Esperanto fürs Engineering

Prolist International will Transaktionskosten senken

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13.10.2008 Engineering und Beschaffung von Automatisierungstechnik und anderem Anlagenequipment sind häufig umständlich: Medienbrüche zwischen der Spezifikation des Beschaffers, den Angebotsunterlagen der Hersteller und der späteren Inbetriebnahme und Dokumentation kosten Zeit und Geld. Doch ein einheitlicher Standard für den Datenaustausch hat sich bislang nicht etabliert. Durch Prolist International gewinnt das Projekt „Merkmalleisten“ nun an Fahrt.

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Tippen Sie noch oder projektieren Sie schon? – Wenn Dr. Günter Löffelmann, Bayer Technology Services, auf die Beschaffungsprozesse für Automatisierungsequipment zu sprechen kommt, wird der Automatisierungsfachmann schnell leidenschaftlich: „Es kann doch nicht sein, dass Ingenieure in der heutigen Zeit viele Stunden damit verbringen, Kataloge zu wälzen und Anforderungsdaten von Hand in Einkaufssysteme zu tippen.“ Doch die Praxis sieht heute meist immer noch so aus. Und auch im Engineering ist das Parametrieren noch viel Handarbeit, obwohl alle Daten bereits elektronisch vorhanden sind. Ein Anachronismus in Zeiten, in denen manch ein Visionär bereits die direkt an SAP angeschlossene Steuerung prophezeit. Was bislang fehlt ist ein international einheitlicher und in der Praxis anerkannter Standard für den Austausch von Produktdaten – quasi eine Universalsprache analog Esperanto.

In der Chemie ist das Problem längst erkannt. Mit der von der Projektgruppe „Merkmalleisten“ in der Namur erarbeiteten Empfehlung NE 100 liegt seit 2003 ein Standard vor, der die wichtigsten PLT-Geräte charakterisiert und der seither weiterentwickelt wird. Darin werden einerseits die Merkmale des beabsichtigten Einsatzes beschrieben, also die Daten, die für die Auslegung des Gerätes benötigt werden, andererseits wird das Gerät selbst charakterisiert, um Anwendungen in CAE- und ERP-Sytemen oder e-Commerce zu unterstützen, oder Instandhaltungsmaßnahmen zu vereinfachen. Weitere Merkmalleisten dienen der Administration (Übertragung von Transaktionsdaten) sowie der kommerziellen Abwicklung (Preise, Lieferzeit, Liefermenge etc.). Diese Merkmalleisten können in Form von PDF-, XLS- und XML-Dateien von der Prolist-Datenbank geladen werden. Am Ende steht die Vision, dass ein in einer Anlage installiertes Gerät sein Ersatzgerät selbst bestellt bevor es „stirbt“.
Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. In der Vergangenheit äußerten Hersteller beispielsweise die Befürchtung, dass der Vergleich von Geräten auf Basis des gemeinsamen „Merkmalleisten-Nenners“ die Differenzierung der Geräte zunichte macht und am Schluss der Preis zum wichtigsten Entscheidungskriterium wird. Und auch den Vorwurf, dass der Nutzen aus der in der Geräteprojektierung entstehenden Zeiteinsparung – geschätzt werden mindestens 15 Minuten pro Gerät – nur einseitig den Betreibern zugute kommt, die Voraussetzungen dafür aber von den Anbietern bezahlt werden müssen (siehe dazu das Interview zu diesem Beitrag).
Bislang reichte die Marktmacht der in der Namur zusammengeschlossenen Anlagenbetreiber und Prolist-Protagonisten im ZVEI nicht aus, um Gerätehersteller und Engineering-Kontraktoren auf breiter Front dazu zu bewegen, die DV-technischen und organisatorischen Voraussetzungen für die Abwicklung nach den definierten Merkmalleisten zu schaffen. Ohne eine internationale Norm bleibt das Projekt regional begrenzt. Das soll sich ändern.

Internationale Norm ist Voraussetzung für einen Durchbruch

Folgerichtig war der Schritt, die Projektgruppe Merkmalleisten im Juni 2008 in eine internationale Nutzerorganisation (Prolist International) zu überführen. „Das Zielbleibt die weitere Vervollständigung des Standards in Form der Namur-Empfehlung NE 100, das Einbringen desselben in die internationale Normung und die Unterstützung der Mitglieder bei der Implementierung des Standards“, erklärt Dr. Peter Zgorzelski, Leiter Geschäftsstelle von Prolist International (PI). Außerdem soll die Organisation, in der neben Anwendern aus der Prozessindustrie inzwischen auch zahlreiche Gerätehersteller aktiv sind, stärker auf Mitglieder außerhalb des deutschsprachigen Raumes ausgerichtet werden.„Erst die erwartete internationale Normung hat den Ausschlag dafür gegeben, uns in Sachen Prolist zu engagieren“, verdeutlicht ein Messgerätehersteller die Bedeutung der Standardisierungsbemühungen.

Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Normung: Merkmalleisten der NE 100 entsprechen laut PI zwar den einschlägigen Normen wie IEC 61360 und ISO 13584, allerdings sollen die NE 100-Standards über DKE direkt in IEC-Normen überführt werden. Die Arbeiten für die IEC 61987 Teil 10, die in die Theorie der Merkmalleisten für PLT-Geräte einführen wird, und Teil 11, der etwa 50 Merkmalleisten der Messgeräte enthalten wird, wurden bereits 2005 begonnen. Geplant sind weitere Aktivitäten für Aktoren (Teil 12) und Signalanpassung (Teil 13) Und auch ein Abgleich der Specification Sheets SP20 (ISA) mit den Merkmalleisten von Prolist wurde initiiert. Die im November 2007 veröffentlichte Version 3.1 der NE 100 beschreibt Merkmalleisten für 108 Gerätetypen. Darunter Geräte der Prozessmesstechnik, der Aktorik, der Schaltraum- und Messwartentechnik sowie für elektrische Motoren und Schaltanlagen. In Zukunft sollen weitere Merkmalleisten für Bereiche wie Leitsysteme und Feldbustopologie hinzukommen. „Damit können bereits die Daten für bis zu 90 % der in einer chemischen Anlage genutzten Geräte ausgetauscht werden“, stellt Peter Zgorzelski fest.
Ein wesentlicher Aspekt für die Nutzung der Merkmalleisten ist die Schnittstelle zwischen Lieferant und Kunde, der Anlagenbetreiber, Planer oder Kontraktor sein kann. Für das Datenformat XML stellt die Prolist-Organisation kostenlos den Viewer Pro-View, eine Art „Acrobat Reader“ für XML-Dateien, zur Verfügung. Um die Daten im XML-Format bereit zu stellen, wurde das Tool Pro-Spec entwickelt, für das die Nutzerorganisation Lizenzen vergibt und das zwei Monate kostenlos genutzt werden kann. Letzteres ermöglicht unter anderem das Vergleichen von Angeboten mehrerer Anbieter sowie den Import aus Excel.

Erste Projekte mit CAE-Tools

Um die in NE 100 beschriebenen Merkmalleisten im Engineering nutzen zu können, muss das eingesetzte CAE-System dies unterstützen. Dabei ist die Schnittstellenproblematik alles andere als trivial, denn schließlich müssen die Merkmale mit den in der CAE-Datenbank vorhandenen Datenfeldern harmonisiert werden. Rösberg Engineering hat dies in der Software Prodok inzwischen realisiert. Bei der BASF werden mit dem Tool bereits Merkmalleisten generiert und gelesen und via XML mit Lieferanten ausgetauscht. Auch bei Evonik Degussa gibt es operative Projekte unter Anwendung von Prodok. Intergraph hat 2006 damit begonnen, die Eigenschaften der NE 100 in das CAE-System SmartPlant Instrumentation (SPI 2007) zu implementieren. Die Funktion wurde bei Bayer Technology Services inzwischen geprüft, und mit Bayer Material Science läuft ein Pilotprojekt. Bei der Wacker Chemie werden seit 2005 die NE 100 Merkmalleisten im CAE-System Comos PT von Innotec produktiv eingesetzt.

Und von der Nutzung und dem Druck durch die Anlagenbetreiber wird es abhängen, ob Prolist tatsächlich zum Esperanto der Gerätebeschaffung werden wird. Denn obwohl die Bereitschaft der Gerätehersteller wächst, sich in Sachen Merkmallisten zu engagieren, sind die großen Kontraktoren – die in der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau zusammengeschlossenen Unternehmen stehen z.B. für rund 20 % des Weltmarkt-Anteils im Anlagenbau – bislang noch nicht auf das Thema eingeschwenkt. Sie werden dies erst tun, wenn die Auftraggeber bzw. Prozessbetreiber Ausschreibungen nach NE 100 oder einer zukünftigen Norm verlangen. Ein Gerätehersteller bringt es auf den Punkt „Der Erfolg von Prolist steht und fällt mit der Nutzung durch die Anwender.“

Fazit: Merkmalleisten können einen wichtigen Beitrag zur Optimierung der Geschäftsprozesse in verfahrenstechnischen Anlagen wie Instandhaltung und Materialmanagement und im Engineering inklusive der Beschaffung leisten. Das Überführen der in NE 100 beschriebenen Merkmalleisten in internationale Normen ist ein wichtiger Schritt, um der Technik Geltung zu verschaffen. Von der Nutzung durch die Anwender wird es abhängen, ob der Ansatz Erfolg haben wird. Die Chance, die darin liegt, hat Dr. Günter Löffelmann auf der vergangenen Namur-Hauptsitzung aus Anwendersicht formuliert: „Lieferanten werden uns zukünftig nicht mehr gegenübersitzen, sondern Teil unseres Handelns bzw. unserer Abwicklungsprozesse sein, um die Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten zu erhalten.“K

Heftausgabe: Sonderausgabe Prozessautomatisierung 2008

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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