„Verstärkt mit Partnern“ - Interview mit Peter Gress, Engineering-Chef BASF

Interview-Reihe: Engineering-Executives im Gespräch mit der Redaktion

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13.03.2012 Der Chemiekonzern BASF will bis 2020 seine Investitionstätigkeit deutlich ausweiten. Im Gespräch mit der CT-Redaktion erläutert Engineering-Chef Peter Gress, wie die Anlagenplaner die Projektflut bewältigen wollen, wie sich das BASF-Engineering strategisch aufstellt und welche Rolle die Kontraktoren in Zukunft spielen werden.

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CT: Die Projektschlagzeile des Monats Januar lieferte die BASF mit der Entscheidung, die Worldscale-TDI-Anlage in Ludwigshafen zu bauen. Mit einem Investitionsvolumen von rund 1 Mrd. Euro wird das die Ticona Umsiedlung in Frankfurt als das größte Chemieanlagenprojekt in Deutschland noch toppen. Welche Rolle spielt diese Standortentscheidung für das BASF-Engineering?

Gress: Für das Group Engineering spielt der Standort eigentlich keine Rolle – wir wickeln solche Projekte in allen Regionen ab. Aber hier in Ludwigshafen können wir unsere Vorteile ganz stark ausspielen. Hier ist unsere kritische Masse, hier haben wir unseren Verbund, der eine ganz wichtige Rolle spielt. Hier können wir die eingespielten Partner und lokale Kontraktoren einbinden.  An anderen Standorten in der Welt sind diese Partnerbeziehungen weniger ausgeprägt als hier. Der Terminplan ist sehr herausfordernd. Das würden wir woanders nicht schaffen.

CT: Wie viele Mitarbeiter des BASF Engineerings sind in so ein Projekt eingebunden?

Gress: Wichtig ist uns, dass wir alle Leitungsfunktionen des Projektes in der Hand behalten. Das Kern-Projektteam besteht aus 20 bis 30 Mitarbeitern. Aber die BASF arbeitet sehr stark teamorientiert. Wir holen uns Leute aus den Technologieeinheiten, aus der Forschung, aus anderen Einheiten, aus den Betrieben. Wir koordinieren das zusammen. Es gehört zu den Stärken der BASF, dass wir so etwas im Verbund abwickeln. Aber wir greifen auch verstärkt auf unsere Partner zurück – beim TDI Projekt sind das vor allem die Kontraktoren Fluor und Technip.

CT: Was wird für Sie neu sein bei diesem Megaprojekt?

Gress: Das Verfahren ist bewährte Technologie, die wir schon an mehreren Standorten nutzen. Auch das Scale up ist kein Problem. Neu ist, dass wir globaler einkaufen – Stichwort „best cost country sourcing“. Dabei greifen wir verstärkt auf unsere Partner zurück – ohne die Kontrolle abzugeben. Wenn uns für irgendein Arbeitsgebiet gerade ein Spezialist fehlt, dann werden wir Spezialisten von Partnern mit einbinden.

Außerdem habe wir bei diesem Projekt sehr stark den Ansatz „Value based Engineering“ verfolgt und sind damit zu sehr guten Ergebnissen gekommen. Dadurch werden wir die Nachhaltigkeit und Energieeffizienz des Prozesses stark steigern.

CT: Welche Rolle können EPC-Unternehmen beim Value based Engineering spielen?

Gress: Das Konzept beruht rein auf unseren eigenen Ressourcen. Das wäre durch EPCs nicht möglich. Wir kennen die Verfahren, haben Anlagen abgewickelt, haben das Netzwerk innerhalb der BASF und kennen die Prozesse. Auf Basis dieser Kenntniss können wir die Projektziele sehr intensiv mit den Kunden klären. Wir treffen die notwendigen Festlegungen ganz am Anfang und optimieren die Anlage nach Wert­elementen. Während der Kontraktor seinen Profit optimiert, optimieren wir das Ergebnis für den Betreiber.

CT: Wo stehen Sie im Zeitplan des TDI-Projekts?

