Kompendium Prozessautomatisierung 2012

Vorweg hier noch einmal die wichtigsten Thesen aus Dieter Schaudels Kolumne aus CT 8. Den kompletten Beitrag finden Sie unter: www.chemietechnik.de, Suche „Machterosion“:
Braucht der Kongress „Automation“ ein ganz neues Konzept, um gegen die Erosion der Automation (von 21.000 VDI/VDE-GMA-Mitgliedern waren kaum 500 Teilnehmer nach Baden-Baden gekommen) anzukämpfen?
Die Automatisierer spielen  im großen Konzert der Technologien in Deutschland und weltweit inzwischen nur noch eine bescheidene Rolle.
Bei der Acatech, der selbsternannten „Stimme der Technikwissenschaften“, findet sich im Präsidium und den Präsidialausschüssen kein einziger, im vielköpfigen Senat und bei den vielen Mitgliedern noch nicht einmal eine Handvoll Automatisierer.
In der 297-seitigen Studie „Integrierte Forschungsagenda Cyber-Physical Systems“  der Acatech, inzwischen Grundlage für große deutsche Forschungsprogramme, wird kein einziger Automatisierer als Autor genannt.
Offenbar haben wir Automatisierer zugelassen, dass das große Zukunftsgebiet Industrie 4.0 – die nächste industrielle Revolution –  von den Informatikern ge- und betrieben wird.
Die Automatisierer müssen heraus aus ihrem selbstgeschaffenen Ghetto, sich weit öffnen für die Informatik, die Mechatronik, die Mikrosystemtechnik, die Verfahrens- und Fertigungstechnik.[AS]

Dieter Schaudel nimmt in der CT-Kolumne „Bits & Bites“ zu aktuellen Themen der Automatisierungstechnik Stellung.
Kontakt: dieter.schaudel@schaudelconsult.de

„Erosion ist absolut da“
„…Eine Erosion der Automatisierungstechnik ist absolut da. Ein technologischer Grund dafür ist, dass wir, die Prozessautomatisierungstechnik, als ,Trittbrettfahrer‘ von allgemein verfügbaren Technologien profitieren wollen. Und langsam merken wir, welchen Preis wir dafür zahlen müssen: Die Abhängigkeit von Software-Anbietern wie Microsoft (für die die Automatisierungstechnik 0,1% des Marktes darstellen) oder jetzt sogar von ETSI. Durch das Trittbrettfahren haben wir Investitionskosten gespart – die Lebenszykluskosten werden dafür steigen.
…Die Erosion der Automatisierungstechnik geht einher mit der in vielen Unternehmen der Chemischen und Pharmazeutischen Industrie festzustellenden Erosion der Bedeutung der Technik als Ganzes. Hier gibt es je nach Unternehmensgröße, aber auch Unternehmenskultur sehr unterschiedliche Aufstellungen der Technik: Teilweise gibt es noch Ingenieure im Vorstand und ausgeprägte Fachstellen. Der andere Extremfall ist, wenn der Betriebsingenieur die höchste technische Instanz des Unternehmens ist. Wer mit einem oder zwei Ingenieuren und Technikern sowie einer Handvoll Handwerkern unter permanentem Kostendruck die gesamte Technik abdecken muss, wird kaum Zeit dafür haben, sich mit ,Cyber-Physical Systems‘ oder Innovationen generell zu beschäftigen. Das ist Erosion pur, und es ist zu befürchten, dass diese Unternehmen dadurch in eine ,Low-Tech-Ecke‘ geraten, in der sie … kaum überleben werden.“
Dr. Thomas Tauchnitz, Sanofi-Aventis Deutschland, SFP-PG6-Technik

