Artikel Interview mit Michael Ziesemer, COO Endress+Hauser, Fachbereichsvorsitzender ZVEI
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Ziesemer: Das Potenzial ist sehr groß. Laut einer McKinsey-Studie, die der BDI im vergangenen Jahr vorgestellt hat, steht die Chemie in Sachen Energiesparpotenzial im Branchenvergleich an erster Stelle. Allein aus Antriebsleistungen wurden jährliche 3,4Millionen Tonnen CO2-Äquivalent errechnet. Und die Antriebe sind in der Chemie gar nicht die maßgeblichen Energieverbraucher. Der Anteil der eingesetzten thermischen Energie, wie z.B. Dampf, ist sehr viel höher. In der Chemie werden große Stoffmengen erhitzt und abgekühlt, verdampft und niedergeschlagen oder zerkleinert. Nach unseren konservativen Schätzungen sind Einsparungen von durchschnittlich zehn Prozent möglich. In vielen Betrieben ist der Wert deutlich höher.
Ein Beispiel verdeutlicht dies: Ein Wärmetauscher soll auf eine konstante Differenztemperatur gebracht werden. Allein das Ersetzen der normalen Temperaturmesssung durch aufeinander abgestimmte – und dadurch genauere – Thermometer kann zu einer Energieeinsparung von rund elf Prozent führen.
Ziesemer: Wahrscheinlich ist das so. Aber auf der anderen Seite sehen wir, dass unsere Kunden in der Chemie sich langfristig aufstellen. Und selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass die maximal mögliche Ölförderung in den kommenden 20 Jahren erreicht werden wird. Mittel- bis langfristig führt das zwangsläufig dazu, dass Energie teurer wird. Und damit ist jeder Anwender gut beraten, mit Effizienzmaßnahmen nicht zu warten bis der Ölpreis wieder bei 150 Dollar pro Barrel steht. Und schließlich geht es nicht nur um Energiekosten, sondern auch um CO2. Unsere Regierung hat diesbezüglich ambitionierte Pläne.
Ziesemer: Energieeffizienz ist schon jetzt ein nachhaltiger Wachstumsfaktor für die Prozessautomatisierung. Wir erwarten, das sich Energieeffizienz zum Thema Nr. 1 entwickeln wird. Natürlich nicht zum einzigen. Auch Sicherheit, Umweltschutz, Instandhaltungskosten mit Asset Management oder flexible Fahrweise. Aber für die Modernisierung existierender Anlagen wird Energieeffizienz die größte Bedeutung haben.
Ziesemer: Es sind bereits einige Aktivitäten angelaufen, aber das ist noch sehr stark Stückwerk. Man konzentriert sich auf gewisse Schwerpunkte, aber eine umfassende Energieoptimierung findet noch nicht statt.
CT: Werden für diese Aufgaben noch neue Automatisierungstechnologien benötigt?
Ziesemer: Auf der Sensorseite und bei den Auswertesystemen sind die Technologien vorhanden. Natürlich werden noch besser angepasste Lösungen entstehen. Und das führt immer auch zu technischem Fortschritt. Außerdem sinken die Preise, wenn diese Techniken in der Breite eingesetzt werden. Es gibt von dieser Seite keinen Grund, noch abzuwarten.
CT: Werden die Automatisierer die Antreiber für Energieeffizienzmaßnahmen in der Chemie sein?Ziesemer: Ingenieurunternehmen, EPCs, Anwender und Anbieter von Automatisierungstechnik müssen zusammenarbeiten. Die Automatisierungsfachleute auf der Anbieter- und auf der Herstellerseite müssen stärker Botschafter sein – das Bewusstsein für das Kostensenkungspotenzial ist in den Köpfen der Kaufleute und Vorstände noch nicht in ausreichendem Maß vorhanden. Deshalb geht das alles noch zu langsam.
Ziesemer: Teilweise. Dass die Chemie bereits auf breiter Front an die Kostensenkungspotenziale geht, sehen wir bislang noch nicht. Maximal ein Drittel der Chemieunternehmen geht das bereits an.
