Mit Kreativität aus der Commodity-Falle

Samson eröffnet Innovation Center in Frankfurt

17.11.2017 Mit Billiganbietern aus Fernost mitzuhalten, wird für deutsche Armaturenhersteller immer schwerer. Es sei denn, diese definieren sich über Technologie. Diesen Weg geht der Hersteller Samson und hat dafür tief in die Tasche gegriffen: Am Freitag wurde in Frankfurt ein neues Global Innovation Center eröffnet.

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Wenn Sensorik und Aktorik miteinander verschmelzen, so das Kalkül des Frankfurter Traditionsherstellers, dann wird aus dem intelligenten Ventil ein Prozessknoten – ein Sensor-Aktor-System, das die Prozesssteuerung übernehmen kann. Diese Vision, die bis hin zu neuen Geschäftsmodellen geht, bei denen Kunden Ventile leasen und dann für die Bereitstellung von Daten bezahlen, will Samson in seinem neuen, nach dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Rolf Sandvoss benannten Innovationszentrum wahr werden lassen.

Lösungsanbieter für Prozess-Intelligenz

Am östlichen Ende des Samson-Geländes in Frankfurt ist dafür nach zweijähriger Bauzeit für 21 Mio. Euro ein Entwicklungsprüfzentrum für Ventiltechnologie entstanden, das auf einer Fläche von über 7.000 m2 neben dem Prototypenbau auch für Simulationen und Prüfungen genutzt werden und das als Spielwiese für Forscher, Ingenieure und Wissenschaftler dienen soll. „Wer keine Kreativität hat, endet in einer Commodity-Falle“, erläutert Dr. Andreas Widl, Vorstandsvorsitzender von Samson, ein Motiv für den Bau. Der Hersteller sieht seine künftige Rolle als Lösungsanbieter für Prozess-Intelligenz und will sich durch die Digitalisierung seiner Produkte und des Geschäfts den preisgetriebenen Mechanismen der Capex-Welt entziehen. Künftig will das Traditionsunternehmen als Hersteller von Prozess-Intelligenz wahrgenommen werden und sich beispielsweise für das Senken von Betriebskosten bezahlen lassen.

„Wir streiten uns heute in Projekten über den Ventilpreis, dabei können wir beispielsweise einem Gasehersteller dabei helfen, bei der Drucklufterzeugung Energiekosten in Millionenhöhe zu sparen“, konkretisiert Widl und rechnet damit, dass künftig Bonus-/Malus-Systeme an die Stelle der klassischen Investition in Ventile treten können. Bis 2025 will Widl auf diese Weise 50 % des Samson-Umsatzes mit digitalen Geschäftsmodellen generieren. Bis 2020, so der Vorstandschef, könnte der Umsatz von derzeit 640 Mio. Euro auf 1 Mrd. Euro klettern. Und weil Automatisierung mit der Digitalisierung in das Zentrum des Geschäfts rückt, soll die Prozessautomatisierungstochter Samsomatic künftig in der Muttergesellschaft aufgehen.

Infrastruktur für die digitale Transformation

Der Fokus des Innovation Centers liegt auf der digitalen Transformation der Produkte. Dafür wurde eine komplexe Anlagen-Infrastruktur geschaffen, in der über 250 Ventile des Herstellers verbaut wurden. Eine installierte Leistung von 5,5 MW soll es ermöglichen, Anlagenzustände zu simulieren, und strömungstechnische Untersuchungen an Ventilen in Nennweiten bis DN 1.000 und für Drücke bis 120 bar unter Praxisbedingungen durchzuführen. Zu den 200 Prüfeinrichtungen gehören solche zur Bewertung der chemischen, thermischen, mechanischen und klimatischen Belastbarkeit von Werkstoffen bis hin zu einer Teststrecke für EMV-Tests an elektronischen Bauteilen. Dazu kommt die digitale Infrastruktur für rund 1.700 Signale zur Messwerterfassung und Automatisierung.

„Der Stellungsregler wird sich verändern und künftig viel mehr Daten kommunizieren“, nennt Technikvorstand Dr. Thomas Steckenreiter eine Entwicklung, die der Hersteller vorantreiben will. Dafür kommt es, so Steckenreiter, auf die Kommunikation zwischen Menschen an: „Technik wird von Menschen gemacht – das erfordert eine Kultur der Offenheit und Transparenz, sowie die Interaktion zwischen Menschen.“ Und auch Impulse für den Vertrieb verspricht sich der Hersteller durch das neue Innovationszentrum. Steckenreiter: „Das GIC soll dabei helfen, die Partnerschaft zwischen Kunden und uns zu vertiefen.“

 

Heftausgabe: Dezember 2017

Über den Autor

Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK
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