Endress+Hauser veranstaltet Kamingespräch Füllstandmesstechnik

Stand-Punkte

10.06.2007 „Gestern – heute – morgen“ lautete der Spannungsbogen für das Kamingespräch Füllstandmesstechnik, zu dem der Gerätehersteller Endress+Hauser Anwender und Pressevertreter im Mai eingeladen hatte. Welche Auswirkungen der Strukturwandel in der Chemie auf die Anforderungen an Geräte und Hersteller hat, wurde dort ebenso diskutiert, wie die Wünsche der Anwender und die Entwicklungsperspektiven der Füllstandmesstechnik.

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Ideal wäre für uns ein kontinuierliches Füllstandmessverfahren, das berührungslos von außen misst – ohne Einsatz der Radiometrie“, beschreibt Uwe Witte, Betriebsingenieur bei Lanxess, sein Wunsch-Messgerät und ergänzt noch eine ganze Reihe von Anforderungen, an denen die Gerätehersteller aus seiner Sicht in Zukunft arbeiten sollten. Dazu gehören insbesondere Geräte für Sicherheitsfunktionen, z.B. mit SIL-Zertifikat, gasdichten Durchführungen und für Ex-Bereiche, aber auch eine durchgängig hohe Verfügbarkeit, wie sie heute zum Beispiel Schwinggabeln zur Grenzstanddetektion haben. „Von Radargeräten wird diese noch nicht in dem Maße erreicht“, berichtet Witte.

Dass die Zuverlässigkeit das A und O bei der Geräteauswahl bleiben wird, hat seinen Grund: „Die Zuverlässigkeit beeinflusst die Kosten über den gesamten Lebenszyklus und damit die Wettbewerbsfähigkeit einer Anlage“, erklärt Witte. Eine Sicht, die auch sein Anwender-Kollege Helmut Dyckmanns, Infracor, teilt: „Wir benötigen nicht nur die modernste Technik, sondern vor allem die, welche uns nutzt.“ Und das sind oftmals Geräte und Messprinzipien, die in Zeiten des „Höher, schneller, weiter“ längst zum alten Eisen diskutiert werden. Dyckmanns: „Neue Technologien lösen nicht automatisch bestehende Standards ab. Aus unserer Sicht muss ein Hersteller auch die bekannten und eingeführten Technologien weiterentwickeln und dort Verbesserungspotenziale nutzen.“
Dass dieser Wunsch ernst genommen wird, bestätigte Dieter Schaudel vom Executive Board der Endress+Hauser Holding: „Wir legen Wert darauf, nicht nur Hightech zu entwickeln, sondern auch die betriebsbewährten Prinzipien zu optimieren.“ Schaudel: „Wir haben auch die kapazitive Messtechnik noch nicht aufgegeben.“ Und Ullrich Schinle, Marketingleiter des Produktionscenters Maulburg, ergänzt: „Auch auf der Interkama war ein Trend zur Weiterentwicklung zuverlässiger Messprinzipien für neue Anwendungen zu erkennen.“

Weiterentwicklungen bewährter Prinzipien gefragt

Einerseits erschließen die eingesetzten Werkstoffe den bewährten Geräten neue Anwendungen, andererseits wurden in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte bei der Elektronik und Kommunikation erzielt. „Die Kombination verschiedener Messverfahren wird dadurch immer interessanter“, ist sich Schinle sicher. Neben Anwendungen zur Trennschichtmessung verbindet der Hersteller beispielsweise die Informationen „Grenzstand“ und „hydrostatischer Druck“, um daraus die Dichte der in einem Behälter enthaltenen Flüssigkeit zu bestimmen. Dass sich die Zahl der Prozessanschlüsse durch den Einsatz solcher Mehrzweck-Geräte reduzieren lässt, ist besonders für Pharmazeuten interessant.

