Mit Handy und Tablet auf Tour

Digitalisierung in der Instandhaltung

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01.09.2020 Wenn von Digitalisierung bei Wartung und Inspektion die Rede ist, denken viele zuerst an Instandhaltung 4.0, an Automatisierung und an Predictive Maintenance. Dabei lässt sich auch an einer häufig übersehenen Stelle schnell und effizient ansetzen: der Vernetzung der Arbeiter und Techniker.

Entscheider-Facts

  • Die Vernetzung von Arbeitern und Technikern steigert Qualität, Sicherheit und Effizienz in der Instandhaltung.
  • Digitale Lösungen lohnen sich dann, wenn sie interaktiv sind und ganze Prozesse abbilden.
  • Aktivitäten und erfasste Daten werden automatisch dokumentiert und vereinfachen damit die Compliance.

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Das Wissen für grundlegende Wartungsoptimierung liegt bei Arbeitern und Technikern. Bild: Shutterstock

Das reibungslose Funktionieren eines Chemiewerks steuern und überwachen immer mehr Systeme und Sensoren. Der Mensch ist jedoch die letzte Instanz, wenn es gilt, Fehlercodes und Verschleißspuren zu interpretieren, passende Maßnahmen zu definieren oder Hand anzulegen. Und das wird noch lange so bleiben, obwohl sich Koordination und Kommunikation mit Kollegen vielfach zeitaufwendig und schwierig gestalten. Denn in der Instandhaltung dominieren in den meisten Chemieunternehmen noch Checklisten und Erfassungsbögen aus Papier. Da ist es auch für das Management eine Herausforderung, den Überblick zu behalten und bestehende Abläufe zu verbessern. Dabei existiert das Wissen für eine grundlegende Wartungsoptimierung längst. Es schlummert in den Arbeitern und Technikern, die regelmäßig in der Produktion tätig sind.

Minutiös vorbereitet

Ob in der Herstellung von Grund- und Spezialchemikalien, Düngemitteln, Kunststoffen, Explosiva oder Konsumgütern wie Waschmitteln und Klebstoffen: Die Ziele für die Instandhaltung betrieblicher Anlagen sind breit gefächert. Regelmäßige Inspektionen sollen die Funktionstüchtigkeit sicherstellen und vor ungeplanten Ausfällen schützen. Wartungsarbeiten beheben Verschleißerscheinungen und sorgen für eine längere Nutzungsdauer. Sollte ein Problem auftreten, ist eine schnelle Reparatur das Gebot der Stunde, um Ausfallzeiten zu minimieren und größere Schäden oder Störfälle abzuwenden. Um all diese Arbeiten zuverlässig und sicher zu erledigen, definieren Unternehmen detaillierte Prozesse, sogenannte Standard Operating Procedures (SOPs). Diese fristen allerdings häufig ein trauriges Dasein in dicken Ordnern oder als unhandliche Papierlisten.

Ganz anders bei modernen mobilen Softwarelösungen wie Connected-Worker-Apps: Mit diesen lassen sich SOPs für Wartungstouren, Kontrollgänge sowie typische Reparatureinsätze für mobile Geräte bis ins Detail flexibel aufsetzen. Dies schließt sämtliche Stationen, Arbeitsabläufe und Zeitvorgaben ein. Bei einigen Anwendungen geht das inzwischen sogar durch einfaches Konfigurieren, ohne Unterstützung der IT.

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In vielen Unternehmen melden Arbeiter ein Problem, indem sie einige Worte in ein Terminal eintippen. Bild: Shutterstock

Mithilfe moderner Apps lässt sich auch die regelmäßige Gefährdungsbeurteilung über mehrere Standorte hinweg standardisieren. Interaktive Formulare sorgen dann für eine aussagekräftige und auswertbare Risikobetrachtung. So fließt das wertvolle Wissen von Arbeitern und Technikern direkt in die SOPs ein. Denn nur auf Basis strukturierter Ergebnisse lassen sich Prozesse gezielt verbessern. Werden die Erkenntnisse zudem an die Mitarbeiter weitergegeben, gewinnen alle mit Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten befassten Kräfte ein konsistenteres, genaueres Bild – und damit ein höheres Bewusstsein für mögliche Gefahren.

Schritt für Schritt zuverlässig

Ausgerüstet mit einem Smartphone oder Tablet sieht ein Techniker über die App, welche Aufgaben für ihn anstehen und welche Werkzeuge, Schutzausrüstungen oder Ersatzteile er benötigt. Während der Tour hat er dann in Form von Checklisten, Ablaufplänen, Fotoanleitungen oder Videotutorials stets alle Informationen zur Hand, um Kontrollen und Arbeiten präzise durchzuführen. Seine App leitet ihn überall interaktiv durch alle Arbeitsschritte, sei es in der Produktion, beim Rundgang über das Werksgelände oder auf der obersten Plattform einer mehrstöckigen Anlage. Wenn sich doch eine Frage ergibt, kann er per Chat einen Kollegen um Rat fragen und ihm die Situation vor Ort per Foto oder Live-Video zeigen.

