Future for Plastics – Plastics for Future?

Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie

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25.09.2019 Vor drei Jahren, auf der K 2016, stand eine Sonderausstellung und Podiumsdiskussion mit dem Titel „Kunststoff – Werkstoff des 21. Jahrhunderts“ unter dem Claim „Plastics shape the Future“. Im Jahr 2019 hat „for Future“ sicherlich ein ganz anderes Ausmaß angenommen, als die Teilnehmer der Veranstaltung erwarten konnten.

Entscheider-Facts

  • Kreislaufwirtschaft ist für die Kunststoffindustrie gleichermaßen Chance und Herausforderung: Plastikmüll lässt sich damit vermeiden und in wertvolle Rohstoff verwandeln.
  • Die tatsächliche Umsetzung erfordert technische Weiterentwicklungen, beispielsweise bei Sortier- und Recyclingverfahren, um wirtschaftlich zu sein.
  • Unternehmen vernetzen sich in internationalen Kooperationen, um Innovationen auszutauschen und Kreislaufwirtschaft im Kunststoffsektor gemeinsam zu ermöglichen.

Colorful Plastic Polymer Granules

Bild: 831days – AdobeStock

Plastiktüten, Kunststoff-Einwegbesteck und Trinkhalme sind in Verruf geraten, zusammen mit einer ganzen Branche, die solche Gebrauchsgegenstände herstellt und vermarktet. Der Claim „Plastics shape the Future“ steht allerdings immer noch, auch auf der K 2019. Die Branche kämpft zwar mit Gegenwind, scheint daraus aber Energie gewinnen zu wollen. Kreislaufwirtschaft ist das Wort der Stunde. Doch während in Deutschland zwar nahezu alles an Plastikabfällen eingesammelt wird, gelangt nur knapp ein Drittel davon tatsächlich in die stoffliche Wiederverwertung, also in Form von Rezyklaten. Der Rest wird entweder „thermisch verwertet“, also verbrannt, oder ins Ausland verschifft.

Kreislaufwirtschaft als Geschäftschance

Insbesondere Letzteres soll sich nun ändern – muss sich ändern, da die bisherigen Abnehmerländer in Südostasien der Reihe nach den Import von Plastikmüll einstellen. Auch in China, Indonesien oder Malaysia wächst das Umweltbewusstsein, und man hat mit dem eigenen Müll genug zu tun. Die Alternativen sind, Kunststoffabfälle möglichst zu vermeiden und den dennoch anfallenden Rest vollständig wiederzuverwerten.

Der VDMA hat dem Thema im Vorfeld der K 2019 eine Serie von Interviews mit mehreren Branchengrößen gewidmet. Alfred Stern, CEO der Borealis, beschreibt darin die aktuelle Situation so: „Für unsere Branche bricht eine neue Ära an. Je früher wir uns auf eine echte Kreislaufwirtschaft einstellen, desto positiver wird sich das auf unser wirtschaftliches Wachstum, auf die Umwelt, auf unsere Kunden und auf die gesamte Gesellschaft auswirken. Wir sehen die Kreislaufwirtschaft auch als Geschäftschance, wir erwarten ein Wachstum des Marktes für rezyklierte Polyolefine.“
Auf die Verwertung von Kunststoff-Rezyklaten als Rohstoff stellen sich auch Größen wie BASF ein. Für den Chemiekonzern bedeutet Kreislaufwirtschaft mehr als bloßes Abfallmanagement. Ziel des Konzerns ist es, Ressourcen so lange wie möglich wiederzuverwenden und so im Kreislauf zu halten, Abfallprodukte zu vermeiden, Produkte möglichst lange zu nutzen und Materialien und Produkte am Ende ihres Lebenszyklus wiederzuverwerten. Die Wertschöpfungskette wird ergänzt, denn der Wert geht mit dem Abfall nicht verloren, sondern wird im Kreislauf geführt. Der Abfall wird zum neuen Rohstoff.

