(Bild: Christian42 – Fotolia)

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| von Redaktion

Die Mitglieder AGAB verbuchten im Jahr 2020 Auftragseingänge im Wert von 11,9 Mrd. Euro, das sind 35 % weniger als im Vorjahr (2019: 18,3 Mrd. Euro). Während der Rückgang im Inland innerhalb der üblichen Schwankungsbreite blieb, gab es im Export Einbußen von über 40 %. Die pandemiebedingten Verschiebungen von Investitionen betrafen in erster Linie das Neuanlagengeschäft und waren durch die Nachfrage nach Modernisierungen und Services nicht auszugleichen.

Dass die Unternehmen sich in einem schrumpfenden Markt dennoch behaupten konnten, lag an der Flexibilität der Mitarbeiter, der hohen Innovationskraft der Unternehmen und den auf Langfristigkeit fußenden Geschäftsmodellen. Auftragsbestände aus wirtschaftlich erfolgreicheren Jahren halfen den Unternehmen, Umsätze von 16,3 Mrd. Euro und damit auf Vorjahresniveau zu erzielen. „Dies ermöglichte es unseren Mitgliedern, auch während der Krise notwendige Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Branche – etwa in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – zu tätigen“, sagt Jürgen Nowicki, Sprecher der AGAB und CEO von Linde Engineering.

Starke Einbußen im Auslandsgeschäft

Die inländischen Bestellungen blieben mit einem Minus von 9 % laut VDMA „trotz Pandemie relativ stabil“, sie sanken auf 3,2 Mrd. Euro (2019: 3,6 Mrd. Euro). Positive Impulse verzeichnet der Verband bei einer steigenden Nachfrage nach Chemieanlagen und Kraftwerken. Im Kraftwerksbau erreichten die Bestellungen mit 1,1 Mrd. Euro (2019: 1,0 Mrd. Euro) sogar den höchsten Wert seit 2014. Auslöser hierfür waren mehrere Neubauaufträge für Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke von Kunden aus der Industrie. Die Branche verbuchte 70 Großaufträge über 25 Mio. Euro, verglichen mit 95 entsprechenden Aufträgen im Jahr 2019. Unter den Großprojekten 2020 ist auch ein „Megaauftrag“ mit einem Projektvolumen von mehr als 500 Mio. Euro.

Die Geschäftsentwicklung im Großanlagenbau zeigt Rückgang in allen Segmenten. (Bild: VDMA/AGAB)
Die Geschäftsentwicklung im Großanlagenbau zeigt Rückgang in allen Segmenten. (Bild: VDMA/AGAB)

 

Im Auslandsgeschäft machte sich die Corona-Pandemie dagegen drastisch bemerkbar. Aufgrund von Einnahmeausfällen konnten Kunden einzelne Projekte nicht weiterführen und keine neuen Vorhaben starten. Reise-und Kontaktbeschränkungen erschweren zudem die Durchführung von Services und die Verhandlung von Neuaufträgen. Dadurch kam es 2020 zu einem erdrutschartigen Nachfrageeinbruch. Die Bestellungen fielen um 42 % auf 8,6 Mrd. Euro (2019: 14,7 Mrd. Euro) und sanken damit auf das Niveau des Wendejahres 1989. Von dieser Entwicklung waren – mit Ausnahme Osteuropas – alle Regionen in ähnlich starkem Ausmaß betroffen. Wichtigster Auslandsmarkt war Russland mit Bestellungen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro; drei Viertel dieser Auftragssumme stammen aus Großprojekten für die chemische Industrie. Die Nachfrage aus anderen Kernmärkten wie etwa China, Indien und den USA fiel 2020 auf langjährige Tiefstwerte.

In diesem Umfeld bezeichnet der Verband Kapazitätsanpassungen als unvermeidlich, was sich auch in gesunkenen Beschäftigtenzahlen zeigt. Aktuell beschäftigen die VDMA-Großanlagenbauer 48.600 Personen an ihren Standorten in Deutschland und Österreich, das sind rund 5.000 Beschäftigte weniger als im Vorjahr.

