Das U-Boot taucht wieder auf

VDMA-Infotag „Modularisierung und Standardisierung im Anlagenbau“

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03.06.2015 Ist Modularisierung im Chemieanlagenbau eine Notlösung oder ein Allheilmittel? Die Frage stand auch auf dem Infotag „Standardisierung und Modularisierung im Anlagenbau“ im Raum, zu dem Ende April 130 Anlagenbau-Experten zum VDMA nach Frankfurt gereist waren. Nach wie vor tut sich die Branche schwer mit einem Thema, das seit Jahrzehnten regelmäßig wie ein U-Boot auf- und wieder untertaucht.

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Entscheider-Facts Für Planer


  • Auf dem Infotag „Standardisierung und Modularisierung im Anlagenbau", zu dem die VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau eingeladen hatte, wurden Praxisbeispiele für den Bau von Anlagen aus Modulen diskutiert.
  • Das wohl wichtigste Argument für die Spezialchemie- und Pharmaproduzenten ist der Faktor Zeit.
  • Beim Bau von Großanlagen in extremen Regionen führt an Modulen kein Weg vorbei. Bei einer Anlagenerweiterung ist Modularisierung dagegen kein Thema.

Die Gründe für das Fertigen von Anlagen in Modulen und das Standardisieren der Anlagenbestandteile sind im Prinzip dieselben wie beim Bau von Fertighäusern: kürzere Realisierungszeiten, höhere Fertigungsqualität, niedrigere Kosten und weniger Stress auf der Baustelle.  Was sich über die Jahre verändert, ist die Priorität der Ziele, die durch Modularisierung und Standardisierung erreicht werden sollen.

So stellte Carsten Pott, Global Head of Engineering beim Kraftwerksbauer Siemens Energy Solutions, auf der Veranstaltung klar, dass 1995 noch die Vertriebsargumente Produktqualität, Termintreue und hohe Wiederholrate im Ranking der Beweggründe ganz oben standen. Doch seither hat sich der Kraftwerksmarkt gravierend verändert: Die von Siemens Energy Solutions gebauten Gas-Kraftwerke werden überwiegend nicht mehr in Europa realisiert, sondern in preissensitiven Märkten, beispielsweise in Asien. Daher dominieren heute drei Argumente: Kosten, Kosten und Kosten – die beiden Letztgenannten getarnt als „verkürzte Abwicklung“ und „flexible Lösungen“.

Auch in der Chemie werden modulare Anlagen in den vergangenen zwei Jahren wieder intensiver diskutiert. Stand vor anderthalb Jahrzehnten aber noch die Vision im Raum, dass künftig auch Großanlagen im World-scale-Maßstab aus einzelnen Modulen durch deren Vervielfältigung gebaut werden könnten, ist die Erwartung heute einer realistischeren Einschätzung gewichen. Jüngst haben Automatisierer aus der Chemie und Anbieter von Automatisierungstechnik ihre Erwartungen formuliert. Demnach werden modulare Anlagen vor allem eine Domäne für Anlagen der Pharmaproduktion sowie von Spezialchemikalien sein.

Faktor Zeit ist für Pharma der wichtigste Treiber
Das wohl wichtigste Argument für die Chemie- und Pharmaproduzenten dürfte dabei der Faktor Zeit sein: Verkürzt sich durch den Bau von Anlagen auf Basis von Modulen die Zeit bis zum Produktionsbeginn, dann bedeutet das für den Hersteller bares Geld, wenn beispielsweise das Pflanzenschutz-Produkt eine Saison früher zur Verfügung steht, oder ein Pharma-Wirkstoff länger unter Patentschutz produziert werden kann.

Heftausgabe: Juni 2015
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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