Durchstarten bei Stillstand

Turnaround: Herausforderungen für Industriedienstleister

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10.10.2016 Der Wettlauf mit der Zeit beginnt, sobald die Anlagen in einer Raffinerie planmäßig für Wartungs-, Reparatur- und Reinigungsarbeiten stillstehen: Ein Turnaround ist immer eine spannende und große Aufgabe für die Betreiber und deren Partner.

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Entscheider-Facts für Planer und Betreiber

  • Langfristig notwendige und dennoch flexible Planung sowie Arbeiten unter Zeit- und Platzmangel gehören zu den Herausforderungen, die es bei einem Turnaround zu bewältigen gilt. Industriedienstleister sind auf diese Herausforderungen spezialisiert.
  • Die Expertise von Industriedienstleistern umfasst gleichermaßen die vorausschauende Planung eines Turn­arounds wie auch dessen praktische Durchführung. Dies beinhaltet die Organisation der Mitarbeiter, Durchführung von Instandhaltungs-, Reparatur- und Umbauarbeiten sowie das Bereitstellen der nötigen Ausrüstung.

 

Jeder Tag, an dem die Anlage stillsteht, kostet große Summen. Zu den Herausforderungen während eines optimal genutzten Anlagenstillstands gehören unterschiedliche Ab- und Anfahrzeiten von Teilanlagen, kurzfristig benötigte Mitarbeiter, wenig Zeit, viele gleichzeitige Gewerke oder wenig Platz. Zusätzlich gelten immer strengere Auflagen, was die Revisionsarbeiten umfassender und aufwendiger macht. Gleichzeitig hat die Sicherheit der Mitarbeiter vor Ort oberste Priorität.

Fachwissen für immer mehr Arbeiten

Um ein solches Projekt zu stemmen, muss schon lange vor dem eigentlichen Turnaround jeder Arbeitsschritt genau geplant sein. Industriedienstleister unterstützen Betreiber in der Vorbereitung eines Turnarounds, einschließlich Beratung, Planung und Projektmanagement. Bei der Durchführung stellen die Dienstleister vor Ort qualifiziertes Personal und Fertigungskapazitäten punktgenau zur Verfügung, meist für mechanische Leistungen wie De- und Remontagen, Umbauten, Reparaturen und Modifizierungen oder Arbeiten an verschiedenen Spezialanlagen. Hinzu kommen aber auch benötigtes Equipment oder die Neuanfertigung einzelner Komponenten. Abhängig von den Anfragen der Kunden bieten die Industriedienstleistungs-Experten auch Planungsleistungen, darunter u. a. EMSR-Montage und Automatisierung sowie Dokumentation und Vorbereitung von Abnahmen.

„Immer mehr Arbeiten werden Bestandteil eines Turnarounds“, erklärt Andreas Freutsmiedl, Geschäftsführer des Bereichs Energy-Petro-Chemicals bei Voith Industrial Services. „Um diese sowohl qualitativ als auch quantitativ bewältigen zu können, benötigt ein Industriedienstleister heute eine gewisse Größe und Relevanz am Markt sowie zugleich tiefes und breites Fachwissen über die Anforderungen der Branche.“ Die Industriedienstleister konzentrieren sich ganz auf den Stillstand, bringen umfassende Erfahrungen aus verschiedenen Turn­around-Projekten mit und verfügen über ein fundiertes Fachwissen, während die Anlagenbetreiber die Eigenheiten ihrer jeweiligen Anlage bis ins Detail kennen. Neben Qualität und Sicherheit sind die Anforderungen an Zuverlässigkeit und Termintreue eines Dienstleisters entsprechend hoch. Denn er trägt mit dazu bei, die Prozesse des Kunden reibungslos zu gestalten und für eine maximale Anlagenverfügbarkeit zu sorgen.

Mehr Mitarbeiter auf die Schnelle

Eine planerische Besonderheit stellt es dar, wenn alle Anlagen unterschiedliche Abfahr- und Anfahrtermine haben. Entscheidend ist dabei: In der Phase, in der eine Anlage herunter- oder hochgefahren wird, ist es meist nicht möglich, die Anlage zu betreten. Der Arbeits- und Personalumfang muss daher im Vorfeld genau geplant sein – und dabei dennoch jederzeit flexibel bleiben. Denn im Rahmen eines Stillstandes sind zusätzliche Arbeiten, die sich nicht im Voraus einplanen lassen, durchaus üblich. Dazu gehören beispielsweise Schäden an Apparaten, die oftmals erst nach dem Abstellen vorgefunden werden.

Solche unerwarteten Mehrarbeiten erfordern kurzfristig zusätzliche Ressourcen. Während der Ausführungsphase eines Turn­arounds erweitern sie den Arbeitsumfang im Vergleich zur ursprünglichen Planung oft erheblich. Eine kurzfristige Anpassung im Personalbereich – meist eine Erhöhung – um 50 Mitarbeiter ist hierbei keine Seltenheit. Daher muss ein Industriedienstleister auch in den Turnaround-Hochphasen im Frühjahr und im Herbst über genügend personelle Kapazitäten verfügen, um diese Anforderungen zu erfüllen.
Gerade, wenn neue Mitarbeiter kurzfristig in einem Projekt eingesetzt werden, sind diese verantwortungsvoll in ihre Aufgaben einzuweisen, damit eine kontinuierlich hohe Qualität der Arbeiten sichergestellt bleibt. Darüber hinaus gilt es, auch bei kurzfristigen Anpassungen höchste Sicherheitsstufen einzuhalten. Denn die Bedingungen, unter denen Unternehmen in der Branche Energy-Petro-Chemicals arbeiten, stellen eine extreme Herausforderung dar.