„Namur und GMA verlieren an Bedeutung“
„… die Automation ist keine scharf abgegrenzte Ingenieur-Disziplin wie etwa die Einzelthemen Messtechnik, Explosionsschutz etc. … Historisch ist die Automation ein Sammelsurium aus Disziplinen rund um den theoretischen Kern der Regelungstechnik. Insofern sind Erosionen, aber auch weitere thematische Zugewinne, fast alltäglich. …
Der Markt für Automatisierungsgeräte ist zusätzlich relativ klein, so dass wir auf die Migration von Mainstream-Technologien angewiesen sind. Folgerichtig nehmen diese Technologien Einfluss auf die Weiterentwicklung der Automation. Die Automatisierer tun sicher gut daran, ihre Kompetenz zu erweitern – aber wird die Automation damit zum Sub-Thema der IT? Ich glaube nicht! Der Automatisierer braucht auch in Zukunft die Fähigkeit, technische, zeitkritische, gefahrvolle Prozesse in technischen Systemen abzubilden. Diese abstrakte Anforderung muss die Automation erfüllen, egal auf welcher technischen Plattform die Implementierung dann stattfindet.
Namur und GMA verlieren mit der gleichen Geschwindigkeit an Bedeutung, mit der die klugen Köpfe unserer deutschen Endkunden aus den PLT-Bereichen ihren internationalen Einfluss selbst im eigenen Unternehmen verlieren. … Die Themen Wireless und Prolist zeigen: Es ist international kaum jemand gewillt, den Namur-Vorschlägen noch zu folgen.“
Dr.-Ing. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsleitung/CEO, Pepperl+Fuchs GmbH

„Der Wandel ist unaufhaltsam“
„…ich stimme in Ihrer Einschätzung überein, dass die nächste große Innovation, die die Welt und die Geschäfts- und Wertschöpfungsbeziehungen auf der Welt verändert, tendenziell nicht aus der klassischen Automatisierung kommen wird. Die Feinmechanik ist ja auch nicht verschwunden – sie ist heute nur einfach selbstverständlich vorhanden und nichts Besonderes mehr. … Der Wandel ist unaufhaltsam, und nur wenige etablierte Unternehmen werden ihn mitgehen.“
Dr. Georg Plasberg, Sick AG, Mitglied der Geschäftsleitung

„Ist es schlimm, wenn die IT die Automation schluckt?“
„Man kann natürlich auch die Fragen stellen: ,Ist es schlimm, dass wir nicht mehr von Feinwerktechnik sprechen, sondern von Mechatronik? Hat sich eigentlich etwas geändert?‘ oder: ,Ist es schlimm, wenn die IT die Automation schluckt?‘ Software ist doch seit 20 Jahren in fast jedem Automatisierungsgerät! Sollen doch die IT-ler sehen, wie sie das bisschen Regelung und Automatisierung auch noch hinkriegen, dann müssen sie endlich auch mal die Sprache der Automation lernen. …Vielleicht ist es ja gut, dass wir Automatisierer nicht im Rampenlicht stehen und nicht den großen politischen Einfluss haben – dann lässt uns die Politik auch in Ruhe.“
Dr. Volker Oestreich, Dr. Oestreich Consulting

„Wie im vorigen Jahrhundert“
„…Als wir voriges Jahrhundert zaghaft darauf hinwiesen, dass IBM-PC, Ethernet und Internet den Automatisieren bald schwer zu schaffen machen könnten, schrieben uns M+R-Experten: Wir sollten lieber über etwas Vernünftiges, den Anlagenbau etwa, als über das Internet berichten. Dabei kamen alle unsere Zitate – wegen der unterschiedlichen Meinungen im VDI zitieren wir ja – von jungen Automatisierungsfirmen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, wer Recht hatte. Wenn wir jetzt über neue Arbeitsstrukturen und Industrie 4.0 berichten, hören wir wieder Ähnliches. Das verwundert.“
Rudolf Schulze, Chefredaktion VDI nachrichten

