Automatisch ist nicht alles schlecht

Auswirkungen der Corona-Krise auf die Digitalisierung der Chemie

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16.06.2020 Beschränkter Zugang für Mitarbeiter und Dienstleister zur Anlage, eine bedrohte Supply Chain, ausfallende Wartungen oder Reparaturen – die Corona-Krise hat auch der Chemieindustrie die Verwundbarkeit ihrer Produktion vor Augen geführt. Viele Unternehmen setzen daher nun auf ein Rezept: noch mehr Automatisierung.

Entscheider-Facts

  • In der Corona-Krise zeigen sich hochautomatisierte Prozesse und Anlagen besonders resilient, da sie weniger von der Anwesenheit von Personal abhängen.
  • Einige Chemieunternehmen haben daher bereits kurzfristig in verschiedene Automatisierungsprojekte investiert.
  • Vor allem langfristig aber werden die Erfahrungen aus der Pandemie die Automatisierung in der Chemie noch einmal deutlich beschleunigen.

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Bild: Epstudio20 – stock.adobe.com

Dass das Personal aufgrund einer Pandemie nicht mehr zum Arbeitsplatz gelangt oder nur noch wenige Produktionsmitarbeiter gleichzeitig in der Anlage arbeiten dürfen, war auch für die Chemieindustrie eine ganz neue Situation. Im Vorteil waren hier plötzlich Unternehmen, die ohnehin schon in der Vergangenheit in ihren Prozessabläufen dabei waren, manuelle Tätigkeiten weitgehend abzubauen, und die auf hochautomatisierte Anlagen setzen. Bei der BASF etwa hat man die Erfahrung gemacht, dass eine automatisierte Produktion helfen konnte und kann, die Corona-Krise zu bewältigen. Dies gilt insbesondere für die schnelle Anpassung in der Produktionsplanung sowie von betrieblichen Abläufen. „Diese Möglichkeit der schnellen Reaktion auf die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie hat den Wertbeitrag der Digitalisierung nochmals verdeutlicht“, teilt der Chemiekonzern auf Anfrage mit. Gerade digitale Lösungen seien in der Regel nicht mit größeren Umbauten von Anlagen verknüpft und ließen sich deshalb schnell umsetzen.

Auch für die Division Crop Science von Bayer waren die Zugangsbeschränkungen in Folge der Corona-Krise eine ganz neue Situation. Glück im Unglück für das Unternehmen: „In einer nahezu vollständig automatisierten Anlage macht das keinen Unterschied. Die Produktion läuft einfach weiter“, berichtet Ingo Elfering. Als Beispiel führt der Leiter Digital Transformation & IT der Division Crop Science eine neue Anlage am US-Standort Urbandale an, die Saatgut produziert und in Kassetten zur direkten Verwendung auf dem Feld abfüllt. „Früher hätten wir da 30 oder 40 einzelne Schritte an verschiedenen Standorten gebraucht – heute dagegen haben wir eine vollautomatische Produktionsstraße, die man mit wenigen Leuten betreiben kann“, erklärt Elfering. Das ist ein großer Vorteil für die „Resilienz“ der Produktion in der derzeitigen Krise.

Erste Maßnahmen bereits eingeleitet

industrial control panel with a touch screen

In der Corona-Krise sind HMI-Lösungen besonders gefragt. Bild: gen_A

Ingo Elfering ist daher froh, dass sein Unternehmen bereits in der Vergangenheit viel in die digitale Transformation investiert hat – neben der Automatisierung manueller Arbeitsläufe geht es dabei zum Beispiel um digitale Zwillinge. Und hier bringt die derzeitige Situation sogar den ein oder anderen „Vorteil“ mit sich: Wenn in der Krise weniger Menschen vor Ort sind, greifen sie auch weniger in den Prozess ein. Der Effekt einer rein datengetriebenen Prozessoptimierung wird dann noch deutlicher. Und auch einige weitere Maßnahmen wurden bereits kurzfristig in Angriff genommen: Handfeste technische Automatisierungsmaßnahmen und Umbauten in den Produktionsanlagen gab es vor allem dort, wo Termindruck eine Rolle spielt – das gilt etwa für die aktuelle Pflanzsaison in der Saatgut-Produktion.