Turnaround unter Zeitdruck

Bei den Stillstandsarbeiten in der Raffinerie Heide im Jahr 2015 bestand die besondere Herausforderung für den Industriedienstleister Voith Industrial Services in der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand. Dies bedeutete, rund 200 operativ tätige Mitarbeiter elf Tage lang vor Ort zu koordinieren und deren einzelne Arbeitsgänge sowie den Einsatz der benötigten Geräte exakt zu planen. Im Rahmen des Turnarounds führte das Unternehmen unter anderem die Revision von 75 Wärmeübertragern und 60 Behältern sowie von Luftkühlern und Kolonnen durch.

Zudem war der Dienstleister für Ofenumbauten und einen Packinox-Austausch zuständig. Der Ofenumbau umfasste die De- und Remontage der beiden Ofenzellen PH 301 und PH 302 mit Hilfe eines Deckenfensters sowie den Austausch der Eintrittsleitungen. Beeindruckend sind hierbei die Dimensionen: Insgesamt tauschte das Team 1.800 m Rohrleitungen mit einem Gesamtgewicht von rund 50 t aus, setzte über 150 Schweißnähte einschließlich Glüharbeiten und war für die Koordination aller Prüfungen an den neuen Leitungen zuständig. Für den Austausch des 74 t schweren Packinox-Wärmeübertragers nutzte der Dienstleister sowohl einen 500-t-Kran als auch einen 350-t-Hilfskran. Dabei erfüllte das Team auch die hohen Sicherheitsanforderungen: 25.000 unfallfreie Arbeitsstunden sprechen für sich.

Viele Auftraggeber legen Wert darauf, nicht nur ein Gewerk angeboten zu bekommen: Voith Industrial Services führt darum Apparateumbauten und -neufertigungen bis zur Fertigung von Komponenten wie Behältern, Wärmeübertragern, Mantel-Rohrleitungen, Rohrleitungssieben, Sonderkonstruktionen, Traversen, Stahlkonstruktions-Umbauarbeiten und auch Kleinanlagen oder Fördertechnik in den eigenen Werkstätten durch. So kommen alle Leistungen aus einer Hand: vom Fertigen, bis zum Liefern und Montieren. Auch bei speziellen Aufträgen in verfahrenstechnischen Anlagen sind so maßgeschneiderte Komplett- oder Teillösungen für Kunden in Deutschland, der Schweiz und Skandinavien möglich – vom Rückbau stillgelegter Anlagen bis zu Modernisierung und Optimierung.

Offshore-Platzmangel

Während bei Turnarounds an Land besonders viele Mitarbeiter tatkräftig mitanpacken können, um möglichst schnell alle Aufgaben zu erledigen, reicht der Platz auf einem Schiff oft gerade einmal für 75 Menschen aus, die dort zeitgleich arbeiten. Aus diesem Grund zählt der begrenzte Platz beim Offshore-Turnaround zu den größten Herausforderungen. Für schweres Gerät zum Heben und Transportieren ist hier kein Platz: Nahezu alle Arbeiten sind rein manuell durchzuführen. Daher muss jeder Arbeitsgang genau sitzen: Mitarbeiter und Equipment für diesen Auftrag vorzubereiten, erfordert im Vorfeld eine noch genauere und umfassendere Vorbereitung, als es bei Turnarounds ohnehin schon der Fall ist.

Im Falle eines Turnarounds auf einem Schiff vor der Küste Angolas begann diese Planung schon etwa ein Jahr im Voraus. Unter anderem wurden geeignete Mitarbeiter ausgewählt. Grundsätzlich sind für derartige Aufgaben keine Spezialisten gefragt, sondern vielmehr Generalisten, die über vielfältige Fähigkeiten und Qualifikationen verfügen, um möglichst viele der anfallenden Aufgaben ausführen zu können. Dazu sollten die Mitarbeiter teamfähig sein und gut mit den Mitarbeitern der Betreiberfirma zusammenarbeiten – trotz eventuell vorhandener Sprachbarrieren. Ebenfalls wichtig ist, dass sie aufgeschlossen sind und sich auf neue Situationen oder Gegebenheiten vor Ort gut einstellen können. Das Offshore-Turnaround-Team lernt dann zum Beispiel in einem speziellen Helikopter-Training, wie die Mitarbeiter vom Helikopter aus auf das Schiff gelangen. Auch sämtliche auf einem Schiff geltenden Sicherheitsvorschriften lernen sie kennen, um sich im Gefahrenfall schützen zu können.

Ein Turnaround ist für alle Beteiligten immer ein besonderes Ereignis, das oft auch unerwartete Herausforderungen mit sich bringt. Jeder einzelne Aufkleber auf den Helmen der Industriedienstleister zeugt von einer Herausforderung – und vom Stolz der Mitarbeiter, diese gemeinsam mit den Auftraggebern erfolgreich gemeistert zu haben. 1611ct900

Zum CT-Artikel „Wenn die Anlage schlummert“ mit Tipps für einen erfolgreichen Turnround

Zum CT-Artikel „Turnaround im Raffinerie-Betrieb“

 

Heftausgabe: Oktober 2016

Über den Autor

Melanie Klagmann, Referentin Kommunikation, Voith Industrial Services Beteiligungen
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