Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt

CT-Spotlight: Alternative Fakten

24.01.2017 Was gedruckt ist, ist gelogen. Nach dieser Devise bastelt sich die neue US-Regierung derzeit eine eigene, nein, nicht postfaktische, sondern „alternativfaktische“ Welt und schüttelt das Joch der journalistischen Kontrolle ab. Konsequent auf die Welt der Chemie und der Physik angewendet, stehen plötzlich ganz neue Möglichkeiten offen.

Anzeige
Alternative Fakten

Zum Haare raufen, welche untergeordnete Rolle Fakten für die Weltbestimmer spielen. (Bild: Phototom – Fotolia)

Es war die größte Inauguration aller Zeiten. Punkt! Auf den Vorwurf eines Journalisten, dass diese Behauptung des amerikanischen Präsidentensprechers eine Lüge sei, die sich durch einen einfachen Bildvergleich der Menschenmassen zwischen Obamas und Trumps Amtseinführung widerlegen lasse, antwortete eine Beraterin: „Nein, keine Lüge, sondern alternative Fakten.“ Auch die europäische Chemie muss sich warm anziehen, denn die Konkurrenz aus USA könnte ihre Prozesse künftig „alternativfaktisch“ betreiben. Beispiele gefällig?

Starten wir mit einer Fingerübung: Über ein Dutzend neue Ethancracker wurden in den vergangenen Jahren in den USA neu gebaut. Faktisch ist die Ethylenausbeute beim Cracken auf ca. 30 % limitiert. Alternativfaktisch lassen sich locker 120 % erreichen. Man vervierfacht einfach die Cracktemperatur, die in der langweiligen faktischen Welt bei 850 °C liegt, und schon läuft der Laden. Das spart nicht nur Schiefergas, sondern erzeugt sogar noch welches. Und das wird – America first – nicht exportiert, sondern zurück in den Boden gedrückt.

Wenden wir uns nun einem weiteren Aspekt zu: Natürlich ist ein Europäer daran schuld, dass amerikanische Chemieanlagen mit teurer Sicherheitstechnik ausgerüstet werden müssen: Auf den Niederländer Jacobus Henricus van ´t Hoff geht zurück, dass sich die Geschwindigkeit einer Reaktion verdoppelt, wenn die Temperatur um 10 K steigt. Per Präsidentendekret wird dieser Wert in den USA künftig auf 20 K festgelegt – so lassen sich durchgehende Reaktionen in Chemieanlagen verhindern, aus der Forderung nach SIL 3 wird also SIL 1, alle SIL-2-Sicherheitsinstallationen werden obsolet. Die Wettbewerbsfähigkeit der US-Chemie steigt aufgrund des Kostenvorteils enorm!

Auch Energiekosten lassen sich mit alternativen Fakten deutlich drücken. Nehmen wir den größten industriellen Energieverbraucher, die Pumpe: Ein Wirkungsgrad von lächerlichen 0,9 ist nicht akzeptabel. Dieser wird für Pumpen aus amerikanischer Produktion künftig per Exekutiventscheidung auf 1,2 festgesetzt. Zumindest so lange, bis den Alternativfaktikern dämmert, dass man mit so vielen Perpetuum Mobiles auch keine einheimische Kohle mehr braucht. Das setzt allerdings voraus, dass sie den lateinischen Begriff in der echtfaktischen Wikipedia nachschlagen, passiert also nie. (as)

Heftausgabe: Januar/Februar 2017
Loader-Icon