Ob solche multivariablen Messungen in der Chemie allerdings einen Trend darstellen, ist noch nicht sicher. „Sinnvoll ist das nur, wenn man Bustechnologien einsetzt“, erklärt Dr. Jens Heinrich, Bayer MaterialScience, und Helmut Dyckmanns ergänzt: „Es kommt darauf an, wie dieser Sensor konkret aussieht. Wir haben in der Namur beispielsweise eine Kombination aus Temperatur und Durchfluss untersucht, aber in vielen Prozessen sitzen die Sensoren an unterschiedlichen Stellen.“
Dazu kommen organisatorische Hürden: Wie eine Teilanlage, zum Beispiel ein Rührkessel, instrumentiert wird, steht für viele Planer von vornherein fest, Planungs- und Beschaffungsprozesse verlaufen in etablierten Bahnen. Um Multivariablen-Messgeräte verkaufen zu können, muss also erst einmal das Bewusstsein für deren Möglichkeiten und Existenz geschärft werden. „Wir müssen wieder etwas mehr für die technischen Möglichkeiten der Geräte sensibilisiert werden“, bringt es Helmut Biechel von Lanxess auf den Punkt. Dass die Bedeutung von Diagnosefunktionen steigen wird, scheint dagegen unstrittig. „Im Vordergrund steht für uns, die Messung noch robuster zu machen – das wird auch in der Namur-Empfehlung 107 gefordert“, erläutert Ullrich Schinle. Hinzu kommt der Wunsch nach Geräten für Sicherheitsfunktionen und den Ex-Bereich.

Komplexität steigt, Qualifikation des Personals sinkt

Und auch eine weitere Randbedingung für den Einsatz von Messgeräten hat sich durch den aktuellen Strukturwandel in der Chemieindustrie ergeben: Die Qualifikation des Anlagenpersonals im Hinblick auf die eingesetzte Automatisierungs- und Messtechnik sinkt. Die Ursachen dafür sind unter anderem in der Auslagerung von Fachabteilungen in externe Service-Einheiten zu sehen. „Die Rückkopplung zwischen Anwendern und Planern bzw. Anlagenbauern wird in Zukunft mehr und mehr unterbrochen sein“, skizziert Uwe Witte die Entwicklung, durch die nicht nur auf Hersteller von Füllstandmessgeräten neue Herausforderungen zukommen werden. Dem gegenüber steht eine steigende Komplexität der eingesetzten Technologien: „Die informationsorientierte Signalverarbeitung hat eine neue Effizienz ermöglicht. Allerdings überfordert die gestiegene Komplexität heute zum Teil bereits die Instandhalter“, meint Dieter Schaudel.

Da ist es logisch und konsequent, wenn Hersteller an vereinfachten Inbetriebnahme- und Bedienkonzepten arbeiten. Ein Beispiel, wie dies auch bei klassischen Messprinzipien noch realisiert werden kann, sind kapazitive Füllstandsensoren, die ab Werk abgeglichen geliefert werden und die es dem Betreiber ersparen, den Behälter extra befüllen und wieder entleeren zu müssen. Daneben werden den Geräteanbietern in Zukunft mehr und mehr Leistungen wie die Unterstützung beim Engineering, aber auch Services im gesamten Lebenszyklus der Anlagen abverlangt werden. Wie wichtig solche Differenzierungsmerkmale in Zukunft sein werden, verdeutlicht Uwe Witte: „Irgendwann werden auch extrem preiswerte Anbieter aus Asien bei uns anklopfen. Da sind die Hersteller, die wir bislang bevorzugt einsetzen, gut beraten, wenn sie sich diesen Punkten aktiv widmen.“

„Ideal wäre für uns ein kontinuierliches Füllstandmessverfahren, das berührungslos von außen misst – ohne Einsatz der Radiometrie“
Uwe Witte ist Betriebsingenieur bei Lanxess
„Neue Technologien lösen nicht automatisch bestehende Standards ab“
Helmut Dyckmanns, Infracor
„Wir legen Wert darauf, nicht nur Hightech zu entwickeln, sondern auch die betriebsbewährten Prinzipien zu optimieren“
Dieter Schaudel vom Executive Board der Endress+Hauser Holding
„Die Kombination verschiedener Messverfahren wird immer interessanter“
Ullrich Schinle, Marketingleiter PC Maulburg

Heftausgabe: Juni 2007

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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