Besonders die US-amerikanischen Ölförderer leiden unter dem in der Corona-Krise eingebrochenen Ölpreis. Die Sorte WTI kostete erstmals weniger als Null Dollar. (Bild: Michael Rosskothen – Fotolia)

Besonders die US-amerikanischen Ölförderer leiden unter dem in der Corona-Krise eingebrochenen Ölpreis. Die Sorte WTI kostete erstmals weniger als Null Dollar. (Bild: Michael Rosskothen – Fotolia)

| von Ansgar Kretschmer

Trotz der vor rund einer Woche beschlossenen Förderbremse der Opec+-Staaten setzt der Ölpreis seinen Abwärtstrend fort: Der Preis für die amerikanische Referenz-Sorte WTI fiel gestern tatsächlich vorübergehend unter Null. Der Rekord-Minusstand betrug fast 40 Dollar, derzeit pendelt der Preis im Bereich von wenigen Cent pro Barrel um den Nullpunkt. Aufgrund der Corona-Krise lahmt die Wirtschaft, so dass der Energiebedarf und damit der Ölverbrauch extrem nachgelassen haben. Dadurch drohen nun Probleme durch die begrenzte Lagerkapazität: An den großen Umschlagplätzen füllen sich die Tanks dramatisch schneller, als das Öl im Moment verkauft, verschickt und verbraucht werden kann. In Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma, dem größten Handelsplatz für die Ölsorte WTI, sind Kapazitäten Anfang Mai erschöpft, wenn es so weitergeht. Zusätzliche Lagerkapazitäten lassen sich kurzfristig nur auf Tankschiffen anmieten, die zurzeit ohnehin weniger ausliefern. So wird es wirschaftlicher, das Öl zu verschleudern als zu lagern.

Hoffnungsschimmer Brent

Auffällig ist die relativ hohe Schere zwischen WTI und der Nordseesorte Brent. Deren Preis liegt im Moment zwar auch so niedrig wie seit über 20 Jahren nicht mehr, ist mit rund 25 US-Dollar pro Barrel aber noch deutlich von negativen Preisen entfernt. Der europäische Markt wird somit zur Hoffnung für die amerikanischen Ölproduzenten, wenn sie ihre Lieferungen nach Europa ausweiten können. Ein Grund für den Preisunterschied ist die Ölflut aus den US-amerikanischen Fracking-Bohrungen im Vergleich zur Förderung in der Nordsee. Fracking hatte noch vor ein paar Monaten die USA zum Netto-Ölexporteur gemacht. Diese hohe Produktion rächt sich nun, angesichts der unzureichenden Förderbremse. Zwar können diese Ölquellen bei den derzeitigen Preisen kaum wirtschaftlich arbeiten, sie können aber auch die Pumpen nicht ohne weiteres stoppen. Erste Fracking-Unternehmen sind durch die momentane Lage akut von der Insolvenz bedroht, manche Prognosen sehen bereits den gesamten Industriezweig in Gefahr.

Die um knapp 10 Mio. Barrel/d gedrosselte Förderung der großen Rohölproduzenten reicht einfach nicht aus, um den Preis stabil zu halten. Im April 2020 liegt der weltweite Bedarf rund 30 Mio. Barrel/d niedriger als im Vorjahr, schätzt die Internationale Energieagentur IEA. Die Erdölförderung müsste global also rund dreimal so stark gedrosselt werden, um einen dämpfenden Effekt zu erzielen. Die Einigung der OPEC+, insbesondere zwischen Saudi Arabien und Russland, kam außerdem zu spät, um das schlimmste zu vermeiden. Zwar befürworten mittlerweile auch die USA eine globale Förderbremse, nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten lange auf möglichst billigem Öl bestanden hatte. An der Vereinbarung, weniger Öl zu fördern, beteiligen die USA sich jedoch nicht.

Ein Profiteur des niedrigen Preises könnte China sein. Der Staat ist der größte Abnehmer der Welt und kann nun günstig seine Vorräte aufstocken, was beim erhofften Aufschwung nach der durch die Pandemie erlahmten Konjunktur helfen dürfte. In ähnlicher Weise wollen auch die USA das Beste aus der Lage machen und 75 Mio. Barrel Rohöl aufkaufen, um ihre strategischen Reserven aufstocken. Präsident Trump bezeichnete es als „eine tolle Zeit, um Öl zu kaufen.“ (ak)

Chemiekonjunktur – Ausblick 2020 und Rückblick 2019

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