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Emerson: vom Automatisierungslieferanten zum Problemlöser

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04.09.2013 Nichts ist beständiger als der Wandel. Auf kaum ein Gewerk bei der Planung und beim Betrieb von Prozessanlagen trifft diese Aussage so sehr zu, wie auf die Automatisierung. Verdienten Leitsystemanbieter beispielsweise noch vor 20 Jahren ihr Geld überwiegend mit proprietärer Hardware, zwang der Einsatz der PC- und Microsoft-Technik den Wandel des Geschäftsmodells. Eine immer größere Rolle spielen inzwischen komplette Automatisierungslösungen, maßgeschneidert für den jeweiligen Einsatzfall.

Entscheider-Facts Für Planer und Betreiber


  • Der strukturelle Wandel bei den Betreibern von Prozessanlagen wirkt sich auch auf die Anbieter von Automatisierungslösungen aus.
  • Emerson Process Management hat deshalb eine Initiative gestartet und investiert in den Aufbau von Servicepersonal und -starndorten.
  • Dazu entwickelt das Automatisierungsunternehmen verstärkt Branchenlösungen und baut Expertisen für den Anlagenbetrieb auf.

Eine neue Qualität erhält die Entwicklung in den vergangenen Jahren durch die sich verändernde Struktur bei den Abnehmern in der Chemie, der Öl- und Gasindustrie sowie weiteren Branchen der Prozessindustrie und vor allem des Anlagenbaus. „Die Projekte werden immer größer und immer komplexer. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Regelwerke und die Forderung nach höherer Performance und Energieeffizienz“, verdeutlicht Roel van Doren, Europachef von Emerson Process Management. „Die Kunden haben diese Herausforderungen früher durch mehr Personal und den Aufbau von Expertisen gelöst“, so van Doren, doch inzwischen führt die demografische Entwicklung seit einigen Jahren dazu, dass erfahrene Fachkräfte ausscheiden und die Betreiber Automatisierungs-Know-how verlieren.  Bis 2020, so die Schätzungen des Beratungsunternehmens McKinsey, könnten der Industrie aufgrund dieser Entwicklung weltweit bis zu 95 Millionen Fachkräfte mit hoher und mittlerer Qualifikation fehlen. Dazu kommt, dass die Produzenten mit Blick auf den globalen Wettbewerb gezwungen sind, neue Technologien schneller einzusetzen als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig fehlt ihnen das nötige Personal, um groß angelegte Technologie-Initiativen zu implementieren.
Chemieproduzenten, aber auch die Planer und Kontraktoren entsprechender Anlagen erwarten diese Expertise heute verstärkt von ihren Lieferanten. Vor diesem Hintergrund hat der Automatisierungsspezialist damit begonnen, seine Engineering-Kapazitäten massiv auszubauen. „Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren von einem Unternehmen das Produkte verkauft, zu einem Unternehmen das Lösungen verkauft, gewandelt“, verdeutlicht van Doren. In Zahlen drückt sich das so aus: Seit 2005 hat der Anbieter sein Team für Projektabwicklung um mehr als 2.500 Ingenieure aufgestockt. 2012 arbeiteten 4.600 Mitarbeiter des Automatisierungshauses im Projektgeschäft. Und bis zum Jahresende sollen es sogar bereits 5.000 sein. Zu den Kompetenzbereichen gehören Prozessregelung, sicherheitsgerichtete Steuerungen, Elektrik und Instrumentierung, (drahtlose) Netzwerke bis hin zu branchenspezifischem Know-how und Expertise bei der Prozessführung.

Begleitung über den Lebenszyklus
statt Einzelprojekten

Wie das praktisch aussieht, wird am Beispiel eines Raffinerieprojekts deutlich: Der ungarische Energiekonzern Mol betreibt in seinem Werk Algyo in der Nähe von Szeged eine Anlage, in der täglich 12 Mio. Kubikmeter Gas verarbeitet werden. Seit 2006 begleitet Emerson den Betreiber mit der Prüfung von Regelkreisen, Ventilen und Instrumenten sowie einer Reihe von Automatisierungsprojekten. Ziel: Energieeinsparungen und Steigerung der Poduktqualität durch verbesserte Prozessführung. 2009 wurde das zwei Jahre zuvor installierte Prozessleitsystem Delta V durch Funktionen zur erweiterten Prozesssteuerung (APC) und den Smart Process Destillation Optimizer ergänzt. Mit der modellprädiktiven Regelung für Destillationskolonnen gelang es, die Produktqualität weiter zu steigern, so dass im Produktionsprozess Verschnittkosten eingespart werden konnten. „Wir kümmern uns in Algyo nicht nur um die Leittechnik, sondern um alle Aspekte, die dazu nötig sind, den Prozess zu verbessern“, verdeutlicht Glyn Westlake von Emerson den Scope des Auftrags und verweist auf die enge Zusammenarbeit mit dem Betreiber.
Das Beispiel verdeutlicht die Stoßrichtung der
Serviceinitiative des Automatisierungsspezialisten: „Service und Support werden zu einem immer wichtigeren Teil von Support-Paketen über die gesamte Lebensdauer einer Anlage“, erklärt Erik Lapre, Vice President Service Europe bei Emerson. Um diese Unterstützung erbringen zu können, hat der Anbieter in den letzten zwölf Monaten in Europa sechs neue Servicezentren und drei neue Schulungszentren eröffnet. Und auch in den kommenden Jahren sollen jährlich rund zehn neue Servicestandorte hinzukommen. „Langfristig wollen wir für unsere Kunden ein Ratgeber sein, dem er vertraut“, nennt Roel van Doren die Zielsetzung und ergänzt:  „Wir haben eine Reihe verschiedener Branchenlösungen entwickelt und Unternehmen mit passenden Technologien und Serviceprodukten zugekauft.“ Neu hinzu gekommen sind in den vergangenen zehn Jahren Dienstleistungen für
Turnaround-Projekte, Prozessoptimierung und vorausschauende Diagnose sowie Ausbildungs-Services, zu denen sowohl Trainingssimulatoren als auch E-Learning-Methoden gehören.

