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VDMA-Lagebericht: Großanlagenbau schrumpft um 7 %

23.03.2015 Der deutsche Großanlagenbau hat im vergangenen Jahr wieder deutlich Federn gelassen: Der Auftragseingang sank erneut – gegenüber 2013 musste die Branche ein Minus von 7 % hinnehmen. Vor allem im Kraftwerksbau war der Rückgang sehr deutlich. Vor allem die Nachfrage aus China und Indien war schwach. Im Chemieanlagenbau haben Großaufträge aus Russland und USA das Bild geprägt.

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Der Weltmarkt für den Bau von Großanlagen hat sich im vergangenen Jahr negativ entwickelt. Entsprechend ernüchternd ist die heute vorgestellte Bilanz der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA (AGAB). Deren Mitgliedsunternehmen erzielten 2014 in Deutschland verbuchte Bestellungen in Höhe von 19,6 Mrd. Euro, sieben Prozent weniger als im Vorjahr (2013: 21,2 Mrd. Euro). „Die Branche ist mit dieser Entwicklung nicht zufrieden. Vor dem Hintergrund niedriger Wachstumsraten, vielfältiger geopolitischer Risiken sowie starker Schwankungen an den Devisen- und Rohstoffmärkten konnten unsere Mitglieder diese Situation dennoch meistern“, sagte Helmut Knauthe, Sprecher der AGAB und Chief Technology Officer der ThyssenKrupp Industrial Solutions AG, anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts. Trotz des Rückgangs haben sich die deutschen Anbieter im Weltmarkt aus Sicht von Knauthe allerdings gut behauptet.

Sinkendende Bestellungen aus Brasilien, China und Indien, Wachstum in Südostasien, Osteuropa und den USA
Die Auslands-Auftragseingänge sanken im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 15,9 Mrd. Euro (2013: 16,7 Mrd. Euro), was vor allem auf die schwache Nachfrage aus großen Schwellenländern zurückzuführen ist. Die Bestellungen aus China, Indien und Brasilien notierten 2014 auf langjährigen Tiefstständen. In der Türkei, Indonesien und Mexiko gab es ebenfalls rückläufige Buchungen. Wachstumsmärkte für den Großanlagenbau waren Südostasien und Osteuropa. Russland war infolge mehrerer Großprojekte aus der chemischen Industrie der wichtigste Absatzmarkt weltweit. Die Nachfrage aus den USA lag wie schon 2013 auf einem hohen Niveau. Die niedrigen Energiepreise wirkten sich dort insbesondere auf die Bestellungen von Hütten- und Walzwerken positiv aus.

Kraftwerksmarkt im Inland zusammengebrochen, Chemie weitet Anteil und Volumen aus
Die inländische Anlagennachfrage ist im Jahr 2014 um 18 % auf 3,7 Mrd. Euro (2013: 4,5 Mrd. Euro) zurückgegangen, was in erster Linie am Zusammenbruch des Marktes für fossile Kraftwerke in Deutschland lag.

Im Chemieanlagenbau war insgesamt ein Auftragsrückgang von 12 Prozent zu verzeichnen.

Immer größere Leistungsanteile aus Zielländern
Die Erwartungen der Kunden an die Unternehmen des Großanlagenbaus sind im letzten Jahr nochmals gestiegen. Wettbewerbsfähige Preise, hohe Qualität und schnelle Realisierungszeiten werden schlichtweg vorausgesetzt. Abnehmer aus Schwellen- und Entwicklungsländern fordern darüber hinaus die Erbringung immer größerer Leistungsanteile aus dem jeweiligen Gastland heraus. Und der Trend zu Megaprojekten hat sich vor allem im Mittleren Osten und den USA weiter fortgesetzt.

Die AGAB-Mitglieder reagieren laut Verband auf diese Wünsche umfassend. Sie optimieren die bereits bestehenden Prozesse im Bereich des Risiko- und des Projektmanagements und bauen ihre internationalen Strukturen weiter aus, etwa indem sie Servicestandorte und Fertigungsstätten in Kernmärkten gründen. Knauthe: „Neben der Sicherung von Geschäftschancen bietet diese konsequente Globalisierung dem Großanlagenbau weitere Vorteile. Durch die Nähe zum Kunden fließen Erkenntnisse aus dem Anlagenbetrieb zeitnah in die Unternehmen zurück und können bei der Produktentwicklung genutzt werden. Überdies können die in den Gastländern aufgebauten Netzwerke auch bei Geschäften in anderen Ländern hilfreich sein.“

Differenzierung durch Servicegeschäft angestrebt
Ein weiterer Ansatzpunkt zur Stärkung der Wettbewerbsposition ist der Ausbau des Servicegeschäfts. Derzeit liegt der Anteil der Serviceleistungen am Gesamtumsatz im Großanlagenbau bei rund 15 %. Die Planungen der AGAB-Mitglieder sehen vor, diese Quote bis 2018 im Branchenschnitt auf 20 % zu steigern. „Letztlich ist das Servicegeschäft auch ein probates Mittel, um sich gegenüber dem asiatischen Wettbewerb erfolgreich abzugrenzen. Das kann in Einzelfällen dazu führen, dass Anlagenbauer zusätzlich zum Bau der Anlage auch deren Betrieb anbieten“, erläutert der AGAB-Sprecher.

Der Verband sieht aber auch politischen Handlungsbedarf. Neben der Energiepolitik besteht dieser vor allem bei der Exportkreditversicherung (Hermes) sowie der Verbesserung der Infrastruktur in Deutschland. So sehen sich die Unternehmen des Großanlagenbaus aufgrund der Hermes-Regelungen zu Auslandsanteilen gegenüber der stärker werdenden Konkurrenz außerhalb des OECD-Regelwerkes benachteiligt. Im Inland machen den Herstellern großer Anlagenteile bei deren Transport zunehmend marode Brücken zu schaffen. Die aktuell in einem Sonderprogramm des Bundes zur Brückensanierung eingeplanten Mittel von 1,5 Mrd. Euro bis 2017 seien nicht ausreichend. Knauthe: „Diese Summe genügt lediglich für die Sanierung von weniger als 100 der 6.000 maroden Brücken in Deutschland.“

Ausblick 2015: Stabiler Auftragseingang erwartet
Die Markterwartungen im Großanlagenbau sind verhalten. Die überwiegende Mehrheit der AGAB-Mitglieder erwartet 2015 bestenfalls eine stabile Nachfrage oder rechnet sogar mit rückläufigen Bestellungen. Hauptgrund für diesen vorsichtigen Ausblick sind die gedämpften Wachstumsaussichten in Ländern wie Brasilien, China und Russland sowie die Vielzahl lokaler Krisenherde. „Es gibt aber auch Lichtblicke. Die Reindustrialisierung der USA bietet vor allem den Anbietern von Chemieanlagen erstklassige Absatzperspektiven. Ferner erhöht die Abwertung des Euro die Wettbewerbsfähigkeit derjenigen Unternehmen mit vergleichsweise hoher Wertschöpfungstiefe in Europa. Und schließlich verspricht das Servicegeschäft weiterhin steigende Umsätze“, lautet das Fazit von Knauthe. Spürbar anziehendes Geschäft erwartet der Verband erst für 2016 oder 2017.

(as)

Unser auf dem Lagebericht des VDMA basierender CT-Beitrag Stürmische Zeiten geht noch einmal genauer auf den Chemieanlagenbau ein.

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