- und Pharmaunternehmen solche Initiativen gestartet.

CT: …unter anderem Lanxess, deren Vorstand im Frühjahr 2008 angekündigt hat, in den kommenden zwei Jahren an den deutschen Standorten eine halbe Milliarde Euro in Operational Excellence-Maßnahmen investieren zu wollen.

Kuschnerus: Dort wird das Thema weltweit bearbeitet – von einer Fachabteilung, die mittlerweile eigens dafür eingerichtet wurde. Aber auch Bayer hat eine solche Initiative gestartet, wobei neben Operational Excellence auch die Aspekte Energieeinsparung und Climate Check dazu kommen. Das spielt alles zusammen. Die großen Unternehmen fangen an, die Bedeutung der Operational Excellence zu begreifen und tatsächlich auch in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Ziel ist es, die Performance der Anlagen und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

CT: Von der Seite der Automatisierer ging also der Anstoß aus – erzeugen Sie mit Ihrem Engagement auch selbst die Nachfrage nach „Operational Excellence“?

Kuschnerus: Das ist natürlich immer interaktiv, aber: Ja, wir erzeugen auch Nachfrage. Übrigens nicht nur als Automatisierer. BTS bietet ja die gesamte Technologie für verfahrenstechnische Prozesse an. Die Automatisierung liefert aber auf jeden Fall einen sehr wichtigen Beitrag zur Operational Excellence.

CT: Wie sieht dieser konkret aus?

Kuschnerus: Vereinfacht gesagt: Wir holen noch den letzten Rest aus den Anlagen raus. Denn unsere Erfahrung ist: Auch wenn der Prozess von der Verfahrenstechnik her in Ordnung ist, der Mensch kann ihn nicht so gut führen wie eine gute Maschine. Wenn man die optimale Prozessführung mit Mitteln der Automatisierung entwerfen und auslegen kann, dann kann sehr gut ausgebildetes Personal im laufenden Betrieb in Ruhe überlegen und austesten, was noch verbessert werden kann. Auf diese Art und Weise lassen sich noch einmal zehn Prozent mehr Leistung oder aber Kosteneinsparung aus dem Prozess holen.

CT: Wird das Personal in der Leitwarte also überflüssig?

Kuschnerus: Nein. Es lassen sich nicht alle Situationen vorhersehen und durch Automatisierungssysteme abdecken. In der Messwarte wird immer noch der Mensch gebraucht, der in nicht vorhergesehenen Situationen eingreift. Aber so lange man die Anlage in den vorgedachten Bereichen fährt, kommt man deutlich näher an das Limit heran. Ein einfaches Beispiel: Wenn man Regelschwankungen herausnimmt, dann kann man näher an die verfahrenstechnische Grenze gehen.

CT: Anlagen leben – sie werden verändert oder erweitert. Entsprechend muss Prozessoptimierung über den ganzen Lebenszyklus betrieben werden. Wie langfristig sind Ihre Projekte angelegt?

Kuschnerus: Natürlich muss man den Maintenance-Prozess berücksichtigen. Ein typisches Optimierungsprojekt läuft über sechs bis neun Monate bis zur Implementierung. Dabei wird auch die weitere Vorgehensweise verabredet. Wenn man den Maintenance-Prozess nicht berücksichtigt und vereinbart, dann hat man den Optimierungs-Gewinn nur zwei bis drei Jahre lang. Danach ist die Anlage häufig wieder im alten Zustand außerhalb des Optimums.

CT: Die Anlagenwartung wird von den Betreibern in der Praxis häufig als „Loss-Center“ gesehen und der Einfluss auf die Anlagenverfügbarkeit unterschätzt. Hat hier bereits ein Umdenken eingesetzt?

Kuschnerus: Wir sind da sicherlich noch nicht so weit, wie wir es uns wünschen. Drei Jahre nach einer Optimierung kann es dann sein, dass das nächste Projekt notwendig wird. Aber das ändert sich. Der Maintenance-Prozess wird immer mehr zum Life-Cycle-Management-Prozess. Mehr und mehr Kunden verlangen auch von uns Maintenance-Konzepte. So transferieren wir immer wieder unser know how zusammen mit Mitarbeitern aus den Projekten z.B. in die Bayer-Konzerngesellschaften.