Weil solche Apps immer wieder Bestätigungen oder die Eingabe von Messwerten verlangen, stellen sie gleichzeitig sicher, dass kein Punkt übersehen wird. Dadurch sorgen die Anwendungen auch für ein Mehr an Arbeitssicherheit. Schließlich arbeiten Wartungskräfte in der Chemieindustrie oftmals in einem Hochrisikobereich. Die Apps unterstützen überall dort, wo Maßnahmen leicht vergessen oder mit der Zeit laxer gehandhabt werden. Denn Arbeitsschutzregeln und Sicherheitschecks sind direkt in die Arbeitsanweisungen integriert. Dazu gehören unter anderem Hinweise für das Lock Out/Tag Out (LOTO), damit Maschinen vor der Wartung ordnungsgemäß von der Stromzufuhr getrennt und pneumatische Anlagen oder Leitungen drucklos gestellt werden. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Die aufwendige Schulung neuer Wartungskräfte entfällt. Denn selbst ungelernte Mitarbeiter können die Anleitungen der Apps sofort umsetzen.

Im Team schneller zur Lösung

Zusätzlich zu den planbaren Aufgaben kommt es auch immer wieder zu unvorhergesehenen Störungen. Um diese schnellstmöglich zu beheben, spielt die Kommunikation zwischen Arbeiter und Reparatur-Techniker eine entscheidende Rolle. Denn die möglichen Ursachen kennen diejenigen am besten, die täglich mit einer Anlage oder einem Gerät arbeiten. Ihr Wissen mit dem Know-how der Techniker zu verknüpfen, kann die Effizienz enorm steigern.

Ein Beispiel macht das deutlich: In vielen Unternehmen melden Arbeiter ein Problem, indem sie rasch einige Worte in ein Terminal eintippen. Dabei wissen sie oft nicht, welche Angaben der Techniker für die Reparatur benötigt. Der kann dann häufig nur raten: „Was ist gemeint? Wo muss ich suchen? Was ist zu tun?“ Hier erzielen Apps für Connected Worker eine deutliche Verbesserung. Statt einer vagen Textnachricht holt ein kurzer Fragebogen die wichtigsten Informationen oder Fehlermeldungen ein. Zur genaueren Beschreibung kann der Mitarbeiter noch ein Video oder Fotos anhängen. Der Effekt zeigt sich gleich dreifach: Der Techniker muss nicht lange nach dem Fehler suchen. Er weiß zweitens genau, wann das Problem aufgetreten ist und kann Zusammenhänge aufspüren. Und drittens lässt sich besser abschätzen, welche Teile und Ressourcen er benötigt. Derart gut vorbereitet, wird die Reparatur- und Ausfallzeit spürbar verkürzt. Auch die Arbeiter lernen durch den Fragenkatalog, worauf sie achten müssen, um künftig drohende Störfälle früher zu erkennen. Vernetzte Arbeiter sind also auch besser geschulte Arbeiter.

Dokumentation per Wisch und Klick

Mobile Apps geben nicht nur präzise Anweisungen. Sie sind auch sehr interaktiv. Neben der Abfrage von Messwerten erlauben sie dem Techniker, Beobachtungen über weitere Schäden und potenzielle Probleme festzuhalten. Vor allem aber dokumentieren sie, dass vorgeschriebene Wartungsroutinen zuverlässig erledigt wurden: ein wichtiges Detail, wenn es um Gewährleistungsansprüche geht. So können Unternehmen selbst nachträglich noch beweisen, dass bestimmte Arbeiten von qualifizierten Schweißern oder Industriekletterern ausgeführt wurden. Außerdem belegen die Apps die Einhaltung gesetzlicher oder branchenspezifischer Richtlinien und Standards.

Ein Beispiel: Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) verpflichtet Chemieparks und -standorte in seinem „Leitfaden zur Anwendung der Maschinenrichtlinie in verfahrenstechnischen Anlagen“, die ordnungsgemäße Instandsetzung von Maschinen zu dokumentieren. Diese oft lästige, aufwendige Extra-Aufgabe wird durch interaktive Apps automatisch Teil der hinterlegten SOPs. Denn: Gehen die Techniker Schritt für Schritt ihre Aufgaben durch, bestätigen sie diese auf dem Touchscreen. Die App sorgt dann gleich für die nötige Dokumentation im Backend und sichert damit die Compliance. Dabei ist die Aufzeichnung der durchgeführten Arbeiten mehr als nur lästige Pflicht. Denn die systematische Auswertung ermöglicht fundierte Entscheidungen über weitere Verbesserungen.

Damit Techniker Inspektionen, Wartungen und Reparaturen mit der nötigen Effizienz, Qualität und Sicherheit durchführen, holen sich immer mehr Unternehmen digitale Hilfe in Form von Connected-Worker-Anwendungen ins Haus. Von der Planung über die Ausführung bis hin zur Dokumentation: Mobile Apps sorgen durch die digitale Optimierung aller Prozessschritte in der Instandhaltung für eine konstante Servicequalität. Zusätzliche und genauere Daten helfen zudem, die Risiken von Vorfällen und Arbeitsunterbrechungen weiter zu senken. Mehr noch: Die strukturierte Auswertung unterstützt auch eine kontinuierliche Verbesserung der Effizienz und Sicherheit. Was sich schlussendlich in geringeren Betriebskosten niederschlägt.

Heftausgabe: September 2020
Lawrence Whittle, CEO, Parsable

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Lawrence Whittle, CEO, Parsable
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