Travel mania

(Bild: Travel mania – stock.adobe.com)

  • Seit Mitte der 80er Jahre gibt es in der Lieferkette vieler Chemikalien einen Trend nach China und Indien, der sich in den letzten Jahrzehnten weiter verstärkt hat.
  • Die westliche Chemieindustrie hat ihre Prozesse und Geschäftsmodelle an diese Entwicklung inzwischen gut angepasst.
  • Seit nunmehr fünf Jahren haben sich jedoch Veränderungen ergeben, die sich immer stärker auf die Supply Chain der Chemiebranche auswirken – etwa was Transportkosten oder Umweltvorschriften angeht.

Der Kurs in Richtung Osten war in erster Linie auf die günstigeren Produktionskosten in China oder Indien zurückzuführen, und zwar aufgrund von niedrigen Rohstoffpreisen, einer billigeren Anlagenbasis im Vergleich zu Fabriken im Westen sowie niedrigeren Umwelt- und Regulierungsstandards. Dieser Trend hat sich in den letzten drei bis vier Jahrzehnten verstärkt. Die niedrigere Qualität, die anfangs zu niedrigeren Preisen führte, wandelte sich in vielen Industriezweigen – etwa bei Farbstoffen und Pigmenten, Tensiden, Zwischenprodukten, Additiven sowie einer breiten Palette von Kunststoffen – zu einer „ausreichenden Qualität“. Die Folgen waren für die meisten Betriebe, insbesondere im Westen, drastisch. Sie veränderten die Prozesskette fast aller Produkte und damit auch die Wertschöpfungskette. Werke wurden geschlossen.
Diese Veränderung der Lieferkette war anfangs ein Schock, wurde aber Ende der 90er Jahre zur „neuen Normalität“, und viele Unternehmen verlagerten ihre Anlagen ebenfalls nach Asien. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte sich die Branche an die chinesische und indische Konkurrenz gewöhnt, und so sah sich die chemische Welt einem stärkeren globalen Wettbewerb gegenüber. Mit der Zeit kam es zu einem gewissen Gleichgewicht: Chinesische Produkte wurden verbessert und über Händler im Westen vermarktet, westliche Unternehmen bauten Anlagen im Osten, um ihren globalen Markt zu bedienen, und viele Zwischenprodukte, die „reisen“ konnten, wurden von chinesischen und indischen Herstellern dominiert.

Handelsbilanz zwischen der EU und China bzw. USA von 2000 bis 2020.
Handelsbilanz zwischen der EU und China bzw. USA von 2000 bis 2020. (Bild: Proventis, Daten: Eurostat)

Das „New Normal“ verändert die Landschaft der Chemieindustrie

Die westliche Chemieindustrie passte ihre Prozesse und Geschäftsmodelle an, begann zunächst abzuwehren und steigerte dann die Effizienz im globalen Spiel.
Seit nunmehr fünf Jahren haben sich in diesem Zusammenhang jedoch Veränderungen ergeben, die sich langsam, aber stetig auf die Supply Chain der Chemiebranche auswirken:

