März 2013
Für Entscheider
  • Auf lange Sicht führt an der Energiewende kein Weg vorbei. Doch der Zeithorizont hat sich aufgrund des Öl- und Gasbooms geändert.
  • Zwei zentrale Prämissen für die Energiewende haben sich gravierend verändert: Die Bedeutung des Arguments „Klimaschädlichkeit von CO2" hat seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 in der Öffentlichkeit deutlich abgenommen. Andererseits wird der Boom bei der Exploration von Öl- und Gas dafür sorgen, dass die zweite Prämisse - stark ansteigende Öl- und Gaspreise machen alternative Energien wirtschaftlich - ebenfalls nicht greift.
Bild: © Kautz15 - Fotolia.com

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„Bei Berücksichtigung aller neuen Entwicklungen und Politikmaßnahmen sieht es noch immer nicht so aus, als gelänge es, das globale Energiesystem auf einen nachhaltigeren Pfad zu lenken“, heißt es im aktuellen World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur IEA vom November 2012. Der Grund dafür ist unter anderem, dass sich zwei zentrale Prämissen für die Energiewende gravierend verändert haben: Einerseits hat die Bedeutung des Arguments „Klimaschädlichkeit von CO2“ seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 in der Öffentlichkeit deutlich abgenommen. Andererseits wird der Boom bei der Exploration von Öl- und Gas dafür sorgen, dass die zweite Prämisse – stark ansteigende Öl- und Gaspreise machen alternative Energien wirtschaftlich – ebenfalls nicht greift. Ist es Zeit, der „Energiewende“ Lebewohl zu sagen?

Auf lange Sicht sicher nicht. Denn das Problem der Klimaschädlichkeit von CO2 besteht nach wie vor. Doch der Zeithorizont hat sich aufgrund des Öl- und Gasbooms geändert, so dass uns das, was langfristig richtig ist, kurzfristig ruinieren kann. Einige Zahlen verdeutlichen dies:
In Deutschland kostete Strom in 2012 durchschnittlich 15,15 USD-Cent/kWh. In USA dagegen 8,89 USD-Cent/kWh. Die Erzeugungskosten für Windstrom liegen derzeit in Deutschland bei 6,5 bis 12 USD-Cent/kWh. Um diesen zu speichern, kommen bei der derzeit vielversprechendsten Lösung „Power-to-gas“ noch die Kosten für die Umwandlung in Methan und schließlich die Rückverstromung hinzu. Selbst unter günstigsten Voraussetzungen wird eine kWh Wind-Gas-Strom dann zwischen 11 und 20 USD-Cent kosten.
Zum Vergleich: LNG aus Katar oder aus US-Schiefergas kostete 2012 knapp 4 USD-Cent/kWh – an asiatischen Importterminals wurden 2012 6,1 USD-Cent/kWh für LNG vom Tankschiff bezahlt. Bei einer Verstromung in modernen GuD-Kraftwerken (60 % Wirkungsgrad) kostet dann die kWh Strom aus LNG 5,3 bis 8,5 USD-Cent. Russisches Pipelinegas kostete im Februar 2013 am deutschen Spotmarkt 3,5 USD-Cent/kWh – nach den jüngsten Ankündigungen, z.B. von Gazprom, mit derzeit fallender Tendenz.

Wie groß ist aber die Rolle der Energiekosten für die Chemieindustrie? Es kommt darauf an. Für einen Wirkstoffbetrieb der Feinchemie ist der Energieanteil an den Gesamtkosten natürlich deutlich geringer als in der Chlor-Elektrolyse. Im Durchschnitt beträgt der Energieanteil an den Gesamtkosten der Chemie laut Chemieverband VCI 4,1 Prozent (2010). Rohstoffe schlagen dagegen mit 32,4 Prozent zu Buche. Deshalb wird die Branche Preissteigerungen bei Energien eher verkraften, als steigende Rohstoffpreise. Als Chemierohstoff ist Methan aus Windkraft deshalb beispielsweise kaum denkbar.

Zudem basiert die deutsche Chemie derzeit noch auf Öl (Naphta) und müsste zur Umstellung auf Gas signifikante Investitionen tätigen. Im internationalen Wettbewerb als Investitionsstandort gerät Deutschland deshalb schon heute gegenüber den USA ins Hintertreffen, denn die Preisschere zwischen Öl und Gas geht immer noch weiter auf. Aber: Die Zusammenhänge sind komplex: Billiges Schiefergas sorgt unter anderem dafür, dass billige US-Kohle in Europa teureres Erdgas verdrängt.

Und so bleibt schlussendlich nur ein Königsweg zur Wettbewerbsfähigkeit: Die effizientere Nutzung von Rohstoffen und Energie. Die IEA sieht in der Energieeinsparung eine realistische Chance, dass der Primärenergieverbrauch ab 2020 wieder sinken könnte: „Das Wachstum des weltweiten Primärenergieverbrauchs bis 2035 würde sich um die Hälfte reduzieren. Der Ölverbrauch würde kurz vor 2020 seinen höchsten Stand erreichen und wäre 2035 um fast 13 mb/d (Millionen Barrel pro Tag) geringer – ein Rückgang, welcher der heutigen Fördermenge von Russland und Norwegen zusammen entspräche“, schätzt die IEA.

Lernen aus der Geschichte
Von der Ölkrise zum Aus für deutsche Steinkohle

Welche Konsequenzen Globalisierung und Preisdifferenzen spielen können, zeigt ein Beispiel: Noch 1981 setzte man in Folge der beiden Ölkrisen auf die Verflüssigung deutscher Steinkohle. Die massive Ausweitung der Kohleförderung in Südafrika, Russland und USA führte allerdings zu billiger Importkohle. Und diese hat nicht nur die Kohleverflüssigung binnen weniger Jahre hinweggefegt, sondern den deutschen Kohlebergbau insgesamt.

Ihre Meinung? Schreiben Sie an
armin.scheuermann@chemietechnik.de

Den Kommentar „Energiewende ade“ finden Sie am Ende dieses Artikels.

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