Wir fangen Projekte mit nahezu null Risiko an

Interview mit Dr. Wolfgang Büchele, CEO von Exyte

06.06.2019 Je nach Branche gehen die Uhren im Anlagenbau durchaus unterschiedlich. Das wird auch beim Blick auf das Geschäftsmodell des Hightech-Anlagenbauers Exyte deutlich. Im CT-Interview erläutert Dr. Wolfgang Büchele, CEO von Exyte, die Besonderheiten im Bau von Halbleiter- und Pharmafabriken und erklärt, weshalb das Unternehmen im vergangenen Jahr seinen Börsengang verschoben hat.

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Eine Halbleiteranlage wird komplett anders geplant, als man das in anderen Anlagenbaubranchen kennt. Bilder: Exyte

CT: Exyte hat seit der Umfirmierung von M+W sein Profil deutlich geschärft. Welchen Trends folgen Sie derzeit?
Büchele: Wir verstehen uns als Anbieter im Spezialanlagenbau und konzentrieren uns auf drei große Segmente: Halbleiter, Datencenter sowie Life Science & Chemicals, wobei wir bei Letzteren die Schwerpunkte auf Biopharma und die Spezialchemie legen – also Bereiche, die höhere Anforderungen stellen. Bei den Halbleitern treiben die Trendthemen „Internet der Dinge“ sowie „autonomes Fahren“ die Nachfrage nach Speicherchips. Diese Daten müssen irgendwo bleiben, deshalb werden Datencenter gebaut. In der Pharmabranche sehen wir einen Trend in Richtung Biopharma: Die Mengen sind dort sehr viel kleiner, die Anlagen sind zudem flexibler. Dort wird stark über Modularisierung diskutiert, ein Aspekt, der die Industrie aktuell sehr beschäftigt.

CT: Wie hart ist der Wettbewerb für Anlagenbauer, die Projekte ohne eigene Technologie abwickeln, und wie wichtig ist das branchenspezifische Know-how?
Büchele: Das branchenspezifische Know-how ist in der Halbleiterbranche extrem wichtig, weil man dort Großanlagen mit entsprechenden Investitionsvolumina baut. Auch in der Pharmaindustrie ist das sehr wichtig, weil man sich dort keine Probleme leisten kann – insbesondere in der Validierung. Beim Bau von Datencentern kommt es vor allem auf eine ökonomische Temperaturkontrolle an. Dort ist der Wettbewerb am schärfsten. Es kommt uns zugute, dass große Anbieter, beispielsweise Cloud-Provider, bei ihren Projekten weltweit nur mit wenigen Firmen zusammenarbeiten wollen. Umgekehrt ist es so: Bei den Halbleiteranlagen steht für die Kunden so viel im Risiko, dass diese wenig Neigung verspüren, mit Neulingen ins Geschäft zu kommen. Der eventuelle Preisvorteil steht dort in keinem Verhältnis zum Risiko. Dieses besteht vor allem in Projektverzögerungen, die im Halbleitermarkt katastrophal sein können. Eine von uns gebaute Megafab ist bereits in 18 bis maximal 24 Monaten „ready for tool installation“ – die Konkurrenz ist hier sehr überschaubar.

Zur Person:
Dr. Wolfgang Büchele


Dr. Wolfgang Büchele (59) studierte nach einer Maurerlehre Chemie an der Universität Ulm und promovierte in anorganischer Chemie. Ab 1987 war er bei der BASF zunächst in der Katalysatorforschung und ab 1990 in leitenden Positionen in Ludwigshafen und in China (Hongkong) tätig. 2001 wurde er Vorsitzender der Region Osteuropa, Afrika und Westasien, 2003 Leiter des Bereichs Performance Chemicals (Industrielle Anwendungen) sowie Mitglied der Werksleitung in Ludwigshafen und 2005 Leiter des Bereichs Feinchemie. Nach Stationen bei den Finanzinvestoren Blackstone, Permira und Borsodchem war Büchele von 2012 bis 2014 CEO und Präsident des finnischen Wasserchemikalien-Herstellers Kemira. Von 2014 bis 2016 war er Vorstandsvorsitzender der Linde AG. Am 1. März 2017 wurde er zum Vorsitzenden der Geschäftsführung des deutschen Anlagenbauers M+W Group ernannt, den er nach einer Reorganisation in Exyte AG umbenannte und einen Börsengang plant.