  • Über viele Jahre waren die SGU-Standards und die regulatorische Kontrolle in China niedrig. Im Jahr 2018 startete die chinesische Regierung die „Blue Sky Initiative“, die zu einer staatlich veranlassten Schließung vieler kleiner bis mittelgroßer Anlagen führte. Einige größere Hersteller mussten ebenfalls schließen, konnten aber ihre Anlagen aufrüsten oder wurden aufgrund ihrer Größe von den Behörden toleriert, solange sie Verbesserungen im SHE-Bereich vorweisen konnten.
  • Der Handelskrieg zwischen den USA und China führte zu Einschränkungen bei den Ausfuhren aus China, zumindest in die USA. Ein Teil dieses Angebots wurde von westlichen Unternehmen kompensiert, die jedoch unter den Unterbrechungen der Supply Chain aufgrund der Blue-Sky-Initiative zu leiden hatten.
  • Der erhebliche Anstieg der Transportkosten, vor allem aufgrund des Mangels an Schiffen und Werften zugleich.
  • Die steigenden Kosten in Indien und China aufgrund von Änderungen der Rechtsvorschriften und des Umweltschutzes sowie des höheren Lebensstandards, insbesondere in China.
  • Die Umstellung vieler Rohstoffe auf erneuerbare Energien, die durch die sichtbaren Klimaveränderungen vorangetrieben wird, die zu Regierungsinitiativen und Vorschriften geführt haben, um die Treibhausgasemissionen bis 2030 in der EU um 40 % zu reduzieren.
  • Die Covid-Realität, die sich seit zwei Jahren auf die Lieferketten auswirkt.
Welt-Container-Index: Eine gewichtete Frachtratenbewertung von acht wichtigen Ost-West-Verkehren.
Welt-Container-Index: Eine gewichtete Frachtratenbewertung von acht wichtigen Ost-West-Verkehren. (Bild: Proventis)

Im Einzelnen: Die Veränderung der Logistikwelt und der Verfügbarkeit von Schiffen hat und wird erhebliche Auswirkungen auf die Frachtraten haben – sie werden nicht zu den Preisen von vor fünf Jahren zurückkehren. Zudem ist die globale Zuverlässigkeit laut dem GLP Report von Sea Intelligence von über 70 % im Jahr 2018 auf unter 50 % im Jahr 2020 und auf 30 % im Jahr 2021 gesunken. Dies ist nicht nur auf die Pandemiekrise zurückzuführen, sondern hängt vielmehr mit der begrenzten Verfügbarkeit von Schiffen und der Überbuchung von Kapazitäten zusammen – es kommt zu Unterbrechungen der Supply Chain. Dies wird keine Ausnahme bleiben, während die Zahl der zur Deckung der Nachfrage produzierten neuen Schiffe von 117 im Jahr 2011 auf 23 im Jahr 2021 zurückging, wobei gleichzeitig jedes Jahr fast 50 % der Schiffe mit einer Kapazität von mehr als 100 t außer Dienst gestellt werden. Die Schließung von Werften in den letzten zwei Jahrzehnten wird eine schnelle Erholung der für die chemische Industrie wichtigen Kapazitäten behindern, zumindest jedoch merklich verlangsamen.

Globale Kohlenstoffnachfrage f
(Bild: Proventis, Daten: Nova Institute)

Heute gibt es 450 Mio. t an kohlendioxidgebundenen Chemikalien. 85 % davon basieren auf fossilen Brennstoffen, der Rest auf Biomasse und Recycling. Es wird geschätzt, dass diese Zahl bis 2050 auf 1.000 Mio. t ansteigen wird, das heißt, die Kohlenstoffproduktion auf Basis erneuerbarer Energieträger muss um den Faktor 15 steigen. Außerdem wird damit gerechnet, dass der Markt für pflanzliche Stoffe bis 2026 ein Volumen von 85 Mrd. US-Dollar haben wird. Es laufen zahlreiche Projekte, und viele Technologien werden wiederbelebt oder neue Technologien, die auf bekannten Prinzipien beruhen, befinden sich in einem frühen Stadium, um biologische Rohstoffe in Chemikalien umzuwandeln.

