Netzwerke mit Mehrwert

Chemieparks werden für deutsche Chemieindustrie zum Wettbewerbsfaktor

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17.07.2012 Die Chemieindustrie spielt eine zentrale Rolle im Netzwerk der Industrie. Und die Chemieunternehmen erkennen mehr und mehr, dass Chemieparks mit ihren vielfältigen Synergien im globalen Wettbewerb ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sind. Und so zeigen sich die Chemieparkbetreiber in jüngster Zeit selbstbewusst. Allerdings machten den Parks die aktuellen Regelungen im Energiebereich zu schaffen.

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Deutschland ist nicht nur globaler Spitzenreiter bei Chemieexporten, sondern auch Weltmeister bei Chemieparks.“ Mit diesem markanten Statement stellte Dr. Klaus-Dieter Juszak, Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks/Chemiestandorte im Chemieverband VCI die Chemie­standorte auf der Achema ins Licht der versammelten Fachpresse. Über 250.000 der knapp 430.000 Chemiebeschäftigten in Deutschland arbeiten in Chemieparks. Gerade bei den jüngst angekündigten Großprojekten wie den TDI-Produktionen in Dormagen (Bayer) und Ludwigshafen (BASF), aber auch dem wachsenden Trend, dass sich mittelständische Chemieproduzenten und -verarbeiter in Chemieparks ansiedeln, stehen die Synergien im Verbund von Rohstoffen, Energie und vorhandenen Services im Vordergrund. „Diese Strukturen sind so gestaltet, dass eine bestmögliche Vernetzung der zur Verfügung stehenden Stoffe erreicht wird, und damit eine weltweit konkurrenzfähige Produktion entsteht“, verdeutlicht Juszak.

33 Mrd. Euro Investitionen und über 1.000 Ansiedler

Über 1.000 Unternehmen, so Juszak, haben sich in den vergangenen Jahren in den rund 60 deutschen Chemieparks angesiedelt. Seit dem Jahr 2000 wurden mehr als 33 Mrd. Euro in Chemieparks investiert. Investitionen und Netzwerke, die die Chemieproduzenten auch in die Lage versetzt haben, ihre Position als Exportweltmeister für Chemikalien zu behaupten. „Mit deutschen Chemieausfuhren im Wert von über 150 Mrd. Euro sicherten wir uns den Platz eins am globalen Chemieexportmarkt vor den USA, Belgien und China“, erklärte Dr. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des VCI, auf der Achema in Frankfurt.

Dass es neben rein wirtschaftlichen Aspekten auch gesellschaftlich relevante Argumente für das Chemiepark-Konzept gibt, wurde im Frühjahr auf der 12. Euroforum-Jahrestagung Chemie- und Industrieparks deutlich. „Mit dem Geschäftsmodell der Chemieparks treiben wir die nachhaltige Entwicklung der chemischen Industrie in Deutschland voran, weil wir Chemieparkbetreiber die Dienstleistungen effizient und umweltverträglich erledigen“, erklärte Currenta-Geschäftsführer Günter Hilken auf der Tagung in Düsseldorf. Ein Aspekt, den auch Dr. Roland Mohr vom Industrieparkbetreiber Infraserv Höchst vertiefte: „Wir interpretieren Nachhaltigkeit als Innovationsquelle der Unternehmensentwicklung.“ Was zunächst nach Sonntagsreden klingt, wurde von Mohr mit konkreten Maßnahmen belegt: So wurde in Höchst die Nachhaltigkeitsstrategie organisatorisch beispielsweise in Managementprozesse, Geschäftsbereichsziele, Scorecards oder die Projektbewertung verankert. Mohr: „Für uns steht Nachhaltigkeit eigenständig neben dem Faktor Wirtschaftlichkeit.“

Chemieparks liefern Argumente für die Nachhaltigkeitsdiskussion

Als Lohn der Nachhaltigkeitsmühen versprechen sich die Chemieparkbetreiber einerseits positive Effekte für das Ansehen des Industrieparks, auf der anderen Seite verbessert sich auch die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieproduzenten. Denn mehr und mehr wird für diese der Nachhaltigkeitsaspekt zum Wettbewerbsfaktor in den immer anspruchsvolleren Absatzmärkten, vor allem der westlichen Industrieländer.

„Wir wissen, dass das Verhältnis zwischen Betreiber und Nutzer eines Chemieparks immer getrieben sein wird von dem Wissen um die Vorteile der gegenseitigen Partnerschaft. Dazu trägt ein partnerschaftlicher Umgang miteinander bei“, ergänzte Dr. Liane Deußer, Leiterin des Zentralbereichs Marketing & Vertrieb der neuen Business Unit Site Services bei Evonik, in der Diskussion bei der Euroforum-Tagung. Deußer sieht dabei eine immer engere Verzahnung zwischen Produzent und Dienstleister als Trend.

Energiepolitik wird für Chemieparks zur Herausforderung

Welche Probleme dem im Vergleich zur gesamten Industrie relativ komplexen Geschäftsmodell der Chemieparkbetreiber aus der Gesetzgebung erwachsen, verdeutlichte Dr. Lothar Meier von der Unternehmensleitung der Infraserv Knapsack anhand der Novelle des Energie-Wirtschaftsgesetzes, die seit August 2011 gilt, und dem Paragraphen 19.2: Waren die Dienstleister als Objektnetzbetreiber früher von den Regeln zur Entflechtung ihres Netzbetriebs und der Stromerzeugung befreit, gelten die Parks nun als geschlossene Verteilernetze, die Netzbetrieb und Stromerzeugung getrennt behandeln müssen. Ein erheblicher Zusatzaufwand für Betreiber wie die Infraserv Knapsack. Dazu kommt, dass sich große Stromverbraucher von Netzentgelten befreien lassen können.

Da die Chemieparks nach Ansicht der Bundensetzagentur keine Endverbraucher sind und daher nicht befreit werden können, andererseits aber die Kosten ihrer Netze auch dann tragen müssen, wenn sich Betreiber am Standort von Netzentgelten befreien lassen, bleiben sie auf den Netzkosten sitzen. „Ich bin Chemieparkfan, aber die Energiepolitik macht das Produzieren von Chemie immer schwieriger. Dazu kommt die fehlende Planungssicherheit in Folge der Energiewende – die Politik muss langfristig planbare rechtliche Rahmenbedingungen schaffen“, so Meier.

Fazit: Die Chemieindustrie in Deutschland ist nicht zuletzt auch aufgrund der großen Synergien und wettbewerbsfähigen Strukturen derzeit in glänzender Verfassung. Den Parkbetreibern ist es gelungen, diese Stärken auszubauen und argumentativ zu nutzen. Auch in der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion können die Parkbetreiber ihre Produzenten am Standort unterstützen. Eine große Herausforderung stellt die Energiepolitik und die in Deutschland angestrebte Energiewende für die Chemieparks dar.

Weitere Trendberichte und Themen rund um Chemieparks werden zum Jahresende im Sonderheft „Industrial Parks 2013″ erscheinen

Heftausgabe: Juli 2012

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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