Gress: An dem Projekt wird seit Frühjahr 2011 gearbeitet, die Anlage soll bis Ende 2014 in Betrieb gehen. Das Basic Engineering basiert stark auf dem Referenzmuster der im chinesischen Caojing gebauten Anlage. Neu ist das Scale up sowie die Einbindung in den Verbund mit den entsprechenden Schnittstellen. Die Frage lautet: „Wie bekommen wir diese Anlage in das Uhrwerk des in Ludwigshafen existierenden Verbundes der BASF integriert?“ Denn die Anlage wird nicht nur aus einem Teil bestehen. Der Isocyanat-Komplex besteht aus den Elementen Vorproduktanlage, Tankläger sowie Produktionsbetrieb. Die Herausforderung für meine Ingenieure besteht darin, die jeweils beste Lösung zu finden, um die neue Anlage in die bestehenden Elemente einzubinden.

CT: Weshalb wird eine so große Anlage einsträngig gebaut?

Gress: Damit schaffen wir es, die Komplexität zu verringern. Bei mehrsträngigen Anlagen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Komponenten ausfallen. Das wollen wir vermeiden.

CT: Welche weiteren Herausforderungen stellt ein so großes Projekt an die Planer?

Gress: Mehr als eine Milliarde Investment hier in Ludwigshafen bedeutet, dass nicht nur wir, sondern auch unsere Kontraktoren eine Menge Personal in der Region verfügbar halten müssen. Zeitweise werden mehrere tausend Personen an diesem Projekt arbeiten. Dazu kommt, dass während der Bauphase der normale Produktionsbetrieb weiterlaufen muss. Sie können davon ausgehen, dass wir im Engineering mehr Personal einstellen, auch um zukünftige andere Projekte abwickeln zu können. Wir suchen für alle Technikdisziplinen qualifizierte Mitarbeiter. Diese bekommen bei uns relativ schnell viel Verantwortung – das ist für all diejenigen reizvoll, die Interesse am Anlagenbau haben.

CT: Wie ist derzeit die Verfügbarkeit an qualifiziertem Personal?

Gress: Wir sehen, dass die Chemieanlagenbauer zurzeit gut ausgelastet sind. Gerade bei dem von uns verfolgten Modell langfristiger Partnerschaften mit EPC-Unternehmen wollen wir uns ja dieser Ressourcen bedienen. Wir stellen aber fest, dass durch die Energiewende aus dem Kraftwerksbereich Ingenieure frei werden, die für uns sehr interessant sind.

CT: Im November hat der BASF-Vorstand beschlossen, dass bis 2020 rund 30 bis 35 Mrd. Euro in Sachanlagen investiert werden sollen. Allerdings war der Meldung nicht zu entnehmen, ob das nur Neuanlagen sind oder auch Investitionen in den Bestand. Worauf stellen Sie sich im Engineering ein?

Gress: Gehen Sie davon aus, dass unsere Investitionstätigkeit erheblich ausgeweitet werden wird. Personlzahlen wollen wir keine nennen, aber wir bauen den Personalstamm deutlich aus. Aber das wird in der derzeitigen Fachkräftesituation nicht einfach werden.

CT: Werden Sie die steigende Projektzahl vor allem über die engere Partnerschaft mit EPCs bewältigen?

Gress: Nicht nur. Wir versuchen den Eigenanteil am Engineering in den Projekten bei 40 Prozent zu halten – das hat sich in der Vergangenheit bewährt. Und um dies bei steigender Investitionstätigkeit zu schaffen, benötigen wir mehr Personal im Engineering.

CT: Was wird sich in den kommenden Jahren im Engineering der BASF strukturell ändern?

Gress: Unser Auftrag besteht darin, den Wert der Firma zu steigern. Das schaffen wir, indem wir uns ständig weiterentwickeln. Dieser kontinuierliche Verbesserungsprozess zielt darauf ab, Methoden und Werkzeuge kontinuierlich zu verbessern. Wir werden auch in Asien sehr stark Engineeringkapazität aufbauen. Unser Ziel ist, global zu agieren und starke Einheiten in den Regionen zu haben.

Die weltweite Technical Community der BASF hat heute rund 14.000 Mitarbeiter. Historisch ist es so, dass der Anlagenbau hier in Ludwigshafen – basierend auf über 100 Jahren Erfahrung – derzeit sehr dominant ist. In Zukunft werden wir dies durch die zunehmende Regionalisierung der Produktion ebenfalls stärker regionalisieren. Wir werden uns global diversifizieren, aber trotzdem sehr stark zusammenarbeiten.

