Wendezeit

BITS & „BITES“ – Dieter Schaudels Kolumne mit Biss

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05.08.2011 Gut, dass es die Namur noch gibt! Sonst ständen wir alten Prozessautomatisierer spätestens morgen ganz schön verloren da. Denn in der Welt der Automation ist in Deutschland offensichtlich eine beispiellose Wende im Gange, deren Folgen zwar noch nicht klar sind, bei der aber für die „klassischen“ Automatisierer am Ende das Abseits droht.

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August 2011

„Die alten Geschäftsmodelle und deren Roadmaps werden schon vor den Friedhöfen hin- und hergetragen“. Dieter Schaudel nimmt in der CT-Kolumne „Bits & Bites“ zu aktuellen Themen der Automatisierungstechnik Stellung

Doch der Reihe nach: Jahre zurück war MSR-Technik, vulgo „Automatisieren“, im Verständnis der meisten Leser dieser Kolumne vor allem für die Prozess- und Fertigungsindustrie da – in den Tagungen der  VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), in der wissenschaftlich-technischen Literatur, beim ZVEI, in der Normung und Standardisierung; allenfalls noch „Verkehr“ wurde gelegentlich eines Blickes gewürdigt. Noch im Thesenpapier „Automatisierungstechnik 2010″ der GMA aus dem Jahr 2003 stand: „Neben den traditionellen Anwendungsgebieten in der Prozess- und Fertigungsautomatisierung werden verstärkt automatisierungstechnische Lösungen auch in anderen … Anwendungsbereichen zum Einsatz kommen.“ Werden, Futur! Beim Thesenpapier „Automation 2020″ der GMA aus dem Jahr 2009 liest sich das dann weit umfassender; mit drei Leitthesen und zehn Handlungsfeldern wird  die Kernbotschaft (überspitzt formuliert) verkündet: „Wir Automatisierer sind für den Menschen da, und ohne Automatisierung geht auf der Welt gar nichts – also nehmt uns ernst und fördert uns anständig.“ So weit so gut, auch wenn die Kriegstechnik ausgeklammert wurde.

Kompetenzzentren statt Automatisierung
Wer allerdings den „Jahresbericht 2010/2011″ des ZVEI aufschlägt, der muss bis zur Seite 43 blättern, um das Wort „Automatisierung“ oder „Automation“ überhaupt erstmals zu finden. Gut, wer liest schon Geschäftsberichte freiwillig. Aber immerhin: Beim ZVEI ist man offenbar der Überzeugung, dass „Elektromobilität“, „Embedded Software & Systems“, „Gesundheitswirtschaft“ und „Smart Grid“ (alles „Kompetenzzentren“ und in  dieser Reihenfolge) deutlich wichtiger sind.
Ist doch logisch, wird jetzt mancher sagen. Erstens steckt da überall „Automation“ mit drin. Zweitens ist das ja zum guten Teil stramm auf Linie mit dem, was Regierung und Parlament im Schweinsgalopp in den letzten Monaten beschlossen und verkündet haben – es fehlen nur noch „Energiewende (Atomausstieg)“, „Armeereform“ und „Griechenlandhilfe“. Denn dann wäre das Szenario vollständig, mit dem wir uns in den nächsten zehn Jahren in Deutschland auseinandersetzen müssen.

Die Wende ist eingeläutet
Völlig unpolitisch vermute ich: Die oberste Führung im ZVEI hat offensichtlich und sogar vorauseilend realisiert, was viele ihrer Gefolgsleute und Kunden noch nicht wahrhaben wollen. Dass nämlich die Regierungsbeschlüsse eine beispiellose Wende eingeleitet haben für Technologie, Technik und Wirtschaft. Es geht nicht mehr nur um öffentliche Aufmerksamkeit und Populismus. Sondern es geht um Kosten, Steuern und handfeste Verteilungskämpfe bei Staatssubventionen. Es geht um die Ausrichtung der Forschungseinrichtungen, um den Wettbewerb zur Gewinnung der besten Köpfe, um den Aufstieg und den Niedergang ganzer Branchen, auch um Innovation und neue Märkte. Nur ein Beispiel: bei der „Elektromobilität“ geht der Löwenanteil der zugesagten Milliardensubventionen nicht etwa in die Mechatronik, in die Fahrzeugtechnik oder in Tankstellennetze, sondern in die „Nanotechnik“ für Energiespeicher; wobei noch nicht einmal ausgemacht ist, ob „Brennstoffzellen“ nicht die bessere Technologiebasis wäre?…

Slogan mit Doppelsinn
In dieser Wende hat der bei der Automation 2011 in Baden-Baden verkündete pfiffige Slogan „Die Zukunft kommt automatisch“ durchaus seinen Doppelsinn, was die Autoren wohl auch so wollten. Erstens: „Ohne Automation geht künftig gar nichts.“ Zweitens: „Die Würfel sind gefallen, die Wende ist eingeläutet.“ Unsere Nachbarn rundum werden sich noch umschauen! Aber auch diejenigen bei uns, die nicht zu den Gewinnern dieser deutschen Wende gehören werden. Also jene, denen die Arbeitsplätze und die Kunden nach Regionen davonlaufen, wo niedrigere Energiekosten und höhere Versorgungssicherheit locken. Jene, die – ob in Forschung oder Lehre oder Praxis – an der „klassischen Automatisierung“ kleben bleiben und sich nicht (mehr) anfreunden können mit Windrädern, Pflegerobotern oder dezentralen (demokratischen) Netzstrukturen für die Einspeisung und Verteilung elektrischer Energie. Aber auch jene, deren Geschäft mit Prozess- und Fertigungsautomatisierung derzeit blendend läuft, werden sich alsbald wundern, warum ihnen die besten Ingenieure, Physiker, Chemiker, Manager und dann auch die Kunden die kalte Schulter zeigen.

Neues Denken, neue Strategien gefordert
Nun weiß ich auch, warum mein Aufruf im letzten BITS & „BITES“ zu einem „Jahr der Automation“ in Watte landete: Weil mit „Automation“ zwar freundliche Zustimmung, aber kein Hype zu bekommen ist, denn sie kommt ja automatisch. Bald wird kaum mehr jemand außerhalb der Namur hinschauen, ob die Wireless-Lösung linksherum oder rechtsherum läuft, ob es für die Geräteintegration zwei, drei oder mehr Lösungen gibt, ob die MSR-Technik aus Deutschland oder China oder Korea kommt – auch schon deshalb, weil Anlagenbauer wie -betreiber sich in China oder Singapore arrangiert haben.
Ehrlich gesagt: Ich bin über diese Wende sogar froh. Unsere Welt und die Geschäfte leben davon, dass Neues kommt und Altes verschwindet. Was mich aber traurig macht, ist meine Beobachtung, dass die meisten Menschen in unserem Lande (und besonders viele von denen, deren Geschäfte derzeit sehr gut gehen) immer noch glauben, es ginge einfach so weiter wie bisher. Nein, die alten Geschäftsmodelle und deren Roadmaps werden schon vor den Friedhöfen hin- und hergetragen. Noch viel zu wenige  setzen sich auf ihren Allerwertesten und machen ihre strategischen Hausaufgaben neu, mit den besten Leuten, die sie dazu bekommen können. Aber beruhigend ist: Der Darwinismus wird es schon richten.

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Heftausgabe: August 2011

Über den Autor

Dieter Schaudel, Schaudel Consult
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