Wer„Ja“ sagt, sagt auch „Nein“

Probleme bei der Entscheidungsfindung?

15.09.2017 Tue ich dies oder das? Bewerbe ich mich als Projektleiter in Hamburg oder als Software-Entwickler in München? Arbeite ich weiterhin angestellt oder mache ich mich selbstständig? Immer häufiger stehen wir bei unserer Lebensplanung vor solchen Fragen.

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Bild: Production Perig – Fotolia

Ja oder Nein? Entscheidungen, die viel Eigenverantwortung erfordern, sind schwierig zu treffen.
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Denn nicht nur die Situation auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch die Strategien der Unternehmen ändern sich in stets kürzeren Zeitabständen, betont Michael Schwartz, Inhaber des Ilea-Instituts, Esslingen. Eine Umstrukturierung jagt die nächste. Und stets werden dabei die Karten – sprich Aufgaben, Posten, Privilegien – neu verteilt. Deshalb stehen die Angestellten der Unternehmen immer häufiger vor der Frage „Mache ich das noch mit?“, sofern ihr Stuhl nach der Umstrukturierung nicht ohnehin vor der Tür steht.

Und privat? Auch hier müssen wir uns häufiger entscheiden. Unter anderem, weil wir mehr Wahlmöglichkeiten als früher haben. Das fängt beim Einkauf im Supermarkt an, wo wir uns beim Anblick der endlosen Kühlregale oft fragen „Soll ich nun diesen oder jenen Joghurt oder doch einen Quark kaufen?“, und endet bei der Wahl des Berufs, Wohnorts und Lebenspartners. Stets haben wir scheinbar unendlich viele Möglichkeiten. Deshalb müssen wir uns schärfer als unsere Eltern fragen: Wie will ich leben? Wo will ich leben? Und: Mit wem will ich leben?

Dies zu entscheiden, fällt vielen Menschen schwer. Sie taumeln ihren Launen folgend stets hin und her. „Denn je mehr Wahlmöglichkeiten wir haben, umso größer ist die Gefahr, dass wir uns nicht entscheiden; außerdem die Gefahr, dass wir Entscheidungen vorschnell über Bord werfen, weil sich uns neue, scheinbar attraktivere Alternativen bieten“, betont der Managementberater und -coach Dr. Albrecht Müllerschön, Starzeln. Zum Beispiel in Form einer feschen Blondine oder eines Jünglings mit Waschbrettbauch, die uns anziehender erscheinen als unser aktueller Lebenspartner, mit dem wir seit Jahren abends auf dem Sofa sitzen. Plötzlich stellt sich uns die Frage „Mit wem will ich leben?“ neu.

Alles ist (nicht) möglich

Viele Menschen überfordert die ständige Notwendigkeit, sich zu entscheiden. Auch weil wir in mehr Lebensbereichen Eigenverantwortung übernehmen sollen, zum Beispiel für Gesundheitsvorsorge, Altersvorsorge oder berufliche Qualifizierung. Und stets müssen wir entscheiden „Tue ich dies oder das?“. Das fällt vielen Menschen schwer, denn sich entscheiden bedeutet stets, nicht nur „Ja“, sondern auch „Nein“ zu sagen. „Also auf Dinge verzichten“, weiß Dierk Rommel, Karrierecoach und -berater aus Hamburg. „Und die Zahl der Dinge, zu denen wir ‚Nein’ sagen müssen, ist umso größer, je mehr Optionen uns unsere Umwelt bietet.“ Spare ich mein Geld nun für ein Haus oder fürs Alter? Alles zugleich ist meist nicht möglich – außer wir sind „Erbe von Beruf“.

Ebenso ist es im beruflichen Bereich. „Wenn ein Unternehmen einen Betrag x für seine Mitarbeiter ausgibt, kann es ihn nicht nochmals in Maschinen investieren. Wenn es beschließt‚ Weltmeister in Sachen ‚Service‘ zu sein, kann es nicht zugleich der ‚billigste Anbieter‘ sein“, so Müllerschön. Also muss auch hier entschieden werden: Was ist wichtiger? Was bringt uns langfristig weiter? „Deshalb wird speziell von Führungskräften Entscheidungskraft gefordert.“ Diese zeigen viele Menschen nicht – beruflich und privat. „Auch weil immer schwieriger vorhersehbar ist, wie sich unsere Zukunft gestaltet“, betont der Experte für Intuition Peter Simon Fenkart, Stuttgart. Keiner kann heute mehr mit Sicherheit sagen: Wenn ich dies tue, bin ich in zehn Jahren am Ziel. Die Richtigkeit unserer Entscheidungen steht immer unter einem Vorbehalt, weil sie von zahllosen Faktoren beeinflusst wird.

Mehr offene Fragen

Fenkart nennt ein Beispiel: Ein Paar erwägt, ein Eigenheim zu bauen. Früher lautete dann die zentrale Frage der angehenden Häuslebauer: Können wir das Eigenheim finanzieren? Diese Frage müssen sie sich auch heute stellen. Mindestens ebenso wichtig ist aber, dass sie für sich folgende Fragen beantworten: Möchten wir überhaupt langfristig ein Paar bleiben? Werden wir, wenn das Haus bezugsfertig ist, überhaupt noch Arbeit in dieser Gegend haben? Nur zwei der Unwägbarkeiten, die heute mit der Entscheidung „Wir bauen ein Haus“ verbunden sind. Fragen zudem, auf die wir keine wirklich sicheren Antworten mehr finden. Denn was uns die Zukunft bringt, wird erst die Zukunft zeigen. Folglich sind alle Zukunftsentscheidungen mit Risiken verbunden. „Deshalb erfordern sie“, so Fenkart, „einen gewissen Mut.“

Trotzdem führt kein Weg am Sich-entscheiden vorbei. „Denn sich nicht zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung“, stellt die Wiener Managementberaterin und Coachausbilderin Sabine Prohaska fest. Allerdings ist es nicht die beste Entscheidung: „Denn wer sich nicht entscheidet, verzichtet darauf, sein Leben aktiv zu gestalten.“ Und das hat oft fatale Folgen. „Denn welche Entscheidungsmöglichkeiten wir morgen haben, hängt weitgehend davon ab, welche Entscheidungen wir heute treffen und umsetzen“, mahnt Prohaska. Hierfür zwei Beispiele: Wenn wir uns heute nicht weiterbilden, haben wir morgen beruflich wenig Wahlmöglichkeiten. Wenn wir uns heute über beide Ohren verschulden, haben wir morgen nur noch geringe finanzielle Spielräume. Das heißt: „Wir müssen heute darauf hinarbeiten, dass wir morgen mehrere Handlungsoptionen haben. Sonst leben wir zunehmend fremd- statt selbstbestimmt. Außerdem ist die Gefahr groß, dass wir in existenzielle Krisen schlittern.“

Doch wie können wir zukunftsfähige Entscheidungen treffen, wenn die Säulen, auf die wir früher unsere Entscheidungen stützten, zunehmend wanken? „Dann müssen wir umso genauer wissen, was uns wirklich wichtig ist“, betont Michael Schwartz. Zum Beispiel viel Freizeit oder ein hohes Einkommen? Hier müssen wir Prioritäten setzen, denn beides lässt sich in der Regel nicht zugleich erreichen.

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Heftausgabe: September 2017

Über den Autor

Lukas Leist, Journalist, Die Profilberater
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