Aufbruch in der Schweiz

Infrapark Baselland zieht nach erstem Jahr positive Bilanz

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12.03.2012 Der Start des „Infrapark Baselland“ vor gut einem Jahr war in mehrfacher Hinsicht ein Novum: Ein offener Chemiepark am Traditionsstandort „Schweizerhalle“, der sich mit Infrastrukturdienstleistungen auch für die umliegenden Chemie- und Pharmaunternehmen der Region Basel interessant macht. Und gleichzeitig der Aufbruch eines Clariant-Standorts, der in den vergangenen Jahren vor allem mit Stellenabbau in den Nachrichten war.

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Ein Chemiepark in der Schweiz? „Kein Thema“, lautete noch 2008 der Tenor einer Diskussionsveranstaltung, zu der die Chemie-Ingenieurvereinigung SGVC eingeladen hatte. Zu groß waren bis dahin die Renditen der eidgenössischen Pharma- und Chemieunternehmen, um dem Thema Standortbetrieb besonders viel Beachtung zu schenken. Anders dagegen die Überlegungen am Clariant-Standort Schweizerhalle in Muttenz: 37 Hektar erschlossenes Chemiegelände, davon 16 Hektar frei für Ansiedlungen sowie ein Produktionsverbund mit Synergieeffekten, und nicht zuletzt die vorhandene chemietypische Infrastruktur und Services in einer starken Wirtschaftsregion – das müsste doch auch für andere Chemieproduzenten attraktiv sein?

Mit der Gründung des eigenständischen Geschäftsbereichs Infrapark Baselland hatte Clariant deshalb im Januar 2011 den Rahmen für die Vermarktung des Standorts geschaffen, an dem neben dem Spezialchemieunternehmen bereits Bayer Crop Science, die Linde-Tochter Pan Gas sowie der Ausbildungsverbund Aprentas tätig sind. Und auch im näheren Umfeld des Industrieparks versprechen sich die Standortdienstleister Synergien und Geschäftsmöglichkeiten. So nutzen bereits benachbarte Chemieunternehmen wie CABB oder BASF die AbwasserreinigungAbwasservorbehandlung, das Rückhaltebecken für Abwässer im Havariefall und die Lösemittelregeneration des Infraparks mit oder beziehen beliefern das Verbundnetz des Parks mit Grundchemikalien wie Natronlauge oder Salzsäure aus dem Verbundnetz des Parks.

„Wir sehen die Unternehmen in der Umgebung nicht als Konkurrenz, sondern können gemeinsam zum Erfolg der Region beitragen“, erklärt Gaudenz Furler, der bei Infrapark Baselland für das Marketing zuständig ist.  Trotz starker Landeswährung ist es dem Industriepark-Newcomer im vergangenen Jahr bereits gelungen, Ansiedlungen und Erweiterungsprojekte an Land zu ziehen.

Mit dem südafrikanischen Katalysatorspezialisten Comar Chemicals hat der neu gegründete Industriepark im vergangenen Jahr gleich einen ersten Neuansiedler gefunden: Das auf organometallische Katalysatoren für die Kautschukindustrie spezialisierte Chemieunternehmen wird im Infrapark ein mehrstöckiges Produktionsgebäude mit einer Grundfläche von ca. 1.200 m2 beziehen. Neben dem Spezialchemiewerk will das südafrikanische Unternehmen am Standort verstärkt Forschungstätigkeiten zur Entwicklung neuer Spezialchemikalien aufnehmen.

Auch die Bayer-Tochter Crop Science, die am Standort Pflanzenschutzmittel produziert, will im Infrapark expandieren und plant drei Projekte, um die Produktion zu erweitern. „Obwohl das Unternehmen hier schon einige Jahre produziert und gut vernetzt ist, greift man für diese Projekte sehr gern auf die Behördenkontakte der Infrapark zurück“, nennt Giorgio Lüthi, Leiter Logistik, einen für Ansiedler wichtigen Aspekt. „Wir sind guten Mutes – Infrapark ist erstaunlich gut gestartet“, freut sich Gaudenz Furler im CT-Interview.

Interview mit Gaudenz Furler und Giorgio Lüthi, Infrapark Baselland

„Nukleus für die Chemieunternehmen der Region“

CT: Infrapark Baselland arbeitet seit Januar 2011 als Geschäftseinheit der Clariant. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie für die Einheit und den Chemiepark nach nun einem Jahr?

Furler:  Infrapark ist erstaunlich gut gestartet, besser als wir das erwartet haben. Nach Jahren des Personalabbaus in der Schweizerhalle herrscht jetzt Aufbruchstimmung. Wir haben ein gutes Team und die Organisation ist sehr transparent. Unsere Arbeitsgebiete sind klar definiert. Natürlich haben wir auch aus Gesprächen mit anderen Standortbetreibern gelernt – schließlich ist Clariant ja auch Miteigentümer der Infraserv Höchst.

Lüthi: Das Modell der Infrapark Baselland stimmt: Wir ermöglichen es den Unternehmen am Standort, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Auch die Pharmaunternehmen im Raum Basel öffnen sich in kleinen Schritten für externe Dienstleister wie wir es sind. Durch den neuen Namen werden wir – obwohl wir zu Clariant gehören – als neutraler Dienstleister wahrgenommen, und man begegnet uns offen.

CT: Welche Unternehmen wollen Sie für den Industriepark gewinnen?

Furler: Wir sind an hochwertiger Chemieproduktion interessiert. Produktion ist schon deshalb wichtig, weil auch Forschung und Entwicklung der Produktion folgt.

Lüthi:  Spätestens mit der Eröffnung des zusätzlichen Gotthardt-Tunnels  wird der Standort logistisch gesehen eine Top-Adresse in Europa. Schon heute können Ansiedler ihre Logistik durch die gute Anbindung an Schiene, Rhein und Autobahn sehr genau planen.

CT: Welche Rolle wollen Sie als Infrastrukturdienstleister für Unternehmen außerhalb des Standorts spielen?

Lüthi: Wir sehen den Infrapark auch als Nukleus für die Erweiterung benachbarter Unternehmen. Es macht doch wenig Sinn, dass jedes Chemie- und Pharmaunternehmen in der Region alle Versorgungs- und Infrastrukturleistungen selbst organisiert. Wir haben viele Grundchemikalien und Medien am Standort verfügbar und können diese über den Werkszaun hinaus zur Verfügung stellen.

Furler:  Mit der Gründung des Infrapark wurde in der Region ein Umdenkprozess angestoßen. Wir sehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit einer Reihe von Unternehmen in der Region. Bereits heute nutzen zum Beispiel Unternehmen inner- und außerhalb des Infrapark gemeinsam unsere Abwasservorreinigung.

CT:  Wird die Infrapark denselben Weg wie andere Standortbetreiber gehen und irgendwann zu einem eigenständigen Unternehmen werden?

Furler:  Das muss der Konzern entscheiden, das können wir nicht mit beeinflussen. Aber die Struktur, die wir für den Infrapark derzeit aufsetzen, schafft bereits die Voraussetzungen dafür. Früher oder später wird dieser Weg diskutiert werden.

Heftausgabe: März 2012

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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