CT: Projekte wie F3 zielen auf eine verstärkte Standardisierung. Wie wird die Chemieanlage der Zukunft aus Ihrer Sicht aussehen?

Gress: Standardisierung ist ein wichtiges Thema. Vor allem auch deshalb, weil wir global einkaufen wollen. Das führt zwangsläufig dazu, dass der Trend weg von Speziallösungen zeigt. Allerdings nur, so weit das geht. Speziallösungen können ein Wettbewerbsfaktor sein. Es geht darum, die Balance zwischen Standardisierung und der besten technischen Lösung zu halten.

CT: Bedeutet Standardisierung auch, dass die Anlagenkomponenten von immer weniger Lieferanten kommen werden?

Gress: Ich glaube das Gegenteil wird passieren. Durch die Nutzung des Weltmarkts wird das Portfolio an Herstellern immer größer. Wir stellen fest, dass es inzwischen auch in China und Indien gute Lieferanten gibt – oft als Tochterunternehmen westlicher Anbieter. Die Welt wird im Blick auf die Hersteller komplexer werden. Und man muss wissen, wer was kann.

CT: Allerdings entstehen dadurch auch mehr Schnittstellen für das Engineering.

Gress: Ja, aber hier kommen unsere Partner mit ihren sehr guten lokalen Kenntnissen ins Spiel. Doch die Welt wird natürlich nicht einfacher.

CT: Sie streben enge Partnerschaften an, allerdings gibt es ja auch immer mehr Global Player im EPC-Geschäft – beispielsweise aus China oder Südkorea. Sind Sie offen für solche Newcomer?

Gress: Ja. Das große MDI-Projekt in China haben wir mit dem koreanischen EPC-Kontraktor Delim und einem chinesischen Partner abgewickelt.

CT: In Zeiten des Fachkräftemangels spielt die Produktivität im Engineering eine wichtige Rolle. Was versprechen Sie sich hier von neuen Technologien und neuen Engineering-Tools?

Gress: Die größten Potenziale zur Effizienzsteigerung liegen in den Methoden und Werkzeugen. 100 Jahre Anlagenbau bedeutet, dass wir nicht ein System für alles haben, sondern das ist alles historisch gewachsen. Wir haben für jedes Gewerk die besten Tools, aber die sind nicht mit dem Fokus entstanden, dass alles sehr gut vernetzt ist. Hier ist noch sehr viel zu holen. Die wichtigste Frage lautet „Wie können wir die Vernetzung für ein durchgängiges Engineering schaffen?“

Ein interessanter Ansatz sind die ursprünglich für Automobilfabriken entwickelten Methoden der Virtual Reality. Umgesetzt auf die Chemie können wir damit unsere Kunden heute live durch eine Anlage führen, bevor diese überhaupt gebaut ist. Notfälle oder Wartungsarbeiten können so bereits am virtuellen Modell geübt werden. Das bringt enorme Vorteile, weil man Fehler vermeidet, die man hinterher, wenn die Anlage schon gebaut ist, teuer bezahlen müsste. Produktivitätssteigerung im Engineering entsteht durch Fehlervermeidung, Vernetzung, Integration von Werkzeugen und dem globalen Zusammenspiel der Regionen.

Im zweiten Teil der Interview-Reihe mit den Executives des Chemieanlagenbaus erläutert Dr. Jürgen Hinderer, Bayer Technology Services, die Strategie der Bayer-Tochter

Zur Person:

Peter Michael Gress 

Peter Michael Gress (52) hat an der TU Karlsruhe Chemische Verfahrenstechnik studiert.  Seine Karriere bei der BASF begann er 1987 als Projektmanager für Pilotanlagen. Nach verschiedenen beruflichen Stationen als Projektmanager der Acrylsäure-Komplexe in Freeport, Texas, Singapur, Kuala Lumpur und Kuantan sowie als Betriebsleiter und Operations Director in Ludwigshafen, ging Gress 2004 als Group Vice President „Global Technology and Production Coordination“ nach Brüssel. Seit 2008 leitet Gress als Senior Vice President das Corporate Engineering der BASF. Peter M. Gress ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

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Heftausgabe: März 2012

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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