Artikel Dieter Schaudels Kolumne mit Biss: Standards Ade (Wireless, FDI)
Schaudel, Kolumne, Prozessautomatisierer
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Cortex oder Reptilienhirn
Jeder Fachmann weiß inzwischen: Es geht nicht um Technologie oder Technik, auch wenn bei „Wireless" mit der aktuellen Diskussion um die Neufassung der ETSI EN 300328 (2,4 GHZ ISM-Band) da einiges ins Schwimmen geraten ist. Sondern es geht in beiden Fällen um ganz grundsätzliche Fragen: Will man Vielfalt oder Einfalt, Koexistenz oder Konvergenz, Herstellernutzen oder Anwendernutzen? Oder noch mehr zugespitzt: Siegt bei den Hersteller-Akteuren in den jeweiligen Normungsgremien und in den Entscheideretagen letztlich deren Cortex (Vernunft) oder siegt deren Reptilienhirn (urmenschliche Reflexe)? Ich sage voraus: Wie beim sogenannten „Feldbuskrieg" (1986 - 2002) wird wieder das Reptilienhirn siegen - obwohl in den Ausschusssitzungen heftig die Cortex bemüht wird.
„Nie wieder Feldbuskrieg!" war eine Parole, die (auch von mir) in den letzten zehn Jahren immer wieder gepredigt wurde, wenn es um „Wireless" oder „Geräteintegration" für die Prozessindustrien ging. Blindleistung sollte vermieden werden, und konsensorientiertes Arbeiten sollte zügig zu vernunftbestimmten Lösungen führen, die den artikulierten Wünschen der Anwender weitestgehend entsprechen. Wenn ich heute, etwa 25 Jahre nach Ausbruch des „Feldbuskriegs", zurückschaue, dann bin ich mir nicht mehr so sicher, ob eine Vernunftehe damals wirklich besser gewesen wäre: Im Streit um die vorgeblich oder tatsächlich „bessere" Topologie, das „bessere" Protokoll oder die „bessere" Zertifizierungsstrategie sind m.E. bei Herstellern und Anwendern kreative Kräfte für deutlich mehr Anwendernutzen freigesetzt worden, weil aus der Vielfalt heraus eher „die beste Lösung" zum Einsatz gebracht werden kann.
Vielfalt statt Einfalt
Ja, ich bin mir heute gar nicht mehr sicher, ob das Mantra der professionellen Normer, man möge doch bitteschön standardisieren, bevor es zur Innovation komme, wirklich richtig ist - im Gegenteil. Beispiele: Ob das Elektroauto künftig mit Strom aus der Steckdose oder mit Wasserstoff betrieben wird, ist m.E. noch längst nicht entschieden, vorauseilende Normung wäre kontraproduktiv. Steve Jobs wäre wohl nie zur Marketingikone des 21. Jahrhunderts geworden, hätte er gewartet, bis seine Fingerspreiztechnik auf dem Touchscreen IEC-genormt gewesen wäre. Und schließlich haben es uns aktuell wieder die professionellen Normer vorgeführt, dass im Zweifelsfall das Reptilienhirn zu siegen hat: Der Versuch der EU-Kommission, in Europa eine einheitliche Normenorganisation zu schaffen, ist von den nationalen Normenorganisationen, allen voran vom DIN, mit einem Engagement zurückgewiesen worden, als ginge es ums Ende der Welt: Vielfalt statt Einfalt, Koexistenz statt Konvergenz, schließlich geht es ja auch um Posten.
Schon die derzeitige Aufregung um die Revision der ETSI EN 300328 (2,4 GHZ ISM) zeigt, dass die Lösungen für
„Wireless" noch längst nicht ausgereizt sind. Wer sich derzeit mit dem „Internet der Dinge", der „Industrie 4.0", also der gerade begonnenen nächsten industriellen Revolution beschäftigt, der weiß: Es wird (muss) dafür noch mehr „Wireless"-Lösungen geben. Zwei oder mehr „Wireless"-Standards für die Prozessautomation führen genau so wenig zum Untergang der Chemie- und Pharmaindustrie wie zwölf Feldbus-Dialekte. Viel wichtiger scheint mir, dass endlich durchgängig wartungsfreie „Wireless"-Feldgerätesysteme angeboten werden, damit Schluss ist mit der leidigen Diskussion über Akkus und Batterien.
Und bei der Geräteintegration? FDI droht, wenn die Spezifikations- und Zertifizierarbeiten einmal abgeschlossen sein sollten, m.E. in der Anwendung (nicht auf dem Papier) zu scheitern, weil die Silberrücken sich nicht auf einen Interpreter unabhängig von der Art und Architektur des Leitsystems werden einigen können. Reptilienhirn. Auch droht, dass das eigensichere Ethernet in der Prozessautomation bereits seinen Platz erobert, bevor FDI überhaupt fertig ist. Und davon abgesehen werden nicht nur die Fertigungsautomatisierer erklärtermaßen nicht mehr von dem gerade erreichten Stand FDT 2.0 abgehen wollen, während man bei FDI darüber diskutiert, ob man das Wort „FDT" überhaupt noch schreiben darf ...
Koexistenz statt Konvergenz
Natürlich hätte diese Einsicht (Koexistenz statt Konvergenz) Konsequenzen: Erstens entfielen viele schöne Dienstreisen, hochemotionale Diskussionen, Präsidenten- und Direktorentitel. Zweitens wären dann die besten Köpfe wieder frei, um dem Anwender neue Automatisierungslösungen zu schaffen, von denen dieser zwar heute noch nichts ahnt, von denen er aber sagt, wenn er sie bekommt, er habe sie so schon immer haben wollen (siehe iPhone, iPad,...). Drittens müssten die Anwender (zum Beispiel über die Namur und die neue ISA) deutlich früher und detaillierter lösungsneutral sagen, was sie wann und wie haben wollen. Denn wie ich zuverlässig weiß, haben die Automatisierer in den Anwenderfirmen Träume und Visionen - man muss sie nur zum Reden bringen, ihnen zuhören und dann auch tun!
Wir leben in spannenden Zeiten! Mal sehen, ob die Namur-Hauptsitzung mutig neue Wege weist bei „Wireless", „Geräteintegration" und dem gegenseitigen Zuhören. Oder ob, wie in der Politik bei der Schuldenkrise, das Weiterwursteln als Strategie verkauft wird. Reptilienhirn oder Cortex, das ist hier die Frage .
Autor: Dieter Schaudel
Ausgabe:11/2011 November
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