Auch auf Anbieterseite beobachtet man, dass es zurzeit in Sachen Automatisierung manchmal schnell gehen muss. „Wir sehen allerdings verstärkte Nachfrage aufgrund von kurzfristigen Projekten durch Produkt- oder Produktionsumstellungen im Bereich der chemischen Industrie sowie in der Pharmazie“, berichtet Sophie Bothe, die bei Pepperl+Fuchs den Vertrieb Deutschland im Bereich Prozessautomation leitet. Viele Unternehmen haben in der Pandemie beispielsweise ihre Anlagen kurzer Hand auf die Produktion von Desinfektionsmittel umgesattelt.

Insbesondere HMI-Lösungen zum Bedienen und Beobachten von Maschinen und Anlagen würden derzeit verstärkt nachgefragt, weiß Bothe. Doch die Corona-Krise hat für die Anbieter von Automatisierungstechnik kurzfristig bei Weitem nicht nur positive Folgen: „Unserem Eindruck nach ist daher aktuell eine Dämpfung in den Bereichen der Standardlösungen sowie kleineren Instandhaltungsprojekten zu sehen“, erklärt Sophie Bothe. Solche Projekte würden – wie so viele andere Investitionen – verschoben oder aus eigenen Mitteln durchgeführt.

Krise wird Automatisierung auf lange Sicht massiv beschleunigen

Trotz dieser zwiespältigen Zwischenbilanz sind sich Anbieter und Anwender in einem Punkt absolut einig: Auf lange Frist werden die Erfahrungen der Corona-Krise den Trend zu mehr Automatisierung und Digitalisierung noch einmal deutlich beschleunigen. „Die Betreiber werden versuchen, den Betrieb der Anlagen noch stärker unabhängig von der Anwesenheit der Mitarbeiter zu gestalten“, glaubt auch Stefan Basenach, Leiter des Geschäftsbereichs Process beim Safety-Spezialisten Hima. Dies stelle insbesondere für die Sicherheitsautomatisierung eine Änderung der bisherigen Arbeitsweise dar.

Der aktuelle Stand der Digitalisierung in den Anlagen habe erhebliche Schwachstellen aufgedeckt – zum Beispiel dass vorhandene Systeme nicht genutzt werden konnten, da die Mitarbeiter nicht vor Ort sein konnten. Profitieren könnte davon etwa Funk-Anwendungen: „Bisher zurückgestellte Investitionen in Verbindung mit der 5G-Technologie werden aus unserer Sicht einfacher genehmigt werden können“, vermutet Basenach. Auch beim Schüttgut-Spezialisten AZO geht man in Zukunft bei den Chemieunternehmen „von einer noch stärkeren Automatisierung aus, um mehr Resilienz in der Produktion zu erhalten“.

Dass die Bereitschaft zu Investitionen in die Automatisierung und Digitalisierung der Anlagen bei den Entscheidern in den Chemieunternehmen gewachsen ist, bestätigt Bayer-Digitalexperte Ingo Elfering. Die positiven Effekte seien durch die Corona-Krise noch klarer hervorgetreten. „Wesentlich deutlicher als durch alle Powerpoint-Präsentationen, die man hätte machen können“, ist er sich sicher. Und vor allen Dingen habe die Krise auch gezeigt, dass Projekte, die vor Monaten noch als undenkbar galten, machbar sind und die Digitalisierung sowohl Mitarbeiter als auch Kunden mitnehmen kann. Besonders im Bereich Crop Protection, der noch nicht so stark automatisiert ist wie die Saatgutherstellung, erwartet Elfering daher in den kommenden Monaten und Jahren verstärkte Investitionen. Ins gleiche Horn stößt auch Sophie Bothe von Pepperl+Fuchs: „Diejenigen, die bisher persönliche Bedenken hatten, mussten diese über Bord werfen und haben sich meist sehr gut an die Situation angepasst“. Das bedeute an der ein oder anderen Stelle sicherlich auch, die Prozesse noch stärker zu automatisieren – beispielsweise im Bereich Remote-Support. Gut möglich also, dass die derzeit gern genutzte Plattitüde von der „Krise als Chance“ im Falle der Automatisierung der Chemieindustrie tatsächlich aufgeht.

 

Heftausgabe: Juni-Juli 2020
Jona Göbelbecker, Redaktion

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