Zusätzlicher Bedarf an Rohstoffen aus fortschrittlichen Biokraftstoffen der zweiten Generation im Vergleich zu 2019
Zusätzlicher Bedarf an Rohstoffen aus fortschrittlichen Biokraftstoffen der zweiten Generation im Vergleich zu 2019. (Bild: Proventis, Daten: CME Group/Reuters)

Ein Beispiel ist Rizinusöl als Ersatzstoff für die Kunststoff-Produktion. Es wird geschätzt, dass der Weltmarkt für biogene Kunststoffe bis 2025 ein Volumen von 28 Mrd. USD bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 26 % erreicht. Das Problem ist, dass Rizinusöl heute weitgehend nur aus Indien erhältlich ist und dass die Pflanze sehr empfindlich auf Klimaveränderungen reagiert. Um sie in größerem Umfang für die chemische Industrie zu nutzen, müssen nicht nur Probleme wie Ertrag/Einheit gelöst werden, sondern auch die Verfügbarkeit in anderen Regionen. Daraus ergibt sich der Bedarf an leicht zugänglichen Pflanzen oder Nebenprodukten, die nicht von weit her importiert werden können, sondern in der Region auf effiziente Weise angebaut werden. So kann eine veränderte Supply Chain für diese Art von Produkten geschaffen und die Etablierung chemischer Produkte auf den Märkten sichergestellt werden.

Auswirkungen einer veränderten Supply Chain und ihre Folgen für M&A

Alle diese Auswirkungen und Herausforderungen der Supply Chain werden sich auf die Unternehmen und den Markt für Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A) auswirken.
Die wichtigsten Veränderungen werden sein:

  • Ein Wandel in der Betriebswelt: Mehr Unternehmen werden Alternativen zu China und Indien prüfen,
  • Händler müssen ihre Geschäftsmodelle neu überdenken und sich diversifizieren,
  • Chemieunternehmen müssen ihre Lieferketten im Hinblick auf die Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien überdenken,
  • Agrarunternehmen und Landwirte werden in Zukunft eine andere Position einnehmen, indem sie zu wichtigen Lieferanten und strategischen Partnern werden.

Dies wird sich auf die gesamte Chemieindustrie sowie auf die Transport- und Energieversorgung auswirken. In der Chemieindustrie wird dies in erster Linie folgende Akteure betreffen:

  • kleine bis mittelgroße Unternehmen, die sich genauso schnell wandeln müssen wie große Unternehmen, aber nicht über ausreichende Entwicklungsressourcen oder ein diversifiziertes Portfolio verfügen,
  • CMO, CDMO sowie Feinchemikalien- und API-Hersteller, die sie sich sehr stark auf Zwischenprodukte und den Betrieb in Asien konzentrieren,
  • Distributoren, bei denen manche ihrer Zulieferer nicht mehr wettbewerbsfähig sein werden, um zusätzliche Margen zu erzielen,
  • Landwirtschafts- und Agrarunternehmen, die zu „game changers“ werden.

Diese Veränderungen in der Supply Chain werden nicht nur das Wachstum der zirkulären Chemie antreiben, sondern auch die Notwendigkeit, in M&A aktiver zu werden, insbesondere für die oben genannten Unternehmensgruppen. Darüber hinaus werden strategische Partnerschaften von Chemieunternehmen zur Sicherung der Versorgung mit den begrenzten Mengen an erneuerbaren Energien der Schlüssel zum Erfolg und zu einer weiteren Transformation der Branche sein.
In den letzten zwölf Monaten gab es eine zunehmende Zahl von Transaktionen in den betreffenden Bereichen. Viele Unternehmen suchen nach Möglichkeiten, durch mutige Übernahmen schneller in den Bereich der erneuerbaren Energien vorzudringen, und Agrarunternehmen kommt die steigende Nachfrage aufgrund der wachsenden Bevölkerung zugute, und sie können zudem von der veränderten Rohstoffnachfrage der Chemieindustrie profitieren.

Im Artikel Gasmangellage – Lieferketten vor dem perfekten Sturm, der in unserer Schwesterzeitschrift Produktion erschienen ist, erfahren Sie, wie sich ein Gasmangel auf die Lieferketten auswirken würde.

Sie möchten gerne weiterlesen?

Registrieren Sie sich jetzt kostenlos:

Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.

Mit der Registrierung akzeptiere ich die Nutzungsbedingungen der Portale im Industrie-Medien-Netzwerks. Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie sind bereits registriert?