Oktober 2015
| von Armin Scheuermann, Redaktion

CT: Keine guten Nachrichten für Sensorhersteller.
Steckenreiter: Wer nur Sensoren verkauft, gerät durch die wachsende Konkurrenz aus der Fertigungsautomation sowieso unter Druck. Hersteller sind gut beraten, wenn sie künftig Applikations- und Sensor-Know-how zusammenbringen und mit dem Prozessverständnis kombinieren.

CT: Lassen Sie die Hersteller dafür auch in Ihre Prozesse hineinschauen?
Steckenreiter: In Standardprozesse ja. Schon heute bringen Gerätehersteller viel Anwendungs-Know-how für den Betrieb großer Conti-Anlagen ein. Bei Produktionsumfeldern, in denen die Intellectual Property wichtig ist, wird ebenfalls kooperiert, aber man muss ja nicht alle Bits und Bytes verraten. Es bleibt vielen Anwendern auch gar nichts anderes übrig, wenn sie kein eigenes PAT-Know-how besitzen. Geübte Hersteller können schon aus der Auswertung von Spektren Hinweise zu Optimierungspotenzialen ableiten. Und für viele Anwendungen – beispielsweise in der Stofftrennung – lässt sich einiges automatisieren.

CT: Vor rund einem Jahrzehnt wurde zwischen Namur und ZVEI die Roadmap Prozesssensoren entwickelt und dann in der Roadmap 2015+ fortgeschrieben. Wir schreiben nun das Jahr 2015 – von den gewünschten neuen Sensoren ist bislang wenig zu sehen.
Steckenreiter: Der Fehler der Roadmap bestand darin, dass die Lücke zwischen Prozessführung und High-End-Analysenmesstechnik nicht geschlossen wurde. Die erste Roadmap war eine sehr sinnvolle Wunschliste der Anwender, die aber nicht aufgezeigt hat, wo der Mehrwert für die Gerätehersteller liegt. Wenn die Hersteller diesen Mehrwert nicht erfassen können, dann fehlt der Anreiz für die Entwicklung. Das mussten wir beim Roadmap-Prozess lernen und wurde mit der zweiten Roadmap auch gezeigt. Die PAT wird nun stufenweise aus der Spezialisten-Nische in die Prozesssteuerung überführt. Was immer noch bleibt, ist die Lücke der Prozessintegration. Mit der dritten Auflage soll auch diese geschlossen werden. Denn die generelle Schwierigkeit der PAT besteht ja darin, diese vom High-End-Niveau im Labor in eine für den Betrieb handhabbare Technik zu überführen. Darüber hinaus wird in der dritten Version der Sensor-Roadmap der Beitrag neuer Eigenschaften der Sensoren zur Umsetzung der Industrie 4.0 Initiative beleuchtet. Sie dürfen hier sehr gespannt sein.

CT: Welche Entwicklungen können dabei helfen?
Steckenreiter: Es wurden bereits Systeme für Probenahme und -aufbereitung entwickelt, die gut automatisiert werden können. Der methodische Baukasten wird immer weiter verfeinert. Ziel muss es sein, dass die Gerätehersteller verstärkt Applikationsverständnis entwickeln, um Analyseinformationen zeitnah dem Leitsystem zur Prozesssteuerung zur Verfügung zu stellen.
Bei der ersten PAT-Welle ist man häufig an diesen Aspekten gescheitert. Die meisten Mitarbeiter, die sich bei Bayer mit der PAT beschäftigen, kümmern sich um die Probleme des Betriebsalltags: Das sind Aspekte der Prozessanbindung, Instandhaltungskonzepte, Probeaufbereitung etc. Außerdem ist die Miniaturisierung der Sensoren ein Treiber, der uns für künftige Prozessanforderungen hilft.

CT: Welches Signal erwarten Sie sich von der kommenden Namur-Hauptsitzung?
Steckenreiter: Für die Sensorhersteller erwarte ich viele Impulse dafür, wie Sensoren intelligent aufgebaut werden – modulare Konzepte sind hier die Zukunft. Und ein weiterer Aspekt ist die Multisensorik. Die Fertigungs- und Steuerungstechnik ist heute in der Lage, viele Messgrößen zu kombinieren – zum Beispiel Drucksensoren mit integrierter Temperaturmessung oder ein MID, der auch präzise Leitfähigkeit misst. Aus der Kombination von klassischem Feldgerät und Analytik erhoffe ich mir viele Impulse – und da wird es in Bad Neuenahr einige Workshops geben. Außerdem erhoffe ich mir Impulse dafür, wie wir den Lebenszyklus von Sensoren besser managen können. Und für die Kommunikation über ein modernes Bussystem brauchen wir einerseits Robustheit in der Gerätesoftware und andererseits eine ganz saubere Versionspolitik – dafür haben wir Anwender bereits gute Ideen.



Zur Person
Dr. Thomas Steckenreiter

Der Chemiker Dr. Thomas Steckenreiter gehört seit 2013 dem Vorstand der Namur an. Die Namur ist ein internationaler Verband von Anwenderfirmen, der die Interessen der Prozessindustrie auf dem Gebiet der Automatisierungstechnik vertritt. Nach Karrierestationen bei Mettler Toledo und Endress+ Hauser, wo sich Steckenreiter mit Aspekten der Prozessanalysentechnik beschäftigte, trat er im Juli 2013 bei Bayer Technology Services ein und leitet dort den Bereich Operation Support & Safety. Dr. Thomas Steckenreiter wurde 1965 in Offenbach/Main geboren und studierte Chemie an der Technischen Universität Darmstadt, wo er auch promovierte.

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