Wettbewerb auf breiter Front

VDMA-Umfrage: Was macht den Großanlagenbau robust für die Zukunft?

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09.06.2011 Der Konkurrenzdruck steigt: Während Anlagenbauer aus Westeuropa und Deutschland in den vergangenen Jahren Marktanteile verloren haben, holen Südkorea und China deutlich auf. Wie das von den deutschen Anlagenbauunternehmen wahrgenommen wird und mit welchen Maßnahmen die Engineering-Firmen darauf reagieren wollen, ist Gegenstand einer Studie, die vom VDMA im Juni vorgestellt wurde.

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Für 93 Prozent der Großanlagenbauer steht außer frage, dass sich der Konkurrenzdruck seit 2008 deutlich verschärft hat. Zu dieser Einschätzung kommen die Unternehmensberatung Management Engineers (ME) und die VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) auf der Basis einer Umfrage unter 180 Top-Managern des deutschen und europäischen Großanlagenbaus. Vor allem Anbieter aus China und Südkorea, aber auch aus Westeuropa machen den deutschen Engineering-Anbietern zu schaffen.
Aggressive Preispolitik gepaart mit der Bereitschaft, auch umfangreiche Projektrisiken zu tragen, sind die Faktoren, mit denen die neuen Wettbewerber punkten. Und das geht längst nicht immer so schief, wie zum Beispiel beim aktuellen Bauprojekt der polnischen Autobahn A2 zwischen Berlin und Warschau, bei der sich die „China Overseas Engineering Group“ (Covec) jüngst übernommen hatte. Der Großteil der Befragten schätzt den Preisnachteil gegenüber ausländischen Wettbewerbern auf zehn bis zwanzig Prozent.

Chinesische Wettbewerber in der Pole-Position
„Auch wenn es um die Effizienz und Schnelligkeit in der Umsetzung geht, versuchen chinesische Unternehmen derzeit – mehr als andere Anlagenbaunationen – neue Maßstäbe zu setzen“, stellen die Macher der Studie fest. 63 Prozent der Befragten sehen bei diesen Aspekten Wettbewerber aus China in der Pole-Position, bei der Qualitäts- und Termintreue halten 61 Prozent Südkorea für den stärksten Player im Markt – jeweils rund 20 Prozent vor den Anbietern aus Westeuropa. Dabei war gerade die Fähigkeit zur Umsetzung bis vor wenigen Jahren noch ein Schwachpunkt chinesischer Anbieter.
Ebenfalls sehr erfolgreich agieren aus Sicht der Befragten derzeit die südkoreanischen Anbieter, die vor allem im Chemieanlagenbau aktiv sind. Doch dass es dabei nicht bleiben wird, verdeutlichen laut VDMA jüngste Kooperationsanfragen an deren Mitgliedsunternehmen in den Segmenten „Hütten- und Walzwerksbau“ sowie der Kraftwerkserrichter. „Wenn diese Strategie Früchte trägt, wird sich der Wettbewerbsdruck aus Asien nochmals verschärfen – und zwar in der gesamten Marktbreite“, so die Einschätzung von Dr. Roland Nolte, Communications Manager der Unternehmensberatung ME. Dies gilt umso mehr, als die südkoreanischen Anlagenbauer schon heute in fast allen untersuchten Wettbewerbsfeldern auf vorderen Plätzen gesehen werden. Im Hinblick auf ihre Fortschritte bei Qualitäts- und Termintreue nehmen sie in der Befragung sogar die Spitzenposition ein.
„Vor allem im Mittleren Osten, in Südostasien und zukünftig wahrscheinlich auch in Südamerika spüren wir die neuen Wettbewerber“, konkretisiert Helmut Knauthe, Sprecher der AGAB und Mitglied der Geschäftsführung der Uhde GmbH, die Situation.

Preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessern, Technologieführerschaft halten

Was können die deutschen und westeuropäischen Ingenieurunternehmen dagegen setzen? Nach eigener Wahrnehmung sehen sich die Befragten technologisch und in der Marktwahrnehmung nach wie vor in zahlreichen Segmenten in einer dominanten Rolle und spüren deshalb vor allem den Wettbewerbsdruck vor der eigenen Haustür. Nahezu alle Befragten (95 Prozent) wollen daran arbeiten, ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Auf der anderen Seite sehen sich die europäischen Anbieter nach wie vor als führend, wenn es darum geht, neue und marktgerechte Lösungen anzubieten. 83 Prozent der Umfrageteilnehmer beurteilen europäische Anlagenbauer als führenden Innovationstreiber. Und so sehen vor allem die deutschen Anbieter den Ausbau der Technologieführerschaft als wichtige Maßnahme, um den New Comern Paroli bieten zu können. „Wir stellen uns der wachsenden Konkurrenz aus Ostasien mit großem Selbstbewusstsein“, so Knauthe. Chancen einer solchen Hochtechnologie-Strategie sehen die Autoren der Studie auch vor dem Hintergrund einer nachhaltigen CO2-Reduzierung mit Lösungen, die zwar in der Anschaffung etwas teurer, dafür aber in der Betriebsphase deutlich verbrauchsärmer sind.

Wettbewerbsnachteile für OECD-Mitglieder
Allerdings versäumte es der Verband nicht, den Finger in eine industriepolitische Wunde zu legen: Während OECD-Mitgliedsländer bei ihren Angeboten umfangreiche Vorgaben und Prüferfordernisse – der als Common Approaches bezeichneten Umweltleitlinien für Exportkreditversicherungen – erfüllen müssen, bleiben Wettbewerber aus Schwellenländern oder neuen Industrieländern wie China zum Teil weit unter diesen Standards. In Einzelfällen, so der Verband, geben deutsche Großanlagenbauer erst gar keine Angebote mehr ab. Helmut Knauthe mahnt daher: „Die Integration der Nicht-OECD-Länder in die OECD-Umweltleitlinien für staatliche Exportkreditgarantien ist eine drängende Gestaltungsaufgabe der Politik.“

Die Studie wird im Rahmen des 1. Engineering Summit am 5. Juli in München vorgestellt.

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Heftausgabe: Juli 2011

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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