Industrie nimmt Revolution in die eigene Hand

Lokale Frequenzen für den 5G-Ausbau am Standort

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09.05.2019 Mobilfunktechnologie mit Revolutionspotenzial: Durch 5G sollen die Industrie 4.0 und das Internet der Dinge endlich so richtig Fahrt aufnehmen. Viele Unternehmen wie der Chemiekonzern BASF wollen nicht auf den flächendeckenden Ausbau durch die Mobilfunkbetreiber warten und setzen an ihren Standorten auf innerbetriebliche 5G-Netze.

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Entscheider-Facts für Betreiber

  • 5G-Mobilfunk gilt als Schlüsseltechnologie für die Industrie 4.0. Viele digitale Anwendungen werden erst durch die schnellere Datenübertragung per 5G möglich.
  • Neben der Versteigerung der nationalen Mobilfunklizenzen will die Bundesnetzagentur auch lokale Frequenzen an Industrieunternehmen vergeben.
  • Firmeneigene Netze versprechen mehr Datensicherheit sowie eine höhere Netzqualität. Die Unternehmen müssen außerdem nicht auf den Ausbau durch die Mobilfunkbetreiber warten.

Telecommunications tower

Um standortinterne Netze aufzubauen, wollen Industrieunternehmen in Zukunft eigene 5G-Mobilfunkmasten errichten. Bild: pedrosala – AdobeStock

Neben der teuren Versteigerung der bundesweiten 5G-Lizenzen stellt die Bundesnetzagentur nämlich auch einen eigenen Frequenzbereich für lokale Anwendungen zur Verfügung. Die Behörde zielt dabei ganz ausdrücklich auf „industrielle und mittelständische Geschäftsmodelle“ ab. Mit den lokalen Frequenzen könnten Unternehmen Netze ganz nach dem eigenen Bedarf aufbauen. Anders als bei der der bundesweiten Vergabe will die Bundesnetzagentur die lokalen Frequenzen dabei nicht versteigern, sondern Interessierten auf Antrag zuteilen. Das Antragsverfahren soll in der zweiten Jahreshälfte 2019 beginnen. Ganz zum Missfallen der großen Mobilfunkbetreiber, die nicht nur die privaten Smartphone-Nutzer mit 5G versorgen, sondern auch ein großes Stück vom Kuchen der lukrativen Industriekunden abhaben wollen.

„Voraussetzung für die erfolgreiche Digitalisierung“

Denn die Industrie erwartet sich von der 5G-Technologie große Fortschritte für die eigene Produktion – insbesondere durch eine schnellere Datenkommunikation. So nutzt etwa die BASF freilich bereits heute drahtlose Kommunikation über WLAN. „Das ist aber für uns aufwendig zu installieren und ermöglicht keine Echtzeitkommunikation“, erläutert Martin Schwibach, Director Connectivity des Chemiekonzerns, bei Zeit Online.

Stammwerk der BASF Gruppe - Ludwigshafen / Headquarters of the BASF Group - Ludwigshafen

Am BASF-Standort Ludwigshafen könnte die Zahl der Sensoren und Aktoren bald in die Millionen gehen – um diese zu vernetzen, braucht es 5G. Bild: BASF

Momentan habe das Unternehmen im Stammwerk Ludwigshafen rund 600.000 Sensoren und Aktoren im Einsatz. „Durch die Digitalisierung könnten es zehnmal so viele werden. Und die Geräte werden teilweise ohne zwischengeschaltete Steuerung miteinander kommunizieren“, hofft Schwibach. Die dafür notwenige Menge an Daten zu übertragen, ist mit den derzeit eingesetzten Technologien unmöglich – dafür braucht es 5G. Der neue Mobilfunkstandort könnte auch dabei helfen, mehr Mitarbeiter mit Tablets oder Augmented-Reality-Brillen auszustatten. Das verspricht vor allem für die Instandhaltung der Anlagen und Maschinen einen großen Nutzen.

Auch für den VDMA ist 5G eine „Voraussetzung für die erfolgreiche Digitalisierung“. Denn nicht nur für Chemiekonzerne, sondern auch für die Maschinenbauer ist die Technik von entscheidender Bedeutung – nicht nur an ihren Produktionsstandorten. Viele Unternehmen der Branche zeigten auf der Hannover Messe 2019 verschiedene Anwendungsbeispiele von 5G, um die Nutzwerte für die Industrie erlebbar zu machen. Die Messe hatte zu diesem Zweck erstmals eine eigene „5G-Arena“ eingerichtet.

