Juni 2013
| von Armin Scheuermann, Redaktion
Bild: © chriskuddl/zweisam - Fotolia.com

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Die Guillotine brachte den harten Schnitt. Sie färbte nicht nur das hölzerne Schafott rot, sondern revolutionierte auch die Farbpalette der bürgerlichen Kleider. Denn bis zur französischen Revolution waren Farben ein Luxus, der lediglich der adligen, kirchlichen und reichen Obrigkeit vorbehalten war. Rot trugen im Mittelalter zum Beispiel ausschließlich Könige, Kardinäle, Richter und Henker, später auch Soldaten – die Herrscher über Leben und Tod. Schon die römischen Kaiser nahmen für sich das exklusive Privileg in Anspruch, mit Purpur gefärbte Gewänder zu tragen. Ein Luxus, der pro Gramm Farbstoff rund 8.000 Purpurschnecken die Existenz ihres primitiven Nervensystems kostete.
Dass das Großchemie-Dreigestirn aus Bayer, Hoechst und (zwei Jahre später) BASF vor 150 Jahren mit Farbstoffen begann, kam nicht von ungefähr: Die starre gesellschaftliche Ordnung in Europa war in Folge der französischen Revolution und den napoleonischen Feldzügen in Auflösung begriffen. Bürger und Arbeiter griffen nicht nur nach der Macht, sondern auch nach dem Farbenprivileg – sichtbares Zeichen einer neuen (Kleider-)Ordnung. Doch lediglich der aus Indien stammende blaue Indigo-Farbstoff war einigermaßen erschwinglich. Bis es findigen Chemikern wie August Wilhelm Hofmann Mitte des 19. Jahrhunderts gelang, aus Teer  den Chemierohstoff Anilin zu gewinnen und daraus Anilinfarben zu machen.
1863 gründeten die Chemiker Eugen Lucius und Adolf Brüning die Farbwerke von Höchst am Main, im selben Jahr starteten der Kaufmann Friedrich Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott in Wuppertal-Barmen ihre Fuchsinproduktion, und der Goldschmied Friedrich Engelhorn gründete im April 1865 schließlich gemeinsam mit den beiden Chemikern Carl und August Clemm in Mannheim die „Badische Anilin- & Soda-Fabrik“. Heute ist für uns eine Vielzahl von synthetischen Farben selbstverständlich. Dennoch hat die Erkenntnis des Dichters Gotthold Ephraim Lessing Bestand: „Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist ein Maler.“[AS]

Indigoblau
Bevor synthetisches Indigo zur Grundlage des „blauen Antons“ oder der Blue Jeans wurde, war das Blaufärben ein mühsames und leberschädliches Unterfangen: In Europa wurden dazu Blätter des Färberwaids mit menschlichem Urin vergärt. Beschleunigend wirkte die Zugabe von Alkohol, der den Färbern am liebsten erst über die Nieren lief. Die zu färbenden Stoffe wurden häufig sonntags mehr als einen halben Tag in das Färbebad eingetaucht und danach an der Luft getrocknet. Entsprechend machten die Färber am Montag nicht nur blau, sondern waren auch blau.

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