Komplexität in Projekten steigt
Neben fehlenden Fachkräften bei den Betreibern sieht das Automatisierungsunternehmen auch eine steigende Komplexität in den Projekten. In den vergangenen drei Jahren hat sich nach Angaben des Unternehmens die Anzahl der Aufträge für Großprojekte mit einem Auftragswert über fünf Millionen US-Dollar verdreifacht. Einerseits werden die Anlagen immer größer, andererseits werden verstärkt einstmals an einem Werksstandort beheimatete Produktionsverbünde geografisch verteilt. Dadurch entsteht die Forderung nach weltweiten Servicestrukturen und -angeboten. Van Doren sieht deshalb sowohl bei den Betreibern als auch bei den planenden EPC-Unternehmen einen wachsenden Trend, Automatisierung als Komplettpaket an einen „Main Automation Vendor“ (MAV) zu vergeben. Immer häufiger sind in der Folge Fachkräfte des Lieferanten als „embedded engineers“ über lange Zeiträume beim Kunden vor Ort.
Dass die Komplexität im Projekt steigt, ist auch aus Sicht von Rolf Hemminga, Direktor für das europäische Systemgeschäft bei Emerson, eine gesicherte Erkenntnis. Hemminga berichtet von Projekten, bei denen in der FEED-Phase noch nicht feststeht, wo eine geplante Anlage gebaut werden soll. Projektpartner müssen deshalb in der Lage sein, die Projektierung und Errichtung nicht nur in Europa zu begleiten, sondern auch in Singapur oder Shanghai. Dazu kommt, dass trotz steigender Größe und Komplexität der Projekte aufgrund stärker integrierter Verfahren Projektlaufzeit und Fertigstellungstermine eher kurz- als langfristiger werden. Auch dieser Entwicklung soll durch schnellen Vor-Ort-Service Rechnung getragen werden. Außerdem bündelt der Automatisierungsspezialist die für ein konkretes Projekt notwendigen Know-how-Träger in virtuellen Teams und hat dazu weltweit gültige Standards und Prozeduren implementiert. Die „Project Management Office“ genannte Initiative soll dazu beitragen, überall auf der Welt beständige Projektergebnisse zu erzielen und gleichzeitig die Projektabwicklungskosten zu reduzieren. Für ein Flüssiggas-Projekt in Asien wurden beispielsweise Mitarbeiter von 19 Standorten einbezogen.
Fazit: Aufgrund der sich ändernden Anforderungen der Betreiber von Prozessanlagen erweitern Autmatisierungsanbieter ihr Leistungsangebot. Dazu gehört der Aufbau weltweit verfügbarer Servicestrukturen, um Investitionsprojekte zu begleiten und Anlagen über deren kompletten Lebenszyklus betreuen zu können.

Zur Service-Initiative
Dienstleistungen und Schulung

Emerson hat innerhalb von zwölf Monaten sechs neue Service-Zentren und drei neue Schulungszentren in Europa eröffnet. Diese bieten Dienstleistungen in den Bereichen Kundendienst und Diagnose, Schulung und Teilelieferung, Ventilwartung und -reparatur, Turnaround-Support und Ersatzteilvorhaltung an. Bereits bestehende Schulungseinrichtungen, unter anderem in Haan, wurden erweitert. Sie bieten eine breite Palette an Kursen. Diese Standorte werden vom europäischen „Centre of Excellence“ für Durchflussanwendungen im niederländischen Ede mit Personal und technischem Gerät unterstützt. Im Bereich Regelventile wurde das europäische Weiterbildungszentrum im elsässischen Cernay für Kunden geöffnet.

Einen ausführlichen Bericht zum Projekt bei Mol in Algyo finden Sie hier.

Heftausgabe: September 2013

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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