5G-fähige Technik soll möglichst schnell kommen

In Hannover mit dabei war auch der Technologiekonzern Bosch. Dort hält man große Stücke auf die neue Technologie. „Wir bereiten unsere Produkte bereits auf 5G vor. Da geht es um Roboter, Maschinen und Maschinensteuerungen“, verriet der für die Industriesparte zuständige Geschäftsführer Rolf Najork der DPA. Bereits im Herbst 2019 will der Konzern neue 5G-fähige Automatisierungstechnik für die Kunden vorstellen.

Die Übertragungstechnologie scheint also klar. Jedoch löst dies immer noch nicht die Frage, mit welcher gemeinsamen Sprache die Maschinen in Zukunft untereinander kommunizieren sollen. „Wir brauchen Standards bei der Automatisierung, sonst werden wir den nächsten Schritt bei Industrie 4.0 nicht machen können“, meint Najork.

Beim 5G-Ausbau ebenso wichtig ist für Bosch das Thema Sicherheit. In der Diskussion um die Frage, ob man chinesische Unternehmen wie Huawei am Aufbau des 5G-Netzes beteiligen oder – wie es die USA planen – davon ausschließen sollte, bleibt Najork jedoch eher gelassen: „Für alle Netzwerkausrüster und Technologieprovider gelten die gleichen hohen Sicherheitsanforderungen, unabhängig vom Herkunftsland.“ Um mögliche Sicherheitsbedenken aus dem Weg zu räumen, hat Huawei zuletzt sogar dem deutschen Innenministerium ein „Antispionage-Abkommen“ angeboten.

Industrial 4.0 , Augmented reality concept. Hand holding tablet with AR service , maintenance application and calling technician for check destroy part of smart machine in smart factory background.

5G ermöglicht zum Beispiel den Ausbau von industriellen Augmented-Reality-Konzepten. Bild: zapp2photo – AdobeStock

Eigene Netze versprechen höhere Verfügbarkeit und Sicherheit

Das Thema Datensicherheit ist ein entscheidender Grund, wieso viele Unternehmen planen, nicht auf die großen Mobilfunkbetreiber zu setzen, sondern eigene 5G-Netz aufzubauen. Diese stellten sicher, die „Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Integrität unserer Daten wahren können“, wie etwa die BASF gegenüber der DPA verlauten ließ. Einen ähnlichen Ton schlägt der Automobilkonzern Daimler an: Für das Unternehmen sei es wichtig, „sensible Produktionsdaten nicht Dritten zur Verfügung stellen zu müssen“. Neben BASF und Daimler plant unter anderem auch Siemens den Aufbau eigener Netze. Deren genauer Standort werde derzeit noch geprüft.

Ein weiterer Vorteil lokaler Netze neben der Sicherheit besteht darin, nicht erst auf den Ausbau des 5G-Netzes durch die großen Mobilfunkbetreiber warten zu müssen – denn der Zeitpunkt dafür sowie die tatsächliche Netzabdeckung vor Ort bleiben noch ungewiss. Wer stattdessen eigene Frequenzen erwirbt, kann gegebenenfalls auch schon früher loslegen. Für BASF etwa liegt der Reiz an einem Standortnetz darin, „dass wir über den Zeitpunkt des Ausbaus und die Qualität des 5G-Netzes entscheiden“. Offen lässt der Chemiekonzern dabei noch, mit welchen Partnern die BASF dabei zusammenarbeitet. Möglicherweise wird es ein Technologieausrüster oder ein kleineres mittelständisches Unternehmen aus dem Mobilfunkbereich sein. Auch die Vergabe des Auftrags für den lokalen Netzaufbau an einen Provider sei möglich – ein Hoffnungsschimmer also für Telekom, Vodafone und Co., vielleicht doch noch einen Fuß in die Tür für den industriellen 5G-Markt zu bekommen.

VCI fordert Versorgungssicherheit bei Strom und 5G-Mobilfunk

Heftausgabe: Mai/2019
Jona Göbelbecker, Redaktion

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Jona Göbelbecker, Redaktion
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