CT: Sie waren früher bei BASF und Linde ebenfalls für Großprojekte verantwortlich. Wie unterscheiden sich Halbleiterfabriken von verfahrenstechnischen Anlagen?
Büchele: Eine Halbleiteranlage wird komplett anders geplant, als man das in anderen Anlagenbaubranchen kennt. Wir bekommen als ersten Input von Kunden Angaben zu den Maschinen, die der Kunde einzusetzen beabsichtigt. Dann wird mit dem Kunden zusammen die Logistik innerhalb der Fab optimiert – man spricht vom Plot-Plan. Wenn das steht, dann wird wie bei einer umgekehrten Zwiebel die Anlage darum herum geplant. Bei einer verfahrenstechnischen Anlage ergibt sich der Plot-Plan aus dem Fließbild. Dort hat man weniger Freiheitsgrade.

CT: Im vergangenen Jahr hat Exyte den geplanten Börsengang abgesagt. Das Unternehmenswachstum ist zwar beeindruckend, aber mit zuletzt 4,8 % Rendite gibt es für Anleger wahrscheinlich auch lukrativere Investments – zumal der Anlagenbau als Risikogeschäft gilt.
Büchele: Das stimmt so nicht, denn für Exyte gelten die Risiken des klassischen Anlagenbaus nicht. Wir fangen grundsätzlich mit dem Modell „cost plus“ an: Dann wird das Projekt gemeinsam mit dem Kunden entwickelt, und erst wenn alles definiert ist, wird über Lump Sum – also einen Festpreis – gesprochen. Damit fangen wir Projekte generell mit nahezu null Risiko an. Und die niedrige Marge hat ja auch noch eine andere Seite: Sie macht es Newcomern schwer, in das Geschäft einzusteigen. Denn was kann der Kunde noch sparen? Wenn er von der Marge noch ein Prozent herunternimmt, dann steht das in keinem Verhältnis zum Risiko.

CT: Wie steht es um das zyklische Risiko?
Büchele: Life Science ist überhaupt nicht zyklisch. In der Elektronik wird permanent darüber geredet, dass das zyklisch sei. Von den Preisen her ist das richtig, aber von den Volumina – und damit der Zahl der Chips und der zu verarbeitenden Wafern – ist die Industrie in den letzten 30 Jahren jährlich um sieben Prozent gewachsen. Es gab nur zwei Jahre, in denen das Volumen zurückgegangen ist: in der Lehman-Krise und in der Dotcom-Krise. In unserem Geschäft geht es um das Volumen. Was ein Chip kostet, ist für uns irrelevant. Solange mehr Chips gebraucht werden, müssen mehr Wafer verarbeitet werden.

CT: Warum haben Sie dann den Börsengang im September 2018 abgesagt?
Büchele: Der Grund dafür waren die Aktienmärkte: Wir machen momentan 65 bis 70 % unseres Geschäftes mit Halbleiteranlagen. An der Börse hat man uns deshalb sehr stark mit den Halbleiterunternehmen in Verbindung gebracht. Im September 2018, als wir kurz vor dem Börsengang standen, kam das Sentiment auf, dass es bei den Speicherchips Überkapazitäten gibt. Deshalb gingen die Aktien unserer Kunden auf Talfahrt, und wir wurden damit in Verbindung gebracht. Das verbessert sich derzeit, die Aktienkurse unserer großen Kunden steigen wieder. Wenn sich der Markt stabilisiert hat, werden wir unseren Börsengang nachholen und eine gute Anlage für die sein, die langfristig orientiert eine bestimmte Rendite erwarten.

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Momentan stehen Life Science & Chemicals bei Exyte für ca. 15 % des Umsatzes.