„Potenziale durch interdisziplinäre Aufstellung heben“
„Ich bin davon überzeugt, dass die Bedeutung der Automatisierung als Innovationstreiber und Enabeler für Operational Excellence innerhalb der Prozessindustrie auch in den höchsten Unternehmensebenen gesehen wird. Weiterhin zeigt sich, dass man viele Potenziale nur durch eine interdisziplinäre Aufstellung heben kann.“
Dr. Matthias Fankhänel, BASF, Leiter Technische Fachzentren

„Hoffentlich keine Cloud-Konzepte“
„…je mehr eine Überlappung zwischen beiden Bereichen stattfindet, umso mehr erhöht sich der Bedarf nach anspruchsvollen Sicherheitstechniken. In dem Zusammenhang hoffe ich dann nur, dass die Automatisierer eines Tages  nicht so ,verwegen‘ sein werden, auch hier über Cloud-Konzepte nachzudenken oder diese in irgendeiner Form zu implementieren.“
Dr. Norbert Schröder, Intechno Consulting

„Automatisierung ist eine kritische Disziplin“
„…Für mich als Nachrichtentechniker, gelerntem Automatisierer und promoviertem Informatiker ist die Welt der Automatisierung in Deutschland seit geraumer Zeit dabei, der zu bewältigenden Komplexität aktueller Anwendungsdomänen  unerschütterlich ihr methodisches Erbgut entgegenzusetzen  –  neben dem vollen Kalender hält mich dies immer mehr von Baden-Baden ab. Mein wesentliches Engagement liegt bei der DKE und dem DIN in den komplexen Systemen (Smart Grid, e-Mobility)  und deren informationstechnisch geprägten Integrations-Herausforderungen von Politik und Regulierung,  von Markt und Technik. Dabei ist die Automatisierung eine kritische Disziplin – neben vielen anderen gleich kritischen Disziplinen!“
Prof. Dr. Hartwig Steusloff, Fraunhofer IOSB

„Kaum ganzheitlicher Ansatz“
„…Ich denke auch, dass wir uns teilweise selber im Wege stehen und viel zu viele Argumente einbringen, warum wir etwas jetzt noch nicht machen, oder warum es nicht geht. Als noch Ingenieure und Erfinder an der Spitze von Unternehmen waren, so war die Bereitschaft, Neues anzupacken, aus meiner Sicht deutlich größer. Viele technische Errungenschaften der letzten zehn Jahre sind immer noch nicht in marktreifen Produkten oder Lösungen zu finden. Ob die eine Technik in der anderen verschwindet oder verschmilzt, macht mir keine Kopfschmerzen. Ich habe eher das Problem, dass zu wenige Unternehmer bis runter zum Entwickler einen ganzheitlichen Ansatz betreiben. Anders ist auch mir Ihr Beispiel mit Wireless nicht erklärbar.“
Peter Welp Siemens AG Freiburg, Vorsitzender des VDE-Bezirksvereins Südbaden

„Vereinheitlichung und interdisziplinäres Arbeiten gewinnen an Bedeutung“
„… Mit unseren jetzigen Werkzeugen der IT werden wir die Herausforderungen nicht bewältigen können. Das Scaling-up vom lokalen PC zu massiv vernetzten Umgebungen wie derzeit in der digitalen Fabrik, dem Smart Grid oder bei Ambient Assisted Living in Planung, wird so nicht gelingen. Weitere Ansätze müssen dazu einbezogen werden. Die Industrieautomation bemerkt es vielleicht als erste Branche und entwickelt passende Lösungen. … Der Aufwand, um das zukünftige Interoperabilitätsproblem zu lösen, wird so hoch sein, dass diesmal ein branchenübergreifender Ansatz zu erwarten ist. Die Zeiten, wo jeder das ,Rad noch einmal erfindet‘, wie jetzt bei der funktionalen Sicherheit, werden dann vorbei sein. Deshalb werden die alten Tugenden ,Vereinheitlichung‘ und ,Interdisziplinäres Arbeiten‘ für Industrie, Anwender und die Normungsorganisationen, wieder an Bedeutung gewinnen.“
I. Rolle, DKE Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE

„Automatisierung bleibt eigenständiges Fachgebiet“
„…Ich denke, wir müssen unterscheiden zwischen den Automationstechnologien und der Automatisierungstechnik: Die Automationstechnologien werden offensichtlich immer stärker durch die IKT bestimmt. Das bietet viele neue Optionen und ist kein Problem für diejenigen Hersteller, die sich darauf entsprechend vorbereitet haben. … Die Automatisierungstechnik selber mit der Regelungstechnik im Kern wird es aus meiner Sicht aber immer als eigenständiges Fachgebiet geben. Hier ist viel Know-how über den Prozess, dessen Modellierung und die Auslegung mechatronischer Systeme notwendig und zwar weitestgehend unabhängig von der eingesetzten Automationstechnologie.“
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Jasperneite, Fraunhofer IOSB-INA, Leitung Anwendungszentrum Industrial Automation

„Machterosion? Leider ja!“
„…Machterosion? Leider ja! … ,Drei-Affen-Verhalten‘? Klagen oder ignorieren? Ein entschiedenes NEIN! Jedenfalls bei der mir bekannten überwiegenden Mehrheit aller Handelnden aus Hersteller- und Anwender-Industrie, Forschung und Lehre, und deren Fachorganisationen und Verbänden. Diese sind sehr engagiert und untereinander kooperativ in der AUT-Community, auch mit dem Ziel eines hohen Stellenwertes.
Das ist doch eine gute Basis, nun die noch fehlende Konsolidierung bei ihren Fachorganisationen (Namur, GMA,..) und Verbänden (ZVEI, VDI,..) in Angriff zu nehmen. Dies ist jedoch dringend erforderlich! Diese ,Neue Automation‘ kann sich dann organisatorisch und mit starken Beiträgen bei der Acatech (Projekte und Mittel) einbringen. Einige (sehr wenige) AUT-Vertreter arbeiten dort bereits mit! Gleichzeitig muss diese neue Automation gesellschaftspolitische Präsenz zeigen! Nicht nur in ZVEI und Messe-Pressemitteilungen, sondern kontinuierlich in den Medien. Die Themen Mint und Ingenieurnachwuchs sind für sich gesehen schon werthaltig für diese neuen Plattformen.“
Rolf Marten, Marten Consult

„Kongresse und Messen haben an Bedeutung verloren“
„…Ich glaube, dass sich die Kommunikationsformate verändert haben – völlig unabhängig vom Inhalt. Kongresse, aber auch Messen, sind heute einfach weniger wichtig als in der Vergangenheit. Das Internet ist zentraler Dreh- und Angelpunkt von ,Information‘ geworden. Dazu beginnen Dialoge in Communities wie z. B. bei Linkedin. Schauen Sie bitte mal in die Automationsgruppe dort oder auch in die FDT/DTM-Gruppe als Beispiele für diesen Trend. Natürlich mit viel ,wenn und aber‘. Die Qualität der Beiträge ist in den Communities z. T. unter aller Kanone – sprachlich wie inhaltlich. Und doch entsteht da Neues und Nützliches und wiederum gräbt es den traditionellen Veranstaltungen das Wasser ab.
Michael Ziesemer, COO Endress+Hauser

„Möglichkeiten für Synergie-Effekte“
„… Wir haben als VFAALE schon mehrere Ansätze gemacht, um die Organisatoren für eine verstärkte Beteiligung der FHs beim Kongress zu sensibilisieren. Damit könnten wir auch mehr bei unseren FH-Kollegen für Baden-Baden werben… Es gäbe sicher einige Möglichkeiten für Synergie-Effekte und auch Diskussionsstoff für ein eventuelles Zusammengehen beider Konferenzen. Seitens der GMA und auch seitens der dominierenden Uni-Fachkollegen habe ich aber dazu bisher wenig Interesse beobachtet.“
Prof. Dr.-Ing. R. Langmann, Vorsitzender VFAALE e.V.

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