Time to Change

CT-Trendbericht Anlagenbau

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

08.06.2017 An globalen Chemieanlagen-Projekten sind immer weniger deutsche Unternehmen beteiligt. So stellt sich die Situation zumindest für den Großanlagenbau dar. Was sind die Gründe dafür und welche Perspektiven gibt es?

Anzeige

Entscheider-Facts für Planer

  • Zwischen 2005 und 2015 hat sich das Investitionsvolumen in der globalen Chemie von knapp 60 Mrd. Euro auf über 170 Mrd. Euro fast verdreifacht
  • Im Mittleren Osten und in den USA wird die Projekttätigkeit in den kommenden zwei Jahrzehnten deutlich ausgeweitet werden.
  • Der deutsche Chemieanlagenbau ist kaum noch in der Lage, in den Megaprojekten als EPC-Partner aufzutreten. Technologie, Digitalisierung und betriebsnahe Services sind Schlüsselfaktoren im neuen Setup.

Dass Veränderung im Chemieanlagenbau nottut, wird an einfachen Zahlen deutlich: Zwischen 2005 und 2015 hat sich das Investitionsvolumen in der Chemie   weltweit von knapp 60 Mrd. Euro auf über 170 Mrd. Euro fast verdreifacht – belegen Zahlen des europäischen Chemieverbandes Cefic. Zählt man die im Mittleren Osten realisierten Projekte, für die keine kumulierten Zahlen vorliegen, hinzu, dürfte das Volumen deutlich über 200 Mrd. Euro liegen.  Die Sachanlageninvestitionen der deutschen Chemieunternehmen sind im selben Zeitraum von rund 10 auf fast 16 Mrd. Euro gestiegen. Zugleich sank der Auftragseingang im deutschen Chemie-Großanlagenbau von über 5 auf zuletzt 1,7 Mrd. Euro. Die Projekte werden größer, der deutsche Chemieanlagenbau schrumpft.

Doch auch die europäische Chemie hat Federn gelassen: Zwar kommt der globale Branchenprimus derzeit noch aus Ludwigshafen, doch zwei Fusionen machen der BASF den Rang streitig: Der Merger zwischen den US-Konzernen Dow und Dupont sowie der Anfang Mai angekündigte, politisch motivierte Zusammenschluss der chinesischen Chemiegiganten Sinochem und Chemchina, die zusammen fast 100 Mrd. US-Dollar Umsatz auf die Waage bringen – 35 Mrd. mehr als die BASF.

Insbesondere der Blick nach China verdeutlicht den Paradigmenwechsel. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das kommunistische Land auch mit Hilfe ausländischer Chemie-Investoren zum wichtigsten Chemieproduzenten der Welt gemausert. Gleichzeitig sind aus den dortigen Design-Instituten und Abwicklungskonsortien Wettbewerber für die hiesigen Anlagenbau-Unternehmen erwachsen.

„Die Zeit der Großwildjäger ist vorbei“, charakterisierte Jens-Michael Wegmann, ehemals Chef der Thyssenkrupp-Anlagenbausparte Industrial Solutions, vor anderthalb Jahren beim 4. Engineering Summit, die Entwicklung für den deutschen Großanlagenbau. Und Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsführung bei Linde Engineering, meinte angesichts des branchenübergreifend rückläufigen Bestelleingangs im Großanlagenbau, dass die Branche „ein neues Normal-Null“ definieren müsse. Doch was für Kraftwerks- und Metallurgieanlagen gilt, findet im Chemieanlagenbau seine Ausnahme: Dieser kennt seit mehr als einem Jahrzehnt nur eine Richtung: aufwärts.

Boom im Chemieanlagenbau wird weitergehen

Spektakuläre Petrochemie-Projekte wie sie in Jubail, am Persischen Golf, in Abu Dhabi oder Katar errichtet werden, sind dabei nur ein Teil der jüngeren globalen Erfolgsgeschichte der Chemie. 57 Mrd. US-Dollar werden derzeit in der saudischen Jubail City 2 vergraben – darunter das 20 Mrd. USD teure Chemieprojekt Sadara (Saudi Aramco/Dow), das in diesem Jahr fertig gestellt wird. Dazu kommen neue Vorhaben von Saudi Aramco mit Sabic (Oil-to-chemical-Komplex, 30 Mrd. USD) und Saudi Aramco mit Total (Ethylen-Propylenanlagen, 5 Mrd. USD). Der saudische Ölkonzern plant, seine Petrochemieproduktion bis 2030 von derzeit 12 auf dann 34 Mio. Tonnen pro Jahr zu steigern.  Der staatliche Ölkonzern von Abu Dhabi, Adnoc, will seine Produktionskapazität für Petrochemie bereits bis 2025 auf 11,4 Mio. Tonnen pro Jahr verdreifachen.

Auch in den USA wird weiter kräftig in Petrochemie-Projekte investiert: Der US-Chemieverband ACC sieht eine steigende Zahl an Investitionsvorhaben, bei denen sich Chemieunternehmen den Preisvorteil des billigen amerikanischen Schiefergases zu Nutze machen wollen: Im März zählte der ACC 294 Projekte im Wert von insgesamt 179 Mrd. USD. Mehr als die Hälfte davon (54 %) werden erst geplant.

