Kein BITS & „BITES“

Dieter Schaudels Kolumne mit Biss: Machterosion II

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09.10.2012 Nein, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht: Dies ist kein Bits & „Bites“! Warum? Weil nach dem letzten über „Machterosion“ (CT 8/12) mich  außergewöhnlich viele Zuschriften erreichten und ich deshalb nicht einfach zum nächsten Thema springen kann.

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Oktober 2012

„Die einst hochgefeierte Community ist dabei, Macht und Einfluss in der Technikwelt zu verspielen“

Denn es geht mir (und vielen Kommentatoren) um den Kern und das Selbstverständnis unserer Community der Automatisierer – und um deren Zukunft.
Ein von mir hochgeschätzter Ruhestandsprofessor schrieb, ihm sei „die Welt der Automatisierung in Deutschland seit einiger Zeit zunehmend autistisch geworden“. Reaktionen kamen von Chefs und leitenden Mitarbeitern (Anwender und Hersteller von Automatisierungstechnik), Professoren von (Fach-)Hochschulen, Fachjournalisten, Patentanwälten und von der DKE; einige werden auszugsweise und mit Zustimmung der Einsender separat veröffentlicht. Dagegen fühlte sich offenbar keiner der vielen Inhabern von deutschen Lehrstühlen für Mess-, Regelungs- oder Automatisierungstechnik an Universitäten angesprochen, obwohl ich bei einigen persönlich nachfasste; auch die Spitzen der einschlägigen Fachverbände verhielten sich wie die berühmten drei Affen. Ratlosigkeit? Arroganz? Bequemlichkeit? Dabei hätten gerade die meisten Professoren sowohl von Hochschulen als auch von Universitäten alle guten Gründe, sich laut bemerkbar zu machen. Denn im Gespräch mit ihnen geht es nach der Begrüßung meist sofort ums Geld für die eigene Arbeit: Endlose Kämpfe müsse man führen, was einen davon abhalte, neues Wissen zu schaffen. Ich halte es in der Tat für einen Skandal, wie schlecht die meisten Automatisierer in den (Fach)-Hochschulen und den Universitäten mit Personal- und Sachmitteln ausgestattet sind und wie viel Zeit deren Chefs für Kollekten  vergeuden müssen. Wegducken ist da sicher nicht die richtige Strategie, um dies zu ändern. Wer zum Beispiel bei der Acatech „eine Nummer hat“, der hat auch Mittel, siehe einige Informatiker! Machterosion bei den Automatisierern!
In der letzten Bits & „Bites“ ging es erstens um den Kongress Automation 2012, zweitens um das Gezerre bei der internationalen Wireless-Standardisierung und drittens um die fast verpennte Industrie 4.0 – als Beispiele dafür, wie eine einst hochgefeierte Community dabei ist, Macht und Einfluss in der Technikwelt zu verspielen. Zum Kongress beklagten mehrere Professoren, dass sie schlicht und einfach das Geld für Teilnehmergebühren und Reisekosten nicht hätten, zumal sie sogar als Vortragende oder Sitzungsleiter die Teilnehmergebühren (knapp 900 Euro) voll bezahlen müssten. Da man eine gute Konferenzorganisation nicht zum Nulltarif bekommen kann, ist hier offensichtlich die herstellende Industrie als Sponsor gefordert – was aber nur dann zieht, wenn die gesamte Veranstaltung auch für Chefs und vor allem für die Anwender attraktiv ist und die auch kommen. Denn natürlich gehen die Chefs von Herstellerfirmen z.B. zu einer Namur-Hauptsitzung  nicht wegen neuer Erkenntnisse aus der Prozessautomation, sondern weil sie dort hochrangige Kunden und Partner treffen, mit denen sie an reservierten Tischen (und in der Bar) ungestört reden können…
Positiv überrascht war ich über das hohe Maß an Zustimmung, welche alle drei Unterthemen der Kolumne erfuhren. Dabei entzündet sich an den Hängepartien der Wireless-Standardisierung und der Geräteintegration offenbar besonderer Zorn, welcher auf das gesamte Normenwesen in der Automatisierung negativ auszustrahlen droht. Darüber hinaus wird beklagt, dass selbst fachlich hochangesehene Namur-Empfehlungen international kaum beachtet, ja selbst in international operierenden „Namur-Firmen“ nicht durchgesetzt würden. Machterosion!
Einige Kommentatoren bedankten sich explizit, dass sie erstmals auf „Industrie 4.0″ und „Cyber-Physical Systems“ hingewiesen wurden und baten um mehr Informationen darüber. Andere wiesen (zu Recht) darauf hin, dass man diesen Hype zwar eng begleiten, aber nicht überbewerten solle und dass diese Evolution in der Prozessindustrie wohl langsamer und später kommen werde als in der Fertigungsindustrie. Dem Vernehmen nach wird sich die Namur-Hauptsitzung im November sowie der Kongress Automation 2013 dieser Themen auch annehmen.
Besonders dankbar bin ich für kritische Kommentare. So kann man zum Beispiel das Verschwinden der Feinwerktechnik durchaus auch positiv sehen als Metamorphose zur Mikrosystemtechnik und Mechatronik – in der Erwartung, dass aus der Automatisierung metaphorisch der Treiber für Industrie 4.0 werde (wie man diesen Schmetterling dann nennen wird, weiß ich nicht). Andere postulieren mit guten Gründen, dass gerade in der Prozessindustrie die technische Informatik zwar ein Enabler sei, ein enger Schulterschluss mit der Verfahrenstechnik aber viel wichtiger.
In der Summe kam wohl doch ein Nachdenken und eine Diskussion in Gang, auch wenn sich einige noch verweigern. Vielleicht kommt auch der Tag, wo das Wort „Automation“ auch auf der Startseite der ZVEI-Webpräsentation auftaucht; „Embedded Systems“ als m.E. falsch verstandenes Synonym für „Industrie 4.0″ und „Cyber-Physical Systems“ hat das ja immerhin bereits geschafft.

Dieter Schaudel nimmt in der CT-Kolumne „Bits  & Bites“ zu aktuellen Themen der Automatisierungstechnik Stellung

Heftausgabe: Oktober 2012

Über den Autor

Dieter Schaudel
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