Ziesemer: Wir merken, dass hier bereits ein Umdenken stattfindet – aber dieses muss natürlich von den Spezifikationen der Betreiber getrieben werden. Diese bezahlen zum Schluss die Betriebskosten. Auch hier sind noch Verbesserungen möglich. Aber beim Thema Energieeffizienz liegt das größte Potenzial nicht bei den Neuanlagen sondern bei den vielen existierenden Anlagen.
Ziesemer: Das Potenzial ist dort – schon aufgrund der Mengenbilanzen – deutlich geringer. Auch in einem Pharmabetrieb gibt es energieintensive Bereiche, beispielsweise Reinräume. Aber in der Chemie ist die Bedeutung deutlich höher.
CT: Der Energiekostenanteil beträgt in der Chemie weniger als ein Zehntel der Aufwendungen für Rohstoffe. Warum also bei Energie ansetzen?
Ziesemer: Beim Energieeinsatz kann man einiges bewegen. Sicher sind auch bei den Einsatzstoffen durch Automatisierungsmaßnahmen einige Einsparungen möglich. Aber mit den vorhandenen Technologien und Lösungskonzepten lässt sich beim Energieeinsatz sehr viel erreichen.
Ziesemer: Aktuell werden vor allem zwei Themen diskutiert: Wie können wir helfen, Kosten zu senken und wie lässt sich gebundenes Kapital abschöpfen. Neben Energiekosten stehen auch die Instandhaltungsaufwendungen im Fokus. Sehr viel Kapital ist in den Rohstoff- und Produktbeständen gebunden. Hier können wir Konzepte anbieten, deren Return on Investment-Zeiten bei wenigen Monaten liegen. Und das ist für die Betreiber sehr interessant.
Ziesemer: Für ein Chemieunternehmen ist die Verfügbarkeit der Rohstoffe ein ganz wichtiger Aspekt. Deshalb werden große Sicherheitsvorräte angelegt. Und diese lassen sich mit modernen Konzepten, wie beispielsweise dem Vendor Managed Inventory, deutlich reduzieren, ohne Sicherheit zu verlieren. Dadurch, dass ein Lieferant den Bestand bei seinem Kunden im Blick behält, ist es möglich den Vorrat erst dann aufzustocken, wenn das Material tatsächlich benötigt wird. Die Automobilindustrie lebt das seit vielen Jahren vor. Mir sind Beispiele aus der Chemie bekannt, wo sich ein solches Projekt bereits in ein bis zwei Monaten gerechnet hat. In Nordamerika wird da schon viel mehr gemacht, als in Deutschland.
Ziesemer: Durchaus – gerade beim Vendor Managed Inventory verkaufen wir unser Equipment in der Regel gar nicht, sondern betreiben dieses selbst. Der Anlagenbetreiber bezahlt für die Informationen aus den Automatisierungssystemen, und nicht mehr für die Technik. Dabei stehen allerdings nicht die Investitionskosten für die Technik im Mittelpunkt, sondern deren Instandhaltung. Doch man muss hier zwischen den logistischen Anwendungen und der Chemieproduktion unterscheiden.
Ziesemer: Das muss man differenziert betrachten. Von der aktuellen Abwicklung her ist das Projektgeschäft noch gut in Schuss. Aber die Projektpipeline leert sich mit hoher Geschwindigkeit. Wir können noch nicht absehen, was da nachkommen wird. Die Situation sieht von Land zu Land und je nach Branche unterschiedlich aus. Während Hersteller von Kunststoffen und Coat-ings zurzeit wenig tun, sieht die Situation in der Agrochemie besser aus. In der Chemie leert sich die Projektpipeline, das Kraftwerks- und Umweltgeschäft sowie die Pharmaindustrie und auch noch Öl und Gas sehen hier deutlich besser aus.K
„Das Bewusstsein für das Kostenpotenzial von Energieeffizienzmaßnahmen ist in den Köpfen der Kaufleute und Vorstände noch nicht in ausreichendem Maß vorhanden. Deshalb geht das alles noch zu langsam“„Eine umfassende Energieoptimierung findet noch nicht statt“
Michael Ziesemer ist Chief Operating Officer der Endress + Hauser Gruppe un Vorsitzender des Fachbereichs Prozessautomatisierung im ZVEI
Autor: Scheuermann
04/2009 April
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