Markt

Saubermanns Not

04.08.2008

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Erst das Benzin, dann die Milch und jetzt auch noch professionelle Reinigungsmittel: Der europäische Kulturkreis scheint sich von der Überflussgesellschaft zur Mangelwirtschaft zu entwickeln. Sollten wir demnächst wieder gezwungen sein, statt vollautomatischer CIP-Reinigungsmittel wieder Auszubildende mit Wischmopps durch die Rohre verfahrenstechnischer Anlagen schicken zu müssen? Und was werden die Betriebsräte dazu sagen? „Die Lage ist prekär“, verkündete Ende Juni der „Industrieverband Hygiene und Oberflächenschutz für industrielle und institutionelle Anwendung e.V.“ Steigender Nahrungsmittelbedarf und Biosprit-Anpflanzungen treiben die Nachfrage nach Düngemitteln, und die wiederum verknappt und verteuert Phosphate, die ein wichtiger Rohstoff für Reinigungsmittel sind.

Not macht bekanntlich erfinderisch. Während die Saubermänner klagen und als Notmaßnahmen mit Personalabbau drohen, wird andernorts einfach noch mehr über Maßnahmen zur Effizienzsteigerung nachgedacht: Chemiepark-Betreiber Currenta hat ein „Klimaschutzprogramm“ aufgelegt, durch das im Chempark Leverkusen, Dormagen, Uerdingen jährlich 200000 t CO2 eingespart werden sollen – und das gleichzeitig die Energiekosten deutlich senkt. Das im Juni verabschiedete Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung scheint den Chemieparks dabei in die Hände zu spielen. Plötzlich könnten sich Konzepte zur Wärmerückgewinnung wieder lohnen, die seit langem in den Schubladen der Ingenieure schlummern.

Mit dem Mangel bzw. der effizienten Nutzung auf der Rohstoffseite hat die Chemie längst umzugehen gelernt. Nun sind die Nebenprozesse dran. Und: So laut das Lamento über steigendeEnergiepreise und Standortnachteile auch sein mag, langfristig wird es zum Standortvorteil werden, wenn die Not zur Tugend gemacht wird und die Techniken zur Energienutzung verfeinert werden. Die Umweltbranche hat das bereits vorgemacht. Der Faktor „Transportkosten“ wird das Seine dazutun. Die hiesige Chemieindustrie ist zwar hochgradig vom Export abhängig, aber auf vergleichsweise kurze Distanz. Knapp drei Viertel der erzeugten Chemikalien werden in Europa abgesetzt. Also: Bangemachen gilt nicht.

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Mail an: armin.scheuermann@chemietechnik.de

Heftausgabe: August 2008

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Scheuermann
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