CT: Mitarbeiter, die Ihnen in Zeiten des Ingenieurmangels doch fehlen müssen…

Kuschnerus: Das ist leider so. Aber BTS hat im Bayerkonzern ohnehin die Aufgabe, die Ingenieure einzustellen, die dann später in den übrigen Bayer-Gesellschaften gebraucht werden. Und ein Vorteil ist, dass wir dadurch immer eine junge Mannschaft und frische Ideen haben. Außerdem bedienen wir uns bei der Besetzung von Managementpositionen wiederum der dann erfahrenen Mitarbeiter aus den Teilkonzernen.

CT: Welche Bedeutung haben die Aspekte Anlagenbewirtschaftung und Logistik im Hinblick auf Operational Excellence?

Kuschnerus: Eine enorm große. Die Logistikkosten berechnet auf den Umsatz betragen durchschnittlich 12 %. Best in class ist ein Wert von 6 %. Und es gibt Firmen, deren Umflaufvermögen bei 30 bis 50 % des jährlichen Umsatzes liegen. Allein aus diesen Angaben wird klar, wie viel Potenzial hier besteht. Aber häufig ist die Sicht eine ganz andere: Wenn Betriebe zum Beispiel glauben, Produktionsaufträge nicht mehr annehmen zu können, weil sie ausgelastet sind, greift oft eine moderne Produktionsoptimierung. Ein Kunde konnte beispielsweise im Mittel 30 Aufträge pro Tag nicht annehmen. Durch eine Optimierung der Produktionsplanung mit genetischen Algorithmen wurde es möglich dies auf drei pro Tag zu reduzieren.

Mehr und mehr müssen auch globale Produktionsverbünde optimiert werden. Und selbst der Gedanke einer „grünen Logistik“ kann inzwischen ein Optimierungsziel sein Das verlangt komplexe Ansätze, das schafft man nur über aufwendige mathematische Modelle und Optimierungsprogramme.

CT: Operational Excellence ist also kein Automatisierungsthema sondern ein interdisziplinärer Ansatz.

Kuschnerus: Unbedingt. Deshalb haben wir den Bereich „Automatisierung“ bei BTS „Process Management“ genannt. Wir sprechen zwar noch von der „Automatisierung“, meinen aber viel mehr als die alte Mess- und Regeltechnik. Unsere Teams bestehen aus Naturwissenschaftlern der unterschiedlichsten Fakultäten. Ein Mittel, um Operational Excellence zu erreichen, ist die Automatisierung. Sehr wichtig ist aber das enge Zusammenspiel mit der Verfahrenstechnik und dem Engineering. Nur mit einer auf den jeweiligen Prozess hin optimierten interdisziplinären Vorgehensweise kann man eine Produktion an den technischen Grenzen fahren.

CT: Was wird sich durch die Forderung nach „Operational Excellence“ im Rollenspiel zwischen Herstellern, Dienstleistern und Prozessbetreibern ändern?

Kuschnerus: Eine vielschichtige Frage. Die Hersteller von Automatisierungskomponenten oder -systemen verstehen oftmals den Produktionsprozess des Kunden nicht wirklich. Außerdem versuchen insbesondere die großen Hersteller aufgrund des Kostendrucks Produkte anzubieten, die für die ganze Breite der Industrie nutzbar sind – und können deshalb kaum auf spezifische Anforderungen eingehen. Der Produzent aus der Prozessindustrie kennt seinerseits nicht alle technischen Möglichkeiten, die die Hersteller von Automatiserungssystemen und -komponenten anbieten.

Hier kommt der Dienstleister in einem harmonischen Dreiklang ins Spiel: Unsere Erfahrung ist, dass wir als Mittler zwischen Hersteller und Produzent für das Design von Operational Excellence Fachleute brauchen, die den Produktionssprozess verstehen und über eine vernünftige, problembezogene Automatisierung das Maximum herausholen können. Das sind Ingenieure und Naturwissenschaftler, die sowohl die chemische Verfahrenstechnik als auch die Mess- und Regeltechnik verstehen. Die sind dünn gesät und wir holen diese inzwischen schon aus ganz Europa zu uns.

