September 2011

Eine ursprünglich zärtliche Umarmung schneidet den europäischen Anlagenbauern mehr und mehr die Luft ab: In den Boom-Jahren bis 2008 war die Hilfe koreanischer und chinesischer Bauunternehmen den hiesigen EPC-Firmen hochwillkommen. Ließen sich durch die Arbeitsteilung doch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits die technologische und planerische Kernkompetenz nutzen, andererseits das risikoträchtige und personalintensive Montagegeschäft elegant abgeben.

So berichtete beispielsweise Lothar Jungemann, Mitglied der Geschäftsleitung bei Uhde, auf dem 1. Engineering Summit über positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit koreanischen Engineeringunternehmen sowie die daraus gelernten Lektionen und unterstrich die Bedeutung der Technologieführerschaft als Mittel zur Wettbewerbsfähigkeit.  Doch die Juniorpartner haben extrem schnell gelernt. Zwei Jahre nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die westlichen Engineeringanbieter in den Megaprojekten im Mittleren und Fernen Osten meist nur noch die Junior-Partner von Samsung & Co. „Liefert sich der deutsche Anlagenbau mit Technologie-Partnerschaften der neuen Konkurrenz aus?“ lautete deshalb eine berechtigte Frage, die im Rahmen der Diskussionen Anfang Juli in München gestellt wurde.

Große Chancen, aber auch große Herausforderungen

Dabei ist die Ausgangssituation durchaus positiv: „Die langfristigen Wachstumstreiber sind intakt“, stellten beispielsweise Thomas Waldmann und Klaus Gottwald, von der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA fest. Die Weltbevölkerung wächst und mit ihr das Weltsozialprodukt. Dazu kommt die anhaltende Industriealisierung in den Schwellenländern, eine zunehmende Energienachfrage sowie der Wunsch nach Produkten mit höherer Qualität bei gleichzeitig sinkendem Energie- und Ressourcenverbrauch. Wie groß der globale Hunger nach Energie ist, verdeutlichte Dr. Rainer Hauenschild, CEO der Business Unit Energy Solutions bei Siemens: Die weltweite Stromerzeugung wird von 21 TWh in 2010 auf 36,7 TWh in 2030 wachsen. Doch auch im Kraftwerksbau vollzieht sich eine ähnliche Entwicklung wie im Chemieanlagenbau: Ehemals nur national tätige EPC-Unternehmen aus asiatischen Staaten wie Korea und China drängen vermehrt auf den internationalen Markt und setzen den etablierten Anbietern im Preiswettbewerb zu. Sie punkten mit strategischer Finanzierungsförderung, politischer Unterstützung und dem Zugriff auf Rohstoffe.
 
Maßnahmenpaket zur Zukunftssicherung

„China und Südkorea forcieren den Preiswettbewerb und zeigen sich besonders risikofreudig“, zitierten Volker Stroh, VDMA, und Dr. Gerald Orendi, Management Engineers, aus einer aktuellen Umfrage unter europäischen Anlagenbauunternehmen. „Neu ist, dass China den deutschen Großanlagenbau sogar auf seinem angestammten Platz des Technologieführers angreift“, berichtet Stroh. Mit einem umfassenden Maßnahmenpaket wollen die europäischen Anbieter auf die Herausforderung reagieren. Die Kernpunkte sind

  • Kosteneinsparungen
  • Stärkung lokaler Aktivitäten in den Kundenregionen
  • Ausbau der Technologieführerschaft 
  • Stärkung der EPC-Fähigkeit, insbesondere der Montageabwicklung
  • Risikomanagement

