Studie

So könnte die europäische Chemie klimaneutral werden

20.07.2017 Der europäische Chemieverband Cefic hat gemeinsam mit der Dechema eine neue Studie vorgestellt, in der untersucht wird, wie die chemische Industrie bis 2050 klimaneutral werden kann.

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Klimagipfel: Energieintensive Industrien fordern vergleichbare Minderungsbeiträge

Die europäische Chemieindustrie will ihren CO2-Ausstoß weiter senken. Eine aktuelle Studie zeigt die Voraussetzungen für eine klimaneutrale Chemie (Bild: Serghei Velusceac – Fotolia)

Die Studie „Low carbon energy and feedstock for the European chemical industry” untersucht die Technologieoptionen und möglichen Entwicklungsszenarien hin zu einer klimaneutralen, aber zugleich wettbewerbsfähigen europäischen Chemieindustrie bis zum Jahr 2050. Der Fokus der Studie liegt auf den wesentlichen Plattformchemikalien, die am Beginn der Wertschöpfungskette in großen Mengen produziert werden (Ammoniak, Methanol, Ethylen, Propylen, Chlor und die Aromaten Benzol, Toluol und Xylol) und für etwa 2/3 aller Treibhausgasemissionen des Chemiesektors verantwortlich sind.

Technologien zur Verringerung des CO2-Ausstoßes  sind vorhanden

Cefic: Mensink folgt auf Mandery

Marco Mensink, Generaldirektor des europäischen Chemieverbands Cefic, sieht viele klimafreundliche Technologien in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium. (Bild: Cefic)

Der Generaldirektor des europäischen Chemieverbandes Cefic Marco Mensink sagt dazu: „Viele vielversprechende klimafreundliche Technologien sind heute schon in einem relativ fortgeschrittenen Entwicklungsstadium verfügbar. Die Industrie muss einen Weg finden, um Hürden bei Investitionen, Rohstoff- und Energieversorgung zu überwinden, damit sie in großem Maßstab in Europa eingesetzt werden können.“ Kurt Wagemann, Geschäftsführer der Dechema, ergänzt: “Wenn die Technologien, die in dieser Studie untersucht wurden, zur Anwendung kämen, könnte der CO2-Ausstoß der chemischen Industrie selbst im konservativsten Szenario sehr signifikant verringert werden.”

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Dechema-Chef Prof. Dr. Kurt Wagemann sieht Möglichkeiten zur signifikanten Verringerung des CO2-Ausstoßes der Chemie. (Bild: Redaktion)

Die Studie analysiert die Technologien, die der chemischen Industrie zur Verfügung stehen, und umreißt die notwendigen Rahmenbedingungen, damit die europäische Chemieindustrie den Übergang zur Klimaneutralität verwirklichen kann. Sie liefert einen ersten vollständigen Überblick über die verfügbaren Technologien für die wichtigsten chemischen Produktionsprozesse und beschreibt, was nötig ist, um die industrielle Basis, die heute von Schiefergas und niedrigen Ölpreisen bestimmt wird, zu ertüchtigen.

Billiger Strom und Forschungsanstrengungen notwendig

Voraussetzung ist in erster Linie ein großes Angebot an klimafreundlichem Strom in erheblich gesteigerten Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen sowie

  • Zugang zur alternativen Rohstoffen (beispielsweise biobasierte Rohstoffe, Kohlendioxid oder Abgase aus Industrieprozessen),
  • ein Steuersystem, das die Modernisierung überalterter Produktionsanlagen und industrieller Ausrüstung oder den Bau neuer Werke ermöglicht,
  • Unterstützung für das Scale-Up und eine Verteilung von Investitionsrisiken für Technologien, die im Pilotstadium oder mit hohen Investitionsrisiken verbunden sind, mit öffentlichen Geldern oder Public-Private-Partnerships,
  • Innovation und Forschung im Bereich neuer chemischer Verfahren, die dazu beitragen, vorhandene Hürden zu überwinden, sowie
  • Voraussetzungen für Geschäftsmodelle, die die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Sektoren fördern, um nachhaltige Wege zu Nutzung von Kohlendioxid zu entwickeln.

Die chemische Industrie hat ihre Energieintensität und ihre Treibhausgasemissionen seit 1990 bereits halbiert, aber die Herstellung von Chemikalien gehört weiterhin zu den energieintensivsten industriellen Prozessen. Die Branche klimaneutral zu machen und gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb einer vollständigen Kreislaufwirtschaft in Europa zu erhalten, ist eine wesentliche Herausforderung, die die Industrie nicht allein bewältigen kann.

 

Interview mit Prof. Dr. Kurt Wagemann, Dechema:

„CO2-Emissionen müssen teuer werden“

CT: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Chemieindustrie bis 2050 klimaneutral werden wird?
Wagemann: Wir haben in der Studie verschiedene Szenarien untersucht – bis hin zur Annahme, dass Chemieanlagen bis 2050 komplett mit Bio-Rohstoffen, CO2, Wasser und Strom betrieben werden. Das letzte Szenario ist sehr unwahrscheinlich, es sei denn, es kommt zu einer globalen Übereinkunft, kein Kohlendioxid aus fossilen Energieträgern mehr zu emittieren. Die entscheidenden Faktoren sind die Preise für Rohstoffe und Energie. Damit Öl-, Gas- und Kohlefördernationen auf die Nutzung ihrer Rohstoffe verzichten, müssten starke Anreize her.

CT: Die europäische Chemie klagt sowieso schon über Wettbewerbsnachteile aufgrund hoher Energiekosten. Wie groß ist die Motivation, die Wettbewerbsfähigkeit mit klimaneutralen Prozessen weiter zu belasten?
Wagemann: Die Branche hat ein großes Interesse an dem Thema. Sie will wissen, welche Optionen es dafür gibt, wie hoch der Aufwand sein würde und was technisch bereits machbar ist. Aber die Unternehmen bleiben gewinnorientiert – d. h. es braucht eine globale Übereinkunft, auf Kohlendioxidemissionen zu verzichten. CO2-Emissonen müssen teurer werden, um entsprechenden ökonomischen Druck aufzubauen. Der globale Handel und die Verknappung von CO2-Zertifikaten ist hier ein möglicher Weg.

CT: Die Studie ist also mehr Diskussionsanstoß als konkrete Roadmap?
Wagemann: Richtig. Die Diskussion ist bereits in Gang gekommen – wir haben in der Studie nicht nur die technischen Voraussetzungen, sondern auch die Kosten und die notwendigen Rahmenbedingungen aufgezeigt.

Link zur Studie: http://dechema.de/2017+7+Cefic_Studie.html

Heftausgabe: August 2017
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