CT: Eine Chance also für spezialisierte Anbieter von
Automatisierungstechnik?

Kuschnerus: Eindeutig. Ein Beispiel sind mittelständische Unternehmen, die spezifische Sensoren anbieten. Wir haben ja am Rande der Automation 2008 über die vor drei Jahren vorgestellte Roadmap Sensoren diskutiert. Da gehen die großen Hersteller kaum dran, da von den dort identifizierten Sensoren keine ausreichend hohen Stückzahlen zu erwarten sind – wobei jeder Hersteller die Grenze für sich selbst festlegt. Aber ich sehe klar den Trend, dass man im Hinblick auf Operational Excellence mehr und mehr prozessspezifische Lösungen anbieten muss.

CT: Einige Leitsystemhersteller haben sich gerade in den letzten Jahren dem Endkundengeschäft verschrieben.

Kuschnerus: Dahinter stehen natürlich auch kommerzielle Interessen. Bei Projekten, die mit großen Anlagenbaufirmen als Systemintegratoren abgewickelt werden, ist der Preis- und Wettbewerbsdruck auf die Leitsystemhersteller enorm hoch. Und ein Endkunde hat tendenziell eine größere Produkttreue, da er sich nicht nur auf ein Projekt fokussiert aus Gründen der Wartung, Betreuung und Bedienung einen viel längeren Zeitraum betrachtet. Und so lockt hier ein dauerhaftes Geschäft. Aber dennoch bleibt bei den Herstellern der Wunsch, möglichst viele Industrien generalistisch zu bedienen. Als Systemintegrator oder spezialisierter Dienstleister müssen Sie sich dagegen schon aus Gründen der Manpower auf wenige Branchen konzentrieren. Und dort ist dann aber mehr Kompetenz für diese speziellen Problemstellungen vorhanden.

CT: Dennoch ändert sich die Rollenverteilung: Leitsysteme werden mehr und mehr mit MES-, Asset-Management- oder Sicherheitsfunktionen angeboten. Ob System-, Interface- oder Sensor-anbieter, viele erweitern ihr Portfolio und die Funktionen ihrer Produkte derzeit, um sich etwas von der nächst höheren Ebene zu holen…

Kuschnerus: …oder von der nächst tieferen.

CT: Wie sehen Sie diesen Trend?

Kuschnerus: Das galt schon immer: Man muss im Vorgarten des Nachbarn umgraben, wenn man nicht will, dass dieser bei einem selbst umgräbt. Ein Systemintegrator wie BTS hat es eigentlich lieber, wenn es am Markt Module mit einem klar umrissenen Funktionsumfang gibt, die wir zu einem System zusammensetzen können. Dadurch können wir uns das Beste für die jeweilige Aufgabe aussuchen. Komplettsysteme, die nie komplett sein können, machen uns das Leben eher schwer, weil wir für ein auf die Aufgabe optimiertes System manche Funktionen mehrfach einkaufen müssen. Häufig sind die neuen Funktionen im „Komplettsystem“ nicht so gut, wie die Lösung eines langjährig auf die Funktion, beispielsweise eine Sicherheits-SPS, ein MES etc., spezialisierten Anbieters.

CT: Ist die Komplettlösung vielleicht auch der Versuch, das Projekt ohne Systemintegrator abzuwickeln?

Kuschnerus: Ja, sicher. Natürlich gibt es Betreiber, die keine eigene technische Kompetenz haben und diese auch nicht separat einkaufen wollen. Aber von einem Trend würde ich noch nicht sprechen. Unter den Namur-Mitgliedsfirmen hat sich das Komplettangebot „Main Automation Vendor“ bislang nicht durchgesetzt.K

„Wir sprechen zwar noch von der „Automatisierung“, meinen aber viel mehr als die alte Mess- und Regelungstechnik“
Dr. Norbert Kuschnerus ist Leiter Process Management Technology und Senior Vice President der Bayer Technology Services und Vorstandsvorsitzender der Namur
„Wenn man Regelschwankungen herausnimmt, dann kann man näher an die verfahrenstechnische Grenze gehen“

Heftausgabe: Sonderausgabe Prozessautomatisierung 2008

Über den Autor

Scheuermann
Loader-Icon