Bei Siemens setzt man unter anderem auf vertärkte Aktivitäten in den Kundenmärkten. Das Schlagwort heißt „Lokal5″ und umschreibt den Ansatz, sich mit lokalem Management, lokalem Produktmanagement, lokalen Verantwortlichkeiten sowie F&E, Beschaffung und Fertigung vor Ort stärker den Bedürfnissen der Kunden anzupassen. „Doch trotz Anpassung an die Wettbewerbssituation sollten wir die eigenen Stärken nicht vernachlässigen – die DNA des deutschen Anlagenbaus heißt: Wir bauen Qualität“, eröffnete Dr. Rainer Hauenschild die Diskussionsrunde. Ein Aspekt, den Rüdiger Zerbe, Mitglied des Vorstandes des Metallurgie-Anlagenbauunternehmens SMS Siemag AG, in seinem Vortrag „Erfolgreiche Internationalisierung  Zentrale Steuerung versus regionale Autonomie“ vertiefte. „Der Aufbau von Engineering-Kapazitäten in den Auslandsgesellschaften ermöglicht eine Kompetenz- und Aufgabenerweiterung im Stammhaus“, verdeutlichte Zerbe. Trotz Verlagerung von Basic- und Detailengineering-Aufgaben nach China und Indien ist es dem Unternehmen gelungen, die Zahl seiner Beschäftigten in Deutschland zu erhöhen, indem Projektmanagement und Produktentwicklung verstärkt wurden.

Allianz für Bau und Montage?

Dass es im neuen Wettbewerbsumfeld unumgänglich sein wird, neben den Kernkompetenzen Engineering und Beschaffung auch wieder verstärkt Montagekompetenzen für die Bauabwicklung vor Ort aufzubauen, wurde in den Vorträgen schnell deutlich und von den Teilnehmern breit akzeptiert. Gleichzeitig zeigte sich, wie schwer sich die Anlagenbauer derzeit damit tun, geeignetes Personal für die Montageüberwachung zu finden. Qualifizierungsmaßnahmen, wie sie von Dirk Steding, Siemens, Prof. Eberhard Schlücker, Uni Erlangen sowie von Andrea Storck, Thyssen Krupp Fördertechnik, vorgestellt wurden, zeigen hier die Richtung, in der EPCs sich gemeinsam mit Hochschulen dem Thema annehmen können. Ebenso langfristig angelegt sind die von Dr. Ralf Sick-Sonntag und Dr. Jürgen Kussi vorgestellten Strategien und Ideen für modernes Personalmanagement, um Ingenieure zu gewinnen und zu halten.

Um das Problemfeld „Baustellenpersonal“ zu bearbeiten, wurden verschiedene Ideen und Ansätze diskutiert und auch Regionen für einen solchen Personalaufbau definiert. „Wir können hier durchaus auch in Europa – zum Beispiel in Portugal – fündig werden“, lautete ein Diskussionsbeitrag. Dirk Steding, Vice President for Project Management, Siemens AG, Energy Sector, schlug vor, eine europäische Turnkey Construction and Commissioning Alliance zu gründen.

Doch der Wiederaufbau von Montagekompetenz und -kapazität erfordert auch die Bereitschaft, die damit verbundenen Risiken zu tragen. „Anlagenbau bedeutet immer Risikominderung“, verdeutlichte Ferrostaal-Vorstand Prof. Stephan Reimelt und erläuterte, warum es besonders wichtig ist, potenzielle Projektrisiken möglichst früh zu erkennen und permanent zu überwachen, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein: „Der Weg zum Erfolgt heißt kalkulierbare Risiken einzugehen.“

Risiken im Blick

Betrachtet man die im EPC-Geschäft üblichen Vertragsformen, dann bergen Turnkey-Projekte (EPC lump sum) für die Anlagenbauer die größten Risiken. Wie werden sich die Kosten im Projektverlauf vor Ort entwickeln? Lassen sich kulturelle Barrieren überwinden? Wer haftet für Zahlungsausfälle und wie wird sich die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden gestalten?  Diese und weitere Fragen und Risiken muss der Anlagenbauer bei Turnkey-Projekten beherrschen, verdeutlichte Jürgen Wild, CEO der M+W Group und erläuterte anhand realisierter Projekte, welche Chancen im Turnkey-Ansatz liegen. „Die Kunst besteht darin, den Leistungsumfang zum Zeitpunkt der Auftragsvergabe festlegen zu können. Dann ist Turnkey eine Chance, sich vom Wettbewerb zu differenzieren und Projekte profitabel abzuwickeln.“

