Zurück zu den Wurzeln

Technip Deutschland ist wieder Mannesmann E&C – Interview mit CEO Mesut Şahin

07.12.2016 Seit April 2016 ist ein alter Name zurück im deutschen Großanlagenbau: Technip hat seine Deutschland-Tochter nach 17 Jahren in die Eigenständigkeit entlassen, und das Management hat sich auf seine „Mannesmann“-Wurzeln zurückbesonnen. Im CT-Gespräch erläutert CEO Mesut Șahin die Hintergründe.

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Mesut Şahin, CEO von Mannesmann Engineering & Construction Mannesmann ist zurück, und wir kehren zurück zu unseren Wurzeln. Das ist in der Community sehr gut angekommen. Bild: Mannesmann E&C

Mesut Şahin, CEO von Mannesmann Engineering & Construction
Mannesmann ist zurück, und wir kehren zurück zu unseren Wurzeln. Das ist in der Community sehr gut angekommen. Bild: Mannesmann E&C

CT: Wie kam es dazu, dass Technip Deutschland zu Mannesmann E&C wurde?
Şahin: Getrieben durch den Ölpreis-Verfall, hat sich die Technip-Gruppe 2014 ein strategisches Restrukturierungsprogramm auferlegt. Zuvor hießen die drei Technip-Standbeine „Subsea, Offshore und Onshore“. Das Subsea-Geschäft wurde in den vergangenen Jahren immer stärker und der Onshore-Bereich verzeichnete Rückgänge – dort gibt es mehr Konkurrenz, und die Margen sind niedriger. Technip wollte sich schlanker aufstellen und den Onshore-Bereich zurückfahren: Unternehmen, die nicht ausreichend Profit erwirtschafteten, wurden geschlossen. Danach wurde die Mitarbeiterzahl von 39.000 auf 32.000 reduziert – und das ist noch nicht das Ende der Restrukturierung. Und schließlich wurden einige Unternehmen mit weniger als  500 Mitarbeitern verkauft, die nicht in der Lage waren, Projekte mit mindestens einer halben Milliarde Euro Volumen abzuwickeln – und dazu gehörte auch die Technip Germany. Technip hatte uns vor 17 Jahren aus der Mannesmann AG herausgekauft. Da über 30 % unserer Mitarbeiter noch aus der alten Mannesmann-Zeit stammen, lag es nahe, wieder den früheren Namen zu integrieren.

CT: Wie stellen Sie sich nun neu auf?
Şahin: Seit dem ersten April 2016 stehen wir auf eigenen, mittelständischen Füßen. Unser Eigner sind Industrie-Investoren, vertreten in der MAB Mannesmann Anlagenbau GmbH. Die operative Tochtergesellschaft darunter heißt Mannesmann Engineering & Construction.

CT: Was ändert sich gegenüber der Technip-Tochter?
Şahin: Wir hatten als Einheit von Technip nicht die Freiheiten, die deutsche Gesellschaft richtig zur Entfaltung zu bringen. Das lag sowohl an Konzernvorgaben bei Technologien als auch solchen zu den Märkten. Wenn wir beispielsweise in Deutschland gut im Geschäft mit Raffinerien waren, bedeutete dies nicht gleichzeitig, dass wir auch außerhalb von Deutschland Geschäft im Raffineriemarkt entwickeln konnten. Vor allem bei Projekten im Mittleren Osten gab es viele Diskussionen, wer welches Projekt abwickeln darf. Diese Beschränkungen sind jetzt weg.

CT: Wer sind die neuen Eigner und welche Rolle spielen diese bei der neuen Ausrichtung?
Şahin: Wir gehören mehreren Industrie-Investoren, vertreten durch zwei Personen, die im Handelsregister eingetragen sind. Beide sind an verschiedenen Stellen in der Industrie erfolgreich aktiv. Die beiden Investoren helfen uns dabei, die Struktur neu aufzustellen. Vieles davon wäre auch unabhängig von der Größe oder Struktur des neuen Investors geschehen. Wir haben bei Technip viel Gutes gelernt, aber auch einige Nachteile in Kauf nehmen müssen – die Aufstellung für Großprojekte war gut, aber schwerfällig.
Wir wollen zurück zur Struktur eines mittelständischen deutschen Anlagenbauers. Diese Umstellung wird noch bis zum Jahresende dauern. Und bis sich das auch in allen Prozessen und den Handlungen jedes Mitarbeiters angekommen ist, wird noch etwas mehr Zeit vergehen. Aber wir haben jetzt die Freiheit, in alle Märkte zu gehen und unsere Prozesse selbst neu und schlanker zu definieren. In Deutschland tun wir uns heute leichter als vorher. Der Name Mannesmann ist der jüngeren Generation nicht mehr sehr bekannt; jedoch kann der deutsche Name gerade international manche Türen leichter öffnen. Man spricht uns heute mit deutschem Hintergrund offener an, als mit die Engineering-Niederlassung eines französischen Großanlagenbauers.

