Pusteblumen zu Autoreifen

Löwenzahn als Kautschukquelle

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13.12.2013 Das wäre eigentlich ein passendes Thema für Peter Lustig gewesen: Autoreifen, ein Ärgernis für alle Umweltbewussten.

Entscheider-Facts


Für Raser mit grünem Gewissen

  • Reifenhersteller und Fraunhofer Institut arbeiten an einer alternativen Rohstoffquelle zur Reifenproduktion: Löwenzahn liefert qualitativ gutes Kautschuk und punktet durch den Anbau in Deutschland bei der Logistik.
  • Löwenzahn ist weitgehend wetterunabhängig, nur wenig anfällig für Schädlinge und die eigens für das Projekt gezüchtete Sorte sehr ertragreich.
  • Die Bauarbeiten für eine erste Versuchsanlage im Tonnenmaßstab sind bereits im Gange, gleichzeitig wollen die Beteiligten schon in den kommenden Jahres erste Fahrversuche auf öffentlichen Straßen starten.

Nicht nur sind es die schwarzen Gummiringe, die abgaserzeugenden Fahrzeugen und Flugzeugen die nötige Bodenhaftung ermöglichen, um die aus stinkenden Verbrennungsmotoren gewonnen Energie auf die Straße zu bringen oder den Schwung eben jener wieder abzubremsen. Sie selbst sind auch – zu großen Teilen – aus fossilen Rohstoffen gefertigt und am Ende ihres kilometerfressenden Arbeitseinsatzes Abfall, dem nur vereinzelt in Zoos und Spielplätzen ein friedlicheres zweites Leben als Schaukel oder Sitzgelegenheit vergönnt ist. Doch Forscher des Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie (IME) sowie der Reifenhersteller Continental arbeiten gerade an einer umweltfreundlichen Alternative zu den bisher verfügbaren Rohstoffquellen Gummibaum und Erdöl. Und damit kommen wir wieder zu Herrn Lustig vom Beginn, denn der Ausgangsstoff für den Reifen der Zukunft heißt wie die Sendung, die den latzhosentragenden Onkel im Bauwagen berühmt gemacht hat: Löwenzahn.

Warum in die Ferne schweifen?
Nachhaltigkeit, ein von der Tagespolitik in Berlin (und überall dort, wo ein Mikrofon gerade das Pech hat, eingeschaltet zu sein) leicht überstrapazierter Begriff, ist es, die der Reifenproduzent und Forscher anstreben: „Mit diesem Löwenzahn-Projekt machen wir einen großen Schritt auf dem Weg zu unserem langfristigen Ziel, die Produktion von
Pkw-, Lkw-, Spezial- und Fahrrad-Reifen komplett ohne fossile Materialien zu erreichen“, erklärt Dr. Boris Mergell, Leiter der Material- und Prozesstechnik für Reifen von Continental. Mit DNA-Markern konnten die beteiligten Wissenschaftler den Löwenzahn entschlüsseln und bestimmen, welches Gen für welches Merkmal der Pflanze verantwortlich ist. „Die Züchtung von besonders ertragreichen Pflanzen ist so wesentlich effizienter möglich“, beschreibt Projektleiter Prof. Dr. Dirk Prüfer den bisher erzielten Fortschritt. Dem voraus gingen Jahre der Grundlagenforschung, mit der die Forscher beweisen konnten, dass der aus Löwenzahn gewonnene Kautschuk nicht nur die gleiche Qualität wie der aus einem Gummibaum gewonnene Rohstoff hat, sondern in einer eigens gezüchteten Variante sogar ertragreicher und robuster ist; das exotische Original also überflügelt. Weiterer Vorteil der bisher vor allem als Unkraut bekannten Pflanze: Im Vergleich zu Kautschukbäumen kann Löwenzahn günstiger gezüchtet als auch geerntet werden. Und das vor allem auch in Deutschland. Denn hinter der Entwicklung stecken natürlich nicht nur Gedanken des Umweltschutzes. Der Rohstoff aus Pusteblume würde die bisherigen Lieferwege deutlich verkürzen (und damit verbilligen), theoretisch könnte ein künftiges Anbaugebiet direkt vor den Werkstoren des Verarbeiters liegen. Damit spart der Reifenhersteller Transportkosten und ist gleichzeitig unabhängig von der Erntesituation der subtropischen Kautschuk-Anbaugebiete sowie von fossilen Rohstoffen. Letztere stellen heute bereits einen Großteil der Ausgangsstoffe für die Reifenherstellung bereit, da die bisherige Naturvariante den globalen Bedarf alleine nicht mehr decken kann.

Vom Unkraut zum Nutzkraut
Der wetterunabhängige und agrarisch anspruchslose Löwenzahn kann theoretisch überall da angebaut werden, wo sich heute nur brachliegendes Ackerland befindet. Um das Verfahren im großen Maßstab abbilden zu können, haben Continental und das Fraunhofer IME an deren Standort Münster gerade mit dem Bau einer Pilotanlage begonnen, die den Naturkautschuk im Tonnenmaßstab produzieren soll. Den Rohstoff liefern mehrere Hektar Anbaufläche, auf der die beteiligten Forscher eine  besonders kautschukhaltige Löwenzahnsorte anbauen. Bis dato kommt nur eine russische Variante in Frage; denn sie allein weist genügend große Mengen Kautschuk in ihrem Latexsaft auf. Die Suche nach der optimalen Variante Löwenzahn ist allerdings noch nicht abgeschlossen, und so arbeiten die Wissenschaftler zeitgleich an neuen Sorten, die das bisherige an Kautschukgehalt und Biomasseertrag noch einmal übertreffen sollen. Schon jetzt steht aber fest, dass der Löwenzahn dem klassischen Gummibaum gleich auf mehreren Feldern überlegen ist: Seine Vegetationsperiode dauert, im Gegensatz zu seinem südländischen Konkurrenten, nicht mehrere Jahre, sondern ist jedes Jahr aufs Neue zu ernten. Gleichzeitig ist das Wildkraut, das sich gerade zur Nutzpflanze mausert, weniger anfällig für Schädlinge. Womit sich auch der Verbrauch von Pestiziden, mit all seinen Folgen für Umwelt und Geldbeutel des Verarbeiters, verringert.

Grüne Bremsspuren?
Doch nicht nur auf der grünen Wiese läuft die Arbeit auf Hochtouren. Schon in den kommenden Jahren sollen sich die ersten Testreifen in den Asphalt öffentlicher Straßen verbeißen und ihre Alltagstauglichkeit unter Beweis stellen. Und auch wenn diese dann nicht bei jeder Vollbremsung den Duft frisch gemähter Grünflächen verbreiten werden, so sind Deutschlands Straßen ab diesem Moment doch wieder ein Stückchen ökologischer geworden. Schade eigentlich, dass Peter Lustig sich bereits im Jahr 2005 in den Ruhestand verabschiedete. Sonst hätte er stilecht mit Reifen auf Löwenzahnbasis dem Sonnenuntergang entgegenrollen können. Seinem Nachfolger könnte dies wohl aber gelingen.  

Den Link zum Projekt finden Sie hier.

Heftausgabe: Dezember 2013

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pb
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