In der Pflicht

Emissionshandel schafft neue Herausforderungen

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15.02.2012 Die internationale Schuldenkrise droht ein anderes globales Problem zu verdrängen: Der Klimawandel schreitet immer schneller voran und die Verhandlungen für ein internationales Folgeabkommen für das Ende 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll stocken. Ohne Kyoto-Nachfolge droht aber die rechtliche Grundlage für die Umsetzung von Klimaschutzprojekten in Deutschland zu entfallen. Wir berichten über die Folgen sowie einen pragmatischen Lösungsansatz für die Chemieindustr

Entscheider-Facts Für Betreiber

  • Ab 2013 wird es nur noch ein gemeinsames europäisches Emissionsbudget geben, das zudem Jahr für Jahr um 1,74 % reduziert wird.
  • Anstelle der bisherigen Gratiszuteilung werden im Sinne einer effizienten Emissionsminderung ab 2013 die als EU-Allowances (EUA) bezeichneten CO2-Zertifikate zu einem wachsenden Anteil versteigert.
  • Darüber hinaus erfolgt die Zuteilung künftig auf Basis von Benchmarks. Dadurch geben die jeweils effizientesten Produktionsanlagen einer Branche den Maßstab vor, an dem sich alle Unternehmen in Europa orientieren müssen.
  • Mit der Erweiterung auf zusätzliche Sektoren, wie etwa die chemische Industrie oder den Flugverkehr, sowie das Einbeziehen weiterer klimaschädlicher Substanzen werden fortan rund 50 % aller EU-Emissionen erfasst.

Die Neuregelungen im EU-Emissionshandel werden in der chemischen Industrie ab 2013 zu erheblichen Zusatzbelastungen führen. Das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) tritt 2013 in eine neue Phase ein. Für die dann beginnende dritte Handelsperiode wurden die Zuteilungsregeln der EU-Mitgliedsstaaten harmonisiert.

Nach der Pilotphase 2005 bis 2007 und der zweiten Handelsphase wird der Emissionshandel ab 2013 zum europäischen Instrument“, sagt Franzjosef Schafhausen, Leiter der Unterabteilung Klimaschutz, Umwelt und Energie im Bundesumweltministerium. „Es wird nur noch ein gemeinsames europäisches Emissionsbudget geben, das Jahr für Jahr um 1,74 % reduziert wird“, bringt er die wichtigsten Neuerungen auf den Punkt.

Anstelle der bisherigen Gratiszuteilung werden im Sinne einer effizienten Emissionsminderung ab 2013 die als EU-Allowances (EUA) bezeichneten CO2-Zertifikate zu einem wachsenden Anteil versteigert. Während der Energiesektor bereits ab 2013 seine benötigten Zertifikate vollständig erwerben muss, wird die Auktionsquote für die Industrie von Anfang 2013 mit 20 % auf 70 % im Jahr 2020 angehoben. Darüber hinaus erfolgt die Zuteilung künftig auf Basis von Benchmarks. Dadurch geben die jeweils effizientesten Produktionsanlagen einer Branche den Maßstab vor, an dem sich alle Unternehmen in Europa orientieren müssen. Fehlende CO2-Zertifikate sollen die Anlagenbetreiber nach dem Cap-and-trade-Prinzip dann über den Kohlenstoffmarkt beschaffen. Mit der Erweiterung auf zusätzliche Sektoren, wie etwa die chemische Industrie oder den Flugverkehr, sowie das Einbeziehen weiterer klimaschädlicher Substanzen werden fortan rund 50 % aller EU-Emissionen erfasst.

Eigenerzeugung stärken

„Die chemische Industrie hat schon lange, bevor der Emissionshandel im Jahre 2005 eingeführt worden ist, Klimaschutz betrieben“, sagt Dr. Jörg Rothermel vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). Zwischen 1990 und 2009 hat die Branche nach Angaben des VCI die Produktion in Deutschland um 42 % gesteigert und zugleich den Energieeinsatz um 33 % und die Treibhausgasemissionen um 47 % reduziert. Daten, die durch die Praxis belegt werden: Das hessische Chemie- und Pharmaunternehmen Merck hat an seinem Stammwerk in Darmstadt die energiebedingten Emissionen von 1998 mit 193.000 t CO2-Äquivalent nach eigenen Angaben auf 74.000 t in 2010 reduziert. 2002 nahmen die Darmstädter ein modernes 133-MW-Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung in Betrieb und erzeugen damit Strom und Wärme in Eigenregie. Durch die neue Anlage hat das Pharmaunternehmen seinen Treibhausgas-Ausstoß deutlich absenken können und verantwortet heute nur noch 10?% der Darmstädter CO2-Emissionen. 1998, als noch das alte Kohlekraftwerk in Betrieb war, lag der Anteil noch bei 20 %. Wenn Energieerzeugungsanlagen in der dritten Handelsperiode des EU-ETS ihre benötigten Emissionsrechte vollständig erwerben müssen, wird dies auch Merck zu spüren bekommen. Der Pharmahersteller befürchtet durch den EUA-Einkauf Mehrkosten von 3 bis 6 Mio. Euro.