Pandemie führt zu Digitalisierungsschub

Andererseits ist die Produktivität im Großanlagenbau durch veränderte Arbeitsweisen und -abläufe sowie den Einsatz digitaler Technologien während der Pandemie gestiegen. Virtuelle Services wie Ferninbetriebnahmen, Fernwartung und Fernaudits haben aufgrund der aktuellen Mobilitätseinschränkungen an Bedeutung gewonnen. Dieser Trend wird sich voraussichtlich weiter verstärken: Fast 90 % der Befragten gaben in einer Umfrage des Verbandes unter Führungskräften im Großanlagenbau an, dass sie mehr virtuelle Kundenkontakte und weniger Dienstreisen erwarten, und das mobiles Arbeiten zum Normalfall werden wird. Dieser Trend zeigte sich 2020 insbesondere im Baustellenmanagement, wo intensiv nach neuen Wegen gesucht wird, um produktiver zu werden und Gesundheitsrisiken zu reduzieren. „Technologien wie Roboter und Drohnen oder auch Virtual-Reality-Anwendungen könnten auf Baustellen zukünftig eine wichtigere Rolle spielen und manuelle Tätigkeiten unterstützen oder sogar vollständig ablösen“, prognostiziert Nowicki.

Mehr mobil und digital: Ergebnisse der Umfrage zu mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie. (Bild: VDMA/AGAB)
Mehr mobil und digital: Ergebnisse der Umfrage zu mittel- und langfristigen Folgen der Pandemie. (Bild: VDMA/AGAB)

Neue Führungsmethoden („Remote Leadership“) und flache Hierarchien sind weitere Ansatzpunkte, um effizienter zu werden. Auch die Modularisierung ist im Großanlagenbau mittlerweile etabliert. Erfolge hierdurch sind Zeitersparnis, sinkende Qualitäts-und Fehlerkosten sowie weniger Arbeitsunfälle. Die Erschließung neuer Geschäftsfelder wie Service, Logistik, Software, Recycling und neuer Kundengruppen schreitet ebenfalls voran. Einige Unternehmen stärken ihre regionalen Bau-, Montage-und Servicekompetenzen, um Kosten zu sparen, näher am Kunden zu sein und mehr Aufträge zu generieren.

Im Zusammenhang mit der Pandemie beobachtet der Verband, dass sich Kundenforderungen nach niedrigen Investitionskosten (Capex) verstärkt haben, und auch die operativen Kosten (Opex) gewinnen unter Risiko-und Nachhaltigkeitsaspekten an Bedeutung. Folglich ist auch das Bedürfnis der Kunden nach hoher Transparenz in Bezug auf wichtige Projektparameter wie Kosten, Qualität und Baufortschritt während der Krise gewachsen. Kleine und mittlere Projektgrößen, Ertüchtigungen sowie Services stehen derzeit im Fokus des Marktes. Generell herrscht hoher Preisdruck aufgrund einer rückläufigen Projekttätigkeit und Überkapazitäten.

EU muss Wettbewerbschancen wahren

In dieser Marktlage wünschen sich die Großanlagenbauer mehr Unterstützung von Seitern der Politik, insbesondere auf europäischer Ebene. Die OECD als Gestalter eines politisch gewollten „Level Playing Field“ liefere seit Jahren keine praxisgerechten Antworten auf die anhaltenden Wettbewerbsverzerrungen in der Exportfinanzierung und die tiefgreifenden Veränderungen im globalen Projektgeschäft. Taktgeber seien vielmehr die Staaten, die nicht dem OECD-Konsensus angehören, insbesondere China. Der weltweite Konditionenwettlauf durch Instrumente der Exportförderung setzt sich anlässlich der aktuellen Wirtschaftskrise verstärkt fort.

