NewsKomplex oder nur kompliziert – Deutsche Automatisierer beherrschen steigende Anforderungen

15.06.2012, 07:08

"Komplexität beherrschen - Zukunft sichern" lautete das Motto des diesjährigen VDI-Kongress Automation. Am 13. Und 14. Juni haben fast 500 Teilnehmer in Baden-Baden die steigenden Anforderungen an deutsche Automatisierer, Ausrüster und Anlagenbetreiber diskutiert und versucht, Wege aufzuzeigen, um den ständig steigenden Anforderungen Herr zu werden.

VDI-Kongress | Automation 2012

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In den verschiedenen Vorträgen und Posterpräsentationen des 13. Branchentreffs der Mess- und Automatisierungstechnik konnten sich die Teilnehmer des Kongresses und der VDI-Fachtagungen ‚Industrielle Robotik‘ und ‚WirelessAutomation‘ gezielt über Technologien und Trend informieren. Doch auch bereits im Plenarvortrag hat Prof. Dr. Siefried Russwurm, Mitglied des Vorstandes, Industry Sector, bei Siemens, unter dem Titel ‚Produktion im Wandel - Wege zur Nachhaltigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit‘ einen spannenden und umfassenden Überblick über aktuelle Entwicklungen und Trends der Industrie gegeben. „Die Kunden werden immer anspruchsvoller, was neue Anforderungen an die Unternehmensführung stellt", berichtet Russwurm. „Technischer Vorsprung geht zudem schnell verloren und Marktbedingungen ändern sich ständig." Produkte hätten kürzere Lebenszyklen und die Produktion muss flexibel sein - Losgröße 1 sei hier das Stichwort.

Er erklärt weiter, dass sowohl Prozess- als auch Fertigungsindustrie inzwischen einem Konglomerat komplexer Anforderungen gegenüberstehen, die zunehmend Energieerzeugung und auch Faktoren wie Nachhaltigkeit in der Produktion betreffen - sei es durch gesetzliche Rahmenbedingungen oder durch ein neues Bewusstsein auf Seiten der Kunden. Diese würden sich heute sehr genau den ökologischen Footprint der Erzeuger anschauen.

Russwurm warb außerdem für eine ganzheitliche Betrachtung der Einzelschritte einer Wertschöpfungskette, und gab Einblicke in technologische Möglichkeiten, die bei der Entwicklung etwa durch die Arbeit an virtuellen Prototypen, bei der Planung mithilfe der Komplettsimulation von Anlagen, optimierte Workflows im Produkt-Engineering, den Einsatz von Energiemanagementsystemen innerhalb der der Produktion und schließlich Services aufbauend auf Datenbasis vorangegangener Produktionsprozesse über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes bestehen. „Wir müssen Ökologie mit Ökonomie verbinden", resümiert er. Doch dies stelle nicht nur eine Hürde für die Hersteller darstellt, sondern habe vor allem verbesserte Produktivität und Ressourceneffizienz zur Folge.

Umfrage zeigt auf: Deutsche Ingenieure sehen sich in der Lage, Komplexität erfolgreich zu bewältigen

Dass die Anforderungen nicht nur an die Unternehmensleitung, sondern auch an die Ingenieure steigen, spiegelt sich auch in den Ergebnissen der VDI-Umfrage zum Thema Komplexität wider, die der VDI auf dem Kongress Automation 2012 präsentiert hat. Denn Komplexität bestimmt immer stärker die Arbeitswelt der Ingenieure: Mehr als die Hälfte der über 600 befragten Ingenieure gab an, Komplexität täglich und hauptsächlich im beruflichen Umfeld wahrzunehmen. 84,1 % der Teilnehmer nehmen Komplexität zudem als kontinuierlich steigend wahr. Die wesentlichen Aspekte dabei sind die gegenseitige Abhängigkeit von zu lösenden Fragestellungen sowie die Beurteilung der zugehörigen Auswirkungen. „Dies ist eine ernstzunehmende Entwicklung, die wir nicht unterschätzen dürfen", erklärt Dr. Kurt Bettenhausen, Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik. „Es kann auf Dauer nicht gut sein, wenn 48 % der Befragten angeben, dass Komplexität aus ihrer Sicht ein Problem darstellt - und 35,6 % diese sogar als Belastung empfinden. Mut macht, dass sich die Befragten ihren Aufgaben gewachsen fühlen und bislang nahezu keine negativen Folgen zu verzeichnen sind."

Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg basiert auf innovativen Produkten und wettbewerbsfähiger Produktion - die Ideen und das Wissen dafür liefern Ingenieurinnen und Ingenieure. Deshalb ist es wichtig, dass gerade sie mit der steigenden Komplexität zurechtkommen. 87 % der Teilnehmer der VDI-Umfrage gaben an, gut vorbereitet zu sein - insbesondere im internationalen Vergleich. Für 91,5 % der Teilnehmer steht fest, dass es eigene Erfahrungen waren, die für sie die Vorbereitung ausgemacht haben und nochmals 90 % sehen den Umgang mit Komplexität als eine ihrer Stärken an.

Großer Nachholbedarf besteht jedoch bei Fragen der Ausbildung und vor allem beim Thema Erfahrungsaustausch. „Bei der Ausbildung können wir nur appellieren, dass wieder mehr Gewicht auf methodische Fähigkeiten gelegt wird, z.B. bei der Strukturierung von Projekten, bei der Priorisierung von Maßnahmen und Aktivitäten sowie bei der Systematik in der Abarbeitung von Aufgaben. Da waren wir in Deutschland bei der Ausbildung unserer Ingenieure schon einmal deutlich besser", erklärt Bettenhausen.

Mit dem Zukunftsprojekt ‚Industrie 4.0‘ wartet eine weitere große Herausforderung auf deutsche Automatisierer. „Aus unserer Sicht wird die industrielle Welt mit der Umsetzung von Industrie 4.0 zunächst nicht einfacher - im Gegenteil: Die zunehmende Vernetzung von Geräten und Systemen sowie die Verfügbarkeit jeglicher Informationen werden industrielle Anlagen noch komplexer machen", berichtet Bettenhausen. „‘Weniger ist mehr‘ lautet hier die Forderung und es gilt, das Richtige richtig zu tun. Nicht, dass zusätzliche Funktionsmerkmal um jeden Preis ist das Ziel, sondern die anwenderfreundliche Bedienung mit zuverlässiger Funktion muss das Designziel für Automation Made in Germany sein."

(tw)

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