„Die Bedeutung von Beschaffung und Montage wird im deutschen Anlagenbau unterschätzt“, stellte Hans Joachim Gastel, Head of Global Procurement, Linde AG, Geschäftsbereich Engineering, in seinem Vortrag „Beschaffung & Lieferantenqualifizierung auf globalen Märkten“ fest. „Mit 55 Prozent der Kosten ist das Procurement der größte Block im Gesamtprojekt“, präzisierte Gastel  Einsparpotenziale in EPC-Projekten. Um diese zu heben, wurde bei Linde 2010 eine neue globale Beschaffungsstruktur eingeführt. „Darin bilden sechs globale Procurement Center mit ca. 200 Mitarbeitern die Kontaktpunkte zu den Lieferanten in den Regionen“, erläuterte Gastel das Konzept „One-face-to-the-supplier“.

Globale Beschaffung als Antwort auf den Preisdruck

Doch bevor mit globaler Beschaffung von Schlüsselkomponenten wie Apparaten und Maschinen die eigene Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden kann, müssen eine Reihe von Fragen  geklärt werden: Wie ist es um die Qualität und Sicherheit bestellt? Werden die notwendigen Standards eingehalten? Wie lassen sich Termintreue und Zuverlässigkeit  im Auftragsfall sichern? Welche Risiken müssen an den Schnittstellen zu anderen Kulturen, Sprachen, Zeitzonen etc. beherrscht werden?

Aber es sind bei weitem nicht nur Maßnahmen im Einkauf, die zu deutlichen Kosteneffekten im Anlagenbau führen können. Wie durch planerische und technische Ansätze und durch „Value Engineering“ Einsparungen möglich sind, verdeutlichten  Thorsten Helmich, Maexpartners, und Dr. Wolfgang Knothe, Flagsol, am Beispiel solarthermischer Kraftwerke: Die anspruchsvolle Vorgabe aufgrund der sinkenden Stromgestehungskosten lautet hier, die Anlagenkosten bis 2015 zu halbieren. „Das geht nur mit einem ganzheitlichen Ansatz“, verdeutlichte Helmich: „Value Engineering basiert auf der funktionalen Analyse von Systemen, Komponenten, Services und Zulieferungen mit dem Ziel, die Anlagenfunktionen zu den geringsten Lebenszykluskosten bereitzustellen.“

Auch Peter Gress, Senior Vice President Engineering, BASF SE, plädierte in seiner Keynote „Erwartungen der Betreiber an den Anlagenbau“ für eine ganzheitliche Betrachtung: „Nur wer den Lebenszyklus versteht, kann die optimale Anlage konzipieren.“ Die „Owners Engineers“ des weltgrößten Chemieunternehmens sehen im spezifischen Anlagenkonzept einen wesentlichen Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg. „Hervorragendes Engineering ist und bleibt die Basis für Effektivität und Effizienz im Anlagenbau“, lautet das Fazit von  Gress, der den versammelten Teilnehmern der Veranstaltung Impulse für eine neue Betrachtungsweise im Anlagenbau gab: „Wertbasiertes Engineering zielt darauf, die  Lebenszykluskosten einer Anlage zu minimieren“, verdeutlichte Gress und bot den Anlagenbauern die Hand zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Denn Mehrwert für das Investitionsprojekt, so Gress, entsteht durch eine konsequente Ausrichtung auf Maximierung des Wertbeitrags. Und hierfür wünschen sich die Betreiber neue Wege der Zusammenarbeit und die Sichtweise „Anlagenbauer als Partner des Owners Engineering“.

Doch was für den Chemieanlagenbau deutscher Prägung als zukunftsfähiger Ansatz gelten kann, muss im globalen Kräftespiel der EPCs und deren Kunden erst auf Tragfähigkeit hin geprüft werden. Hier offenbaren sich durchaus auch Unterschiede zwischen einerseits Branchen, andererseits auch Kundenregionen der Anlagenbauer.

Fazit: Der deutsche Anlagenbau hat die Herausforderungen aus dem sich ändernden globalen Wettbewerbsumfeld angenommen. Mit einem vielfältigen Maßnahmenpaket arbeiten die Engineeringfirmen daran, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Im Austausch auf dem Engineering Summit wurden neue Ideen diskutiert und Kontakte für Kooperationen geknüpft.

 

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