Die Investitionsvorhaben fußen auf Analysen, wonach der Bedarf nach Chemieprodukten in den kommenden zwei Jahrzehnten um 4,0 bis 4,5 % pro Jahr steigen wird: Die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass im Jahr 2040 täglich 15,7 Mio. Barrel Öl für die Petrochemie-Produktion eingesetzt werden – 47 % mehr als im Jahr 2015. Damit verdrängt die Chemie den Kraftstoffsektor als Wachstumstreiber für die globale Nachfrage nach Rohöl.

Globale Engineering-Multis machen das Geschäft

Doch werden deutsche Anlagenbau-Unternehmen daran partizipieren? Zumindest als Generalunternehmer wohl kaum. Es sind inzwischen andere EPCs, welche die Gesamtverantwortung für die Megaprojekte der (Petro-)Chemie im Nahen Osten, Asien oder den USA übernehmen. Und auch in den deutschen Chemieunternehmen macht das Modell des globalen Contracting-Partners Schule. Das Modell wird beispielsweise seit Jahren bei der BASF praktiziert. Mit der Rückintegration der Engineering-Sparte Bayer Technology Services in die Bayer AG geht man nun auch in Leverkusen diesen Weg. Die Rolle des Engineering-Partners füllen globale Engineering-Multis wie Worley Parsons, Fluor, Amec Foster Wheeler und andere aus. Für die wachsende Zahl der Megaprojekte zu klein und mangels Projekten in mittlerer Größenordnung sind europäische EPC-Anbieter des Großanlagenbaus inzwischen gezwungen, auch kleinere Aufträge mit einem Volumen im zweistelligen Mio.-Eurobereich aus der Chemie anzunehmen. Sie treffen dort auf einen engen Markt, den bereits mittelständische Anbieter besetzt halten, die häufig als langjährige Servicepartner bereits vor Ort sind. Oder sie werden selbst zu Subkontraktoren, die vor allem dann gefragt sind, wenn sie über proprietäre Technologie verfügen.

Servicegeschäft soll Volatilität mindern

Doch Technologie alleine ist in der Regel zu wenig, um die Engineering-Abteilungen der Anlagenbau-Unternehmen auslasten zu können. Immer stärker geraten deshalb Serviceleistungen während der Anlagenlaufzeit in den Fokus der EPC-Anbieter. Das margenstarke Dienstleistungsgeschäft hilft einerseits, Volatilität im Projektgeschäft auszugleichen, gleichzeitig sind die Engineering-Dienstleister bereits vor Ort, wenn der Kunde über Erweiterungen nachdenkt. Service wird so zur lokalen Vertriebsplattform für Engineering-Leistungen. Eine Hürde stellt dabei die unterschiedliche Mentalität von Engineering- und Servicemitarbeitern dar – Personal lässt sich nicht einfach zwischen beiden Geschäftsbereichen eines Unternehmens transferieren. Servicepersonal wird von den Kunden dauerhaft vor Ort erwartet.

Dass der Servicemarkt enorm attraktiv ist, lässt sich nicht nur an den nahezu einhelligen Ankündigungen der EPC-Anlagenbauer ablesen, dieses Geschäftsfeld deutlich ausbauen zu wollen. 20 bis hin zu 50 % Anteil am Gesamtumsatz sind hier die Zielgrößen. Im Chemie-segment scheinen diese Ziele nicht unrealistisch: Gerade bei den in den vergangenen anderthalb Jahrzenten im Mittleren Osten, in Asien oder zuletzt auch in den USA zu Boomzeiten gebauten Anlagen ist inzwischen ein steigender Wartungs- und Optimierungsbedarf zu verzeichnen. Auch deshalb rechnen sich Engineering-Anbieter mit einem starken Standbein im Industrieservice-Geschäft, wie zum Beispiel der Mannheimer Bilfinger-Konzern, gute Chancen aus.

Digitalisierung und Industrie 4.0 als Differenziator begreifen und annehmen

Spätestens an dieser Stelle kommt schließlich auch die Digitalisierung als Technologietreiber ins Spiel: Der vorausschauenden Instandhaltung traut man in der Chemie das größte Potenzial als neues Geschäftsmodell der Industrie 4.0 zu. Was den Anlagenbetreibern auf der einen Seite hilft, ihre Produktion zu optimieren und beispielsweise Energiekosten zu senken, erfordert jedoch Spezialisten, die nicht nur Erfahrungen in moderner Automatisierungstechnik mitbringen, sondern auch Lösungen für die Auswertung von Prozess- und Anlagendaten beherrschen und im Portfolio haben. Zunehmend wünschen sich die Kunden aus der Chemie flexible Anlagen auf Basis modular aufgebauter Einheiten, bei denen offene Schnittstellen für eine nahtlose Datenübertragung vom Engineering bis zur Betriebsphase sorgen und die es erlauben, Cloud-Services, beispielsweise für Optimierungsaufgaben, zu nutzen.

Insofern könnten Digitalisierung und Services die Schlüsselfaktoren für ein neues Setup des deutschen Chemieanlagenbaus werden – die Zeit für diese Veränderungen ist reif.

Deutscher Anlagenbau

Das Aufttragsvolumen im deutschen Chemie-Großanlagenbau ist in den Jahren von 2007 bis 2016 deutlich zurückgegangen. Quelle: VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau

Weitere CT-Artikel zum Thema.

Engineering Summit 2017 – der Event zum Thema.

Heftausgabe: Juni 2017
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

Über den Autor

Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
Loader-Icon