Jedes OECD-Mitglied gehe noch stärker eigene Wege zur Bewältigung der Krise, aber auch in der Einbindung von Instrumenten der Entwicklungshilfe und Aspekten der Nachhaltigkeit, so die Sicht der AGAB. Dies schwäche jedoch die Verhandlungsposition gegenüber den Nicht-OECD-Staaten erneut, die seit Jahren nicht zum Beitritt in einen gemeinsamen Konsensus überzeugt werden können. Vor diesem Hintergrund appelliert der VDMA-Großanlagenbau an den gemeinsamen Gestaltungswillen der EU, die Wettbewerbschancen der europäischen Unternehmen zu verbessern. Die Vorschläger der Industrie seien bereits seit zwei Jahren bekannt, nun müsse eine Reform des Rahmens für Exportkredite auch zu sichtbaren Verbesserungen führen.

Großanlagenbau liefert Technologie für die Energiewende

Die Pläne vieler Staaten, den Klimawandel einzudämmen und dafür Technologien zur Einsparung von Energie und Treibhausgasen zu nutzen, werden konkreter. „Dem Großanlagenbau eröffnen sich dadurch Chancen, neue Angebote im Markt zu platzieren und die Betreiber von Anlagen zu einer ressourcenschonenden Produktion zu befähigen“, betont der AGAB-Sprecher. Hierzu zählen etwa Anlagen zur CO2-freien Stromerzeugung und Rauchgas-Reinigungssysteme, aber auch Recyclinganlagen und Technologien für die Herstellung synthetischer Kraftstoffe.

Von besonderer Bedeutung sind die vom Großanlagenbau bereitgestellten Elektrolyseure und Gesamtanlagen zur Erzeugung von Wasserstoff, der in der Energiewirtschaft der Zukunft eine zentrale Rolle spielen soll. „Als Voraussetzung für die Etablierung eines solchen nachhaltigen Systems muss die Politik jedoch verlässliche Rahmenbedingungen schaffen – etwa für den Ausbau der regenerativen Stromerzeugung“, mahnt Nowicki rasches Handeln an. Ohne die Nutzung erneuerbarer Energien kann kein Sektor entscheidende Beiträge zum Klimaschutz erbringen. Nowicki: „Grüner Wasserstoff und der Ausbau der regenerativen Energien bedingen sich gegenseitig.“[KA1]  Auch hier fordert die AGAB politische Unterstützung: Technologien, die den Pariser Umweltzielen dienen und zu einer Emissionsreduktion beitragen, sollen Zugang zu nachhaltiger Finanzierung erhalten.

Optimismus für 2021

Insgesamt sind die Mitglieder der AGAB optimistisch, dass es 2021 wieder bergauf geht. Mehr als 90 % der Unternehmen gehen von konstanten oder steigenden Bestellungen im laufenden Jahr aus. Diese Zuversicht speist sich aus mehreren Quellen. Die weltwirtschaftliche Erholung, eine Deeskalation von Handelskonflikten und umfangreiche Konjunkturprogramme könnten für Impulse auf der Nachfrageseite sorgen. „Darüber hinaus bietet der Großanlagenbau seinen Kunden mit digitalen Services, Mitarbeiterschulungen und Technologien für mehr Nachhaltigkeit genau die Lösungen an, die im aktuellen Marktumfeld besonders gefragt sind“, betont Nowicki. Allerdings wird die Projektabwicklung derzeit noch durch Einreisebeschränkungen und Quarantäneauflagen behindert. Viele Anlagenbauer rechnen daher mit einem schrittweisen Aufholprozess, der bis 2023 andauern könnte.

VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau

Die VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau ist die Interessenvertretung und das wichtigste Netzwerk Großanlagen bauender Unternehmen in Europa. Sie repräsentiert einen jährlichen Auftragseingang von 16 Mrd. Euro und beschäftigt rund 48.000 Personen in Deutschland und Österreich. Mit einem Weltmarktanteil von etwa 15 % und 80 % Exportquote üben die Unternehmen eine erhebliche Lokomotivwirkung auf die inländische Zulieferindustrie aus.

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