Fortschritte im Recycling-Bereich

Close up hand throwing empty plastic bottle into the trash

Das Sammeln von Kunststoffabfällen funktioniert in Deutschland bereits, aber vollständige Kreislaufwirtschaft ist noch weit entfernt. Bild: Witthaya – AdobeStock

Um diesen Rohstoff wirtschaftlich zu nutzen, sind jedoch noch wichtige Fortschritte nötig: „Aktuell ist es so, dass aufbereitetes Granulat teurer ist als Neuware. Die Motivation aus wirtschaftlicher Sicht ist also eher gering, dieses zu verwenden“, erklärt Thomas Herrmann, CEO von Herrmann Ultraschalltechnik. Um Kunststoffabfälle zu hochwertigen Rezyklaten verarbeiten zu können, sind beispielsweise leistungsstarke Sortiersysteme notwendig.

Eine Neuerung in diesem Bereich ist zum Beispiel das Sortieren von schwarzen Kunststoffen. Da die Sortierung von Kunststoffgemischen häufig mittels Infrarot-Erkennung geschieht und schwarzes Plastik in diesem Bereich nahezu unsichtbar bleibt, waren solche Materialien bislang eine Herausforderung für das Recycling. Grund sind die in der Regel auf Ruß basierenden Pigmente, mit denen die Kunststoffe gefärbt sind. Die Masterbatch-Hersteller Clariant und Ampacet haben als Alternative jeweils eigene Pigmente entwickelt, die im Infrarotbereich deutlich erkennbar sind. Damit pigmentierte Kunststoffe lassen sich einfacher sortieren und somit wiederverwerten.

Ein weiterer Ansatz, der an Bedeutung gewinnt, ist das chemische Recycling. Dies bedeutet, dass verschiedene Kunststoffe nicht mechanisch voneinander getrennt, gereinigt, eingeschmolzen und aufbereitet werden. Stattdessen geschieht die Trennung auf chemischem Weg mit geeigneten Lösungsmitteln. Dadurch soll der Prozess für viele Kunststoffe wirtschaftlicher werden und zudem reinere Produkte liefern. Erste erfolgreiche Demonstrationsanlagen existieren bereits.

Internationale Kooperationen

Viele Unternehmen haben sich international miteinander vernetzt, um den Übergang zur Kreislaufwirtschaft nicht allein bewältigen zu müssen. So ist zum Beispiel das New Plastics Economy Global Commitment der Ellen MacArthur Stiftung zu einem wichtigen Abkommen geworden, um die Transformation des Kunststoffverpackungssektors zu unterstützen. Der 2018 gegründeten Initiative geht es darum, unnötige Verpackungen zu vermeiden und dafür Sorge zu tragen, dass bis 2025 alle Kunststoffverpackungen wiederverwendet, recycelt oder kompostiert werden. Über 400 Organisationen haben das globale Engagement inzwischen unterzeichnet. Im aktualisierten Bericht vom Juni 2019 bekennen sich 50 Marken und Einzelhändler zu dem Ziel, mehr recycelte Kunststoffe einzusetzen. Konsumgüterunternehmen und Einzelhändler verpflichten sich, den Anteil der recycelten Inhaltsstoffe in ihren Verpackungen bis 2025 auf durchschnittlich 25 % zu erhöhen, verglichen mit dem derzeitigen globalen Durchschnitt von nur 2 %. Zu den Mitgliedern zählen große Namen wie Henkel, Carrefour, Colgate Palmolive, Danone, L’Oréal, Mars, Nestlé, The Coca-Cola Company und Unilever.

Ambitioniert ist auch das Ziel der Anfang 2019 gegründeten „Alliance to End Plastic Waste“. Deren Mitglieder decken gemeinsam die gesamte Plastik-Wertschöpfungskette ab, von Rohstofflieferanten wie Shell über Chemieriesen wie BASF und Dow und Kunststoffhersteller wie Covestro, bis hin zu Konsumgüter-Anbietern wie Henkel und Procter&Gamble. Der Zusammenschluss von mittlerweile 39 Mitgliedern will insbesondere den Eintrag von Plastikmüll in die Ozeane beenden und vollständige Kreislaufwirtschaft fördern. Dazu sollen in den kommenden fünf Jahren mindestens 1,5 Mrd. US-Dollar in Forschung, Start-ups und Förderprogramme fließen, die schnell und nachhaltig die Beseitigung von Plastikmüll und vollständige Kreislaufwirtschaft ermöglichen.

Heftausgabe: Oktober/2019
Ansgar Kretschmer, Redaktion

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