Informationen erforderlich

Insgesamt ist die chemisch-pharmazeutische Industrie in Hessen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Mit 58.000 Beschäftigen setzt die Branche mehr als 21. Mrd. Euro um und exportiert dabei 64 % ihrer Produktion ins Ausland. Damit ist die Chemieindustrie in dem Bundesland der umsatz- und exportstärkste Wirtschaftszweig mit der höchsten Beschäftigungszahl. Für die landeseigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft HA Hessen Agentur liegt es deshalb auf der Hand, die Unternehmen auch in aktuellen Fragestellungen zum Klimaschutz zu unterstützen. Ansprechpartner ist dort die Transferstelle Internationaler Emissionshandel Hessen (TIE). „Neben Fragen, die den Start der dritten Handelsperiode ab 2013 im Rahmen des europäischen Emissionshandels betrifft, können sich die Industrieunternehmen auch bei Fragen zum aktuellen Stand der Klimapolitik an die Transferstelle wenden“, sagt Dr. Tina Knispel. Die Leiterin der TIE hat in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Workshops und Seminare organisiert, um über die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Auswirkungen des Emissionshandels und alternative Beschaffungsstrategien für Zertifikate zu informieren. „Wir werden auch 2012 wieder Informationsveranstaltungen anbieten. Neben den Ergebnissen der UN-Klimakonferenz in Durban werden wir auch den freiwilligen Markt thematisieren und Chancen neuer Klimaschutzinstrumente aufgreifen“, verspricht Knispel.

Investitionsanreize schaffen

Aus Sicht des VCI ist die Chemiebranche im Klimaschutz ohnehin schon sehr engagiert. „Energieeffizienzsteigerung und Treibhausgasminderung wurden und werden von der chemischen Industrie bereits aus ökonomischen Gründen weitgehend von selbst angestrebt, ohne dass zusätzliche Instrumente wie der Emissionshandel erforderlich wären“, betont Rothermel. Für die gesamte Branche rechnet der VCI-Experte durch die Neuregelungen im EU-ETS ab 2013 mit einer hinzukommenden Belastung von 830 Mio. Euro jährlich. Damit liefert der Verband zugleich wichtige Argumente für Industrieunternehmen, sich noch stärker im Klimaschutz zu engagieren, denn oftmals fehlt für Effizienzmaßnahmen ein Investitionsanreiz. Diesen will die Transferstelle mit dem von ihr initiierten Joint Implementation Modellprojekt Hessen (JIM.Hessen) liefern. So lassen sich selbst kleinere Klimaschutz-Maßnahmen in das Projekt einbringen, das Vorhaben zur Emissionsreduktion im Rahmen von Energieeffizienzmaßnahmen von Heizungsanlagen mit und ohne Brennstoffwechsel bündelt. „Besonders eine Umstellung auf erneuerbare Brennstoffe wie Holzpellets spart viel CO2 ein. Aber nicht nur Heizungsanlagen können bei JIM.Hessen mitmachen – auch Anlagen zur Dampferzeugung sind geeignet und werden bei unserem Förderprogramm berücksichtigt“, erläutert Knispel.

Vom Emissionshandel profitieren

Joint Implementation ist ein im Kyoto-Protokoll verankerter flexibler Mechanismus, mit dem auch in Industriestaaten Klimaschutz-Projekte durchgeführt werden können. Die Förderung erfolgt über die berechneten CO2-Einsparungen nach Inbetriebnahme der neuen Heizanlage. Die erzielten Reduktionen werden von einem externen Gutachter verifiziert, und die entsprechende Anzahl an Emissionszertifikaten wird dann von der Deutschen Emissionshandelsstelle im Umweltbundesamt für das Projekt ausgeschüttet. Die Zertifikate werden verkauft und die Erlöse den Projektteilnehmern entsprechend den individuell erzielten CO2-Reduktionen zugeteilt. Dadurch lassen sich Klimaschutz-Investitionen refinanzieren, obwohl die Anlagen selbst nicht dem Emissionshandel der EU unterliegen. Der Käufer der Zertifikate kann die Emissionsrechte in das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) einbringen oder alternativ für eine freiwillige CO2-Kompensation verwenden.

Industrie ab 2013 stärker in der Pflicht

Die Industrie war zuletzt immer wieder in Kritik geraten, weil sie angeblich zu viele EUA für das EU-ETS zugeteilt bekommen hatte. Im November bescheinigte eine Studie der britischen Umweltgruppe Sandbag Climate Campaign dem Branchenriesen BASF zwischen 2008 bis 2010 einen Überschuss von 2,1 Mio. Emissionsrechten erwirtschaftet zu haben, bei Dow Chemical sollen 1,7 Mio. EUA ungenutzt geblieben sein. „Die Allokation an die Industrie ist sehr großzügig gewesen“, räumt Franzjosef Schafhausen vom BMU ein. Allerdings habe niemand die Wirtschaftskrise und das Ausmaß der Überallokation vorhersehen können. In der zweiten Handelsperiode war die Zuteilung für Industrieanlagen zu 98,75 % auf Basis der historischen Emissionen erfolgt. Eine als Konsequenz von der Umweltgruppe geforderte Änderung bei der Zuteilungsmenge hält Schafhausen für kompliziert: „Eine Ad-hoc-Anpassung ist schwierig, weil sich die Marktakteure an Rahmenbedingungen orientiert haben.“ Ohnehin dürfte sich das Problem in der dritten Handelsperiode erledigt haben. Mit der Umsetzung der Benchmarkregeln wird das EU-ETS an dieser Stelle künftig effizienter gestaltet und den Unternehmen mehr Engagement bei einer optimalen Beschaffungsstrategie  für Emissisonzertifikate abverlangen. Traditionell war der OTC-Handel dominant, nun treten verstärkt auch der Einkauf über die Börse oder Online-Plattformen in den Fokus, mit der eine Diversifizierung des Risikomanagements verbunden ist.

Heftausgabe: Februar 2012
Markus Kohlstock, Fink & Fuchs

Über den Autor

Markus Kohlstock, Fink & Fuchs

Markus Kohlstock, freier Fachjournalist

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