CT: Das Segment Life Sciences steht für etwa ein Zehntel des Umsatzes, den Sie im Halbleitersegment machen. Welche Rolle werden Pharma und Chemie künftig in Ihrem Portfolio spielen?
Büchele: Das Life-Science-Segment wird immer deutlich kleiner als das Segment Advanced Technology Facilities – ATF – sein. Wir haben 2018 den größten Auftrag unserer Geschichte erhalten – das war ein Projekt mit 1,6 Mrd. Euro. Eine Life-Science-Anlage liegt irgendwo zwischen 20 und 100 Mio. Euro. Zudem ist der Pharmamarkt viel fragmentierter. Momentan stehen Life Science & Chemicals für ca. 15 % des Umsatzes. Aber das stört uns auch nicht. Pharma passt voll in unsere Kernausrichtung Anlagenbau für „controlled and regulated environment“.

CT: Ein Projekt mit 1,6 Mrd. Euro Volumen bei einem Unternehmensergebnis von 160 Mio. Euro – das würde Controllern in anderen Anlagenbau-Unternehmen den Schweiß auf die Stirn treiben. Ab wann wird für Sie das Klumpenrisiko eines Projektes zu groß?
Büchele: Zunächst kann ein Jahresergebnis nicht auf einen Einzelauftrag bezogen werden, den wir über mehrere Jahre abarbeiten. Die Aufträge, die wir von Halbleiterfirmen erhalten, bewegen sich nun mal in dieser Größenordnung. Die Frage ist nur, wie der Kunde bestellt: Der eine bestellt die Anlage komplett mit einem Auftrag. Und dann gibt es andere Kunden, die den Auftrag in Tranchen von 150 bis 200 Mio. aufteilen – und trotzdem bekommen wir zum Schluss das ganze Paket. Es geht also es nicht um Klumpenrisiko, sondern um langjährige Kundenbeziehung zu den größten Playern im Markt.

Das Schöne für uns ist: Eine Halbleiteranlage die begonnen wurde, kann eigentlich nicht auf halber Strecke gestoppt werden. Dazu ist dann bereits zu viel bestellt und in der Abwicklung. Diese Projekte werden alle fertiggebaut. Wenn so eine Anlage nach 24 bis 26 Monaten fertig ist, dann kommt bereits das erste Upgrade. Eine Chemieanlage kann – abgesehen von Kapazitätserhöhungen – 20 Jahre relativ unverändert laufen. In der Halbleiterbranche ist das ganz anders. Dort werden die Anlagen permanent ausgebaut, wenn die Technologie fortschreitet. Wir können heute in der Planung mit dem Kunden schon berücksichtigen, ob und in welchem Umfang dieser für das nächste Upgrade vorinvestieren will. Dafür entwickeln wir Szenarien. Diesen Dialog haben wir mit dem Kunden – deshalb ist das auch kein klassischer Angebotsprozess, sondern wir fangen immer mit der Beratung an.

CT: Viele Anlagenbauer wollen Servicegeschäft entwickeln, um die Zyklizität des Projektgeschäfts auszugleichen. Welche Rolle spielt dieses Geschäft für Sie?
Büchele: Wir sind ständig bei den Kunden, weil diese in der Regel schon nach der Inbetriebnahme einer Fab das nächste Upgrade planen. Wartungsservice bieten wir bewusst nicht an, weil das ein großes Risiko birgt: Wenn man da einen Fehler macht, dann sind die Stillstandskosten dramatisch. Deshalb läuft die Wartung in Halbleiterfabriken immer unter der Ägide des Betreibers.

Zum Unternehmen – Exyte

Die aus der M+W Group hervorgegangene Exyte AG ist ein Gebäudetechnik- und Anlagenbauunternehmen mit Hauptsitz in Stuttgart. Kernbranchen sind die Halbleiter­industrie, Life Sciences und Datencentren. Exyte erzielte 2018 einen Umsatz von 3,5 Mrd. Euro und ein Ergebnis (Ebit) von 170 Mio. Euro. Den größten Anteil am Geschäft haben Halbleiterfabriken (ATF), sie trugen 2018 2,8 Mrd. Euro zum Umsatz bei.

 

Heftausgabe: Juni/2019
Die Fragen stellte Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK

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