CT: Wie wirkt sich die Eigenständigkeit auf Ihr Angebotsportfolio aus?
Şahin: Wir konnten unser gesamtes Know-how inklusive aller Technologien und Patente mitnehmen. Dazu gehören auch alle strategischen Partnerschaften mit weltweit operierenden Technologieunternehmen. Wir bieten weiterhin Engineeringleistungen von Studien bis Detail-Engineering und von kleinen Revamps bis hin zu EPC als Generalunternehmer. Unsere Spezialitäten, darunter die Koks-Kalzinierung, Untergrund-Gasspeicher und Onshore-Pipelines, haben wir ebenfalls behalten. Dies sind auch im aktuell sehr schwierigen Marktumfeld die Produkte, die im Anlagenbau vorrangig laufen. Unser bisheriger Markt, Europa, bleibt ein wichtiger Schwerpunkt. Dann kommt der Mittlere Osten, dort gründen wir ein neues Büro. In Russland wollen wir mehr tun und haben über unsere Shareholder neue Verbindungen aktivieren können.

CT: Wie sehen Sie aktuell die Situation im Anlagenbau und in Ihren Geschäftsfeldern?
Şahin: Feldentwicklung, Kompressor Stationen und Onshore-Pipelines laufen derzeit verhältnismäßig besser als der Downstream-Öl- und -Gasmarkt. Dazu kommen Wasser-Projekte – da wird sich viel tun. Mit der wachsenden Weltbevölkerung wird die Wasserversorgung wichtiger, während alternative Energien die Bedeutung von Öl und Gas schwinden lassen. Im Transportieren von Wasser können wir spezifisches Know-how und belastbare Referenzen aufweisen; beispielsweise in Abu Dhabi haben wir vor wenigen Jahren ein wichtiges Großprojekt realisiert mit dem wir den täglichen Wasserbedarf von zirka acht Millionen Menschen decken können. Wir sehen auch Bewegung in Ländern wie Iran – allerdings gibt es neben der guten Nachricht, dass Hermes-Deckungen verfügbar sind, immer noch Schwierigkeiten bei den Finanzierungen. Da sehen wir Potenzial, und es gibt bereits einige Gespräche über reale Projekte, z. B. für Koks-Kalzinierungsanlagen. Außerdem haben wir einige Projektanfragen aus den alten GUS-Ländern – sowohl für Öl- und Gas-Pipelines als auch für Wassersysteme und Prozessanlagen. Aus meiner Sicht zieht der Markt derzeit langsam wieder an und zeigt eine bessere Tendenz als noch vor einem Jahr.

Zur Person: Mesut Şahin
Mesut Şahin (52) begann seine berufliche Laufbahn im Anlagenbau bei der Klöckner Humboldt Deutz (KHD) als Projektleiter im Großanlagenbau. 1998 wechselte er zur Mannesmann KTI, die knapp ein Jahr später von der Technip übernommen wurde. Hier trug Şahin die Verantwortung für verschiedene Abteilungen, wie z. B. das Contract Management, Sales & Proposals, Estimating und Insurance, bevor er Anfang 2008 in die Geschäftsführung berufen wurde. Noch im gleichen Jahr wurde ihm von Technip die Position des Chief Executive Officers anvertraut. Diese Position bekleidet er auch in der neuen MMEC und ist daneben Mitglied des Executive Boards des Pipeline-Verbands IPLOCA. Mesut Şahin ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt mit seiner Familie in Langenfeld im Rheinland.

Interview-Reihe: Engineering-Executives im CT-Gespräch: Mesut Sahin, CEO Technip Deutschland

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Heftausgabe: Dezember 2016

Über den Autor

Die Fragen stellte Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK
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