Sicherheit beim Unsichtbaren

Fachschulungen zur Erfüllung gesetzlicher Anforderungen beim Gaseeinsatz

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15.03.2013 Gefahren lauern, wo sie niemand sehen kann: Nicht nur in der wissenschaftlichen Analytik kommen Spezialgase zum Einsatz, sondern auch in Betriebslaboren und anderen Bereichen der chemischen Industrie. Um diese Spezialgase gefahrlos nutzen zu können, müssen die Anwender besondere Kenntnisse haben. Hier nimmt der Gesetzgeber den Arbeitgeber in die Pflicht: Er überträgt ihm die Verantwortung für den sicheren Betrieb und die Unterweisung der Mitarbeiter und lässt ihm dabei Gestaltungfreiheit.

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Entscheider-Facts Für Betreiber

  • Der Gesetzgeber überträgt den Betreibern von Betriebslaboren und anderen vergleichbaren Einrichtungen ein wachsendes Maß an Verantwortung für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter beim Gasehandling.
  • Fachschulungen von Lieferanten und Herstellern von Spezialgasen sind eine sinnvolle Möglichkeit, den Spielraum auszufüllen.
  • Schulungen befähigen Personalverantwortliche sowie Anwender zum sicheren Umgang mit Spezialgasen, leisten einen Beitrag zum Arbeitsschutz und helfen Betreibern bei der Erfüllung der gesetzlichen Pflichten.

Ein wichtiger Baustein, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, können Fachschulungen sein. Sie unterstützen Sicherheitsbeauftragte und Anwender dabei, sich das erforderliche Wissen anzueignen.

Die Vielfalt der Spezialgase, die auch in der chemischen Industrie beispielsweise zur Kalibrierung von Gaschromatographen Verwendung finden, ist beträchtlich. Für verschiedene Aufgaben werden hier neben Reinstgasen auch Gasgemische mit hoher Konzentrationsgenauigkeit, besonders seltene Gase sowie Gase mit gefährlichen Eigenschaften genutzt. Das große Spektrum an Spezialgasen erfordert von Mitarbeitern, die mit ihnen umgehen, ein breit gefächertes Fachwissen in puncto spezifischer Eigenschaften und sicherer Anwendung der Gase. Darüber hinaus ist Know-how in Bezug auf die dazugehörige Versorgungstechnik gefragt.

Verantwortung des Arbeitgebers geregelt

Die Verantwortung für sichere Betriebsabläufe und die Information der Mitarbeiter legt der Gesetzgeber in die Hände des Betreibers. Der ist gefordert, Fachwissen zur Verfügung zu stellen und Beschäftigte, die Gase und Gaseversorgungsanlagen nutzen, angemessen zu unterweisen. Dabei müssen unter anderem folgende Regelungen Beachtung finden:

  • Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) verlangt in § 12 eine ausreichende und angemessene Unterweisung der Beschäftigten über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit durch den Arbeitgeber. Die Unterweisung muss, wenn erforderlich, regelmäßig wiederholt werden.
  • Die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) sieht in § 9 eine Unterrichtung und Unterweisung der Beschäftigten zu den Gefahren vor, die sie betreffen. Zudem legt sie fest, dass der Arbeitgeber bei selbst vorgenommenen Prüfungen eine befähigte Person zur Prüfung von Arbeitsmitteln bestimmen muss, die per Definition durch ihre Berufsausbildung, ihre Berufserfahrung und ihre zeitnahe Tätigkeit die erforderlichen Kenntnisse hat.
  • Spezifische Regelungen zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz in Laboren finden sich in der Publikation BGI-850-0 „Sicheres Arbeiten in Laboratorien“. Der Fachausschuss Chemie der brancheneigenen Berufsgenossenschaft hat das Regelwerk erlassen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat die Technischen Regeln für Gefahrstoffe, kurz TRGS 526 „Laboratorien“, aus dem Regelungsteil der neuen Laborrichtlinien in das staatliche Regelwerk übernommen.

 

Die kurzen Auszüge aus einigen der sicherheitsrelevanten Regelwerke zeigen die Komplexität der Rechtslage, mit der sich auch die Betreiber von Betriebslaboren sowie die Betreiber von anderen vergleichbaren Einrichtungen befassen müssen. Zum Beispiel enthalten sowohl die BetrSichV als auch das ArbSchG nur die generelle Pflicht zur Unterweisung der Beschäftigten, ohne deren Inhalt zu spezifizieren. Zudem wurden spezielle Gase-Vorschriften, wie die Berufsgenossenschaftliche Vorschrift B 6 „Gase“ zur Unfallverhütung von der Berufsgenossenschaft Chemie aufgehoben. Es zeichnet sich deutlich ab, dass die konkrete Ausgestaltung der Sicherheitsmaßnahmen vermehrt in die Verantwortung des Betreibers übergeht. Auf der einen Seite gewinnt er mehr Freiheit bei der Gestaltung der Sicherheitsmaßnahmen und der praxisgerechten Unterweisung; auf der anderen Seite werden von ihm mehr Eigeninitiative und Erfahrung gefordert.

Spezialgase in Theorie und Praxis

Wissensvermittlung durch Schulungen – dieses Angebot machen die Hersteller und Lieferanten von Gasen. Sie sollen die Betreiber von Laboren und Forschungseinrichtungen bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten unterstützen. Sicherheits- und Personalverantwortliche können dort ebenso wie Anwender das notwendige Wissen für den sicheren Umgang mit Spezialgasen erwerben. Das schützt nicht nur Mitarbeiter vor Gefahren. Die Schulungen dienen auch als Nachweis über die Qualifizierung der Mitarbeiter und als wichtiger Baustein für Zertifizierungen und Audits.

Eine gelungene Fachschulung sollte auf den bestehenden Rechtsgrundlagen und Vorschriften aufbauen. Auf der Basis von Betriebssicherheitsverordnung und weiteren Regelwerken lässt sich fundiert der sichere Umgang mit Spezialgasen thematisieren. Grundlagen der Gasephysik und die Eigenschaften und Wirkung von Gasen sowie ihre Anwendung sind wichtige theoretische Bausteine einer Schulung. Doch vor allem ist der Praxisbezug für den nachhaltigen Erfolg eines Sicherheitsseminars entscheidend: Die Themenvielfalt reicht dabei von der Herstellung von Gasgemischen über das Handling und die persönliche Schutzausrüstung bis hin zu Notfallmaßnahmen. Sinnvoll ist auch ein Praxisteil, bei dem die Schulungsteilnehmer selbst eine Gefährdungsbeurteilung vornehmen – beispielsweise für einen Flaschenwechsel mit einem sicherheitsrelevanten Gas. Denn das Instrument der Gefährdungsbeurteilung hat der Gesetzgeber in alle neueren gesetzlichen Regelungen eingeführt. Im Rahmen einer Begehung müssen dabei mögliche Gefährdungen am Arbeitsplatz ermittelt, beurteilt und entsprechende Arbeitsschutzmaßnahmen festgelegt werden. Gerade Sicherheitsverantwortliche können hier entscheidend vom Know-how der Fachleute profitieren.

Technik entscheidet über Sicherheit und Qualität

Für den sicheren Umgang mit Spezialgasen ist das Verständnis für die dazugehörige Technik unerlässlich. Daher behandeln die entsprechenden Sicherheitsseminare die richtige Handhabung von Spezialgaseversorgungsanlagen. Die Auswirkungen falscher Materialien und unpräziser Handhabung werden auch von erfahrenen Anwendern häufig unterschätzt. Beispielsweise kann durch schnelles Öffnen und Schließen von Sauerstoff-Ventilen oder Druckminderern über die sogenannte adiabatische Verdichtung eine örtliche Temperaturerhöhung entstehen. Diese wiederum kann in Folge zu einem Sauerstoff-Ausbrand führen. Um einen solchen Sauerstoff-Ausbrand zu verhindern, muss der Mitarbeiter neben dem langsamen Öffnen und Schließen der Ventile und Druckminderer weitere Aspekte beachten: Ausschließlich solche Bauteile, die sich für Sauerstoff eignen, bieten die notwendige Sicherheit. Die Armaturen dürfen nicht gebraucht sein und müssen im Betrieb frei von Öl und Fett gehalten werden. Und der Druckminderer muss nach Gebrauch voll entspannt werden. Auch Gase mit korrosiver Wirkung wie Chlorwasserstoff erfordern besondere technische Vorrichtungen. Nur so lassen sich Schäden an Werkstoffen und damit ein gefährlicher Gasaustritt verhindern.

Sicherheitsaspekte stehen bei den Fachschulungen zum Umgang mit Spezialgasen in Forschung, Labor und Analytik klar im Vordergrund. Doch die Hersteller und Lieferanten von Spezialgasen können den Teilnehmern darüber hinaus wichtiges Fachwissen vermitteln: Nur der Einsatz der passenden technischen Lösung und deren korrekte Handhabung garantiert den Erhalt der Gasqualität von der Gasflasche bis zur Anwendung.

Was, wann und wo?

Seminare für Theorie und Praxis

Linde Gas hat das Portfolio seiner Liprotect-Sicherheitsseminare erweitert: Seit dem Jahr 2011 gibt es eine zweitägige „Fachschulung Befähigte Person – Spezialgase in Forschung, Labor & Analytik“. Die Fachschulung wurde konzipiert, um die Betreiber von Laboren und Forschungseinrichtungen dabei zu unterstützen, ihre gesetzlichen Pflichten zu erfüllen. Die Termine für die Schulungen in 2013 stehen bereits fest: Am 16. und 17. April 2013 findet sie im Kulturhaus in Leuna statt; vom 05. bis 06. Juni wird das Seminar im Feierabendhaus in Marl abgehalten; am 20. und 21. November ist die Veranstaltung im Vertriebszentrum von Linde in Unterschleißheim geplant.

Hannover Messe 2013 Halle 3 – D13

Das Seminarprogramm des Gaseanbieters finden Sie hier.
Zum Arbeitsschutzgesetz ArbSchG beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gelangen Sie hier, den Wortlaut der Betriebssicherheitsverordnung BetrSichV beim BMAS finden Sie hier und die Publikation BGI-850-0 finden Sie hier bei der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie.

Heftausgabe: März 2013

Über den Autor

Klaus Tech, Leitender Sicherheitsingenieur, Linde; Klaus Engwer, Spezialgase Engineering, Linde
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