Simultan statt seriell

Paralleles Anlagen-Engineering mit universellem Datenmodell

17.05.2018 Höhere Produktivität im Anlagenbau bedeutet: entweder schneller arbeiten, oder parallel. Doch Letzteres führte bislang häufig zu teuren Informationsverlusten. Aucotec will den Knoten nun durchschlagen und hat dazu seine Plattform Engineering Base so erweitert, dass sämtliche Kerndisziplinen in einem Datenmodell vereint werden.

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Entscheider-Facts für Planer

  • Bei der Planung von Anlagen werden meist unterschiedliche Engineering-Werkzeuge nacheinander eingesetzt. Um die Produktivität zu erhöhen, müssen die Vorgänge parallelisiert werden.
  • Mit Engineering Base 2018 hat Aucotec das einheitliche Datenmodell in seiner Engineeringsoftware erweitert, sodass jetzt alle Kerndisziplinen für das Engineering vereint werden können.
  • Das System deckt alle Disziplinen vom Front End Engineering Design (FEED) über die Detailplanung und Automation bis hin zum Betrieb der Anlagen ab.

Fehler im Engineering können teuer werden: Insbesondere dann, wenn sich diese bis zur Montage und Inbetriebnahme durchziehen. Häufig liegt die Ursache dafür in der verteilten Arbeitsweise und Datenhaltung: Wie wirken sich Änderungen in einem Gewerk auf die anderen Gewerke aus? Um diese Frage zu beantworten, werden bislang Informationen aus unterschiedlichsten Quellen aufwändig zusammengetragen, darunter R&I-Fließbilder, Logikdiagramme etc. Und der Vergleich nötigt den beteiligten Experten neben dem notwendigen Know-how auch die volle Konzentration ab. Verschärft wird die Situation in Projekten, bei denen die Beteiligten die Gewerke parallel statt hintereinander abwickeln, um Zeit zu sparen. Planungsdaten müssen dann über den ganzen Engineering-Prozess hinweg ständig abgeglichen und von den Ingenieuren auf ihre Konsequenzen hin bewertet werden. Dennoch liegt die Parallelisierung im Trend: „Wir sehen im Markt großen Bedarf, die Workflow-Hindernisse einzureißen, die durch Toolketten entstehen. Nur echte Parallelisierung der Kernaufgaben schafft trotz wachsender Komplexität wirksame Effizienz-Sprünge“, ist Uwe Vogt, Vorstandsmitglied beim Softwarehaus Aucotec, überzeugt.

Der Anbieter hat deshalb seine Planungssoftware Engineering Base deutlich erweitert: Mit seinem universellen Datenmodell deckt das System nun alle Disziplinen des Engineerings ab: Vom Front End Engineering Design (FEED) über die Detailplanung bis hin zur Automation und dem Betrieb der Anlagen.

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Pouria G. Bigvand, leitender Produktmanager bei Aucotec, „Selbst die besten Schnittstellen und Synchronisations-Plattformen machen eine Toolkette nicht kürzer, die Kette bleibt das Hindernis.“

Weil alle Gewerke auf demselben Datenmodell aufbauen, wird ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit und Durchgängigkeit erreicht. Dadurch entfallen im Projekt­ablauf übliche Probleme wie das Warten auf Datenübergaben, Crosschecks, Absprachen oder die notwendige Synchronisation von Dokumenten. „Selbst die besten Schnittstellen und Synchronisations-Plattformen machen eine Toolkette nicht kürzer, die Kette bleibt das Hindernis“, erläutert Pouria G. Bigvand, leitender Produktmanager bei Aucotec.

Einheitliches Datenmodell macht die Abhängigkeiten transparent

In der neuesten Version Engineering Base 2018 wird das Problem gelöst, indem sämtliche Kerndisziplinen – angefangen beim Basic Engineering bis zum Cause & Effect-Check vor der Inbetriebnahme – das einheitliche Datenmodell gemeinsam, parallel und sogar simultan nutzen können.

Die Parallelität wird dabei der Schlüssel zu einer höheren Produktivität und Effizienz in der Projektabwicklung. Weil in dem einheitlichen Datenmodell alle Abhängigkeiten hinterlegt sind, wirkt sich jede Änderung in jeder Disziplin auf alle Repräsentanzen eines bearbeiteten Objekts aus und wird dadurch für alle Beteiligten sichtbar. Voraussetzung dafür ist ein ausgeklügeltes Änderungsmanagement: Das detaillierte Historien-Protokoll kann für jedes Objekt individuell konfiguriert werden, und Revisions- und Versionsmanagement sind besonders transparent gestaltet. Für Attribute gibt es Vorschlagsfelder, die vor der Übernahme geprüft werden können. Um unterschiedliche ergänzende Tools, beispielsweise zur Simulation einzubinden, erlaubt das zentrale Datenmodell in einer separaten Application Server-Ebene den weltweiten Zugriff auf die Anlagen-Dokumentation, auch über die Cloud. Der Anbieter ist überzeugt, dass sich auf diese Weise Engineering-Prozesse deutlich beschleunigen lassen: „Unsere Idee war sozusagen die ,Motorisierung‘ des Anlagen-Engineerings, nicht die Beschleunigung alter Kutschen durch ein paar Pferde mehr“, bringt Uwe Vogt den Anspruch auf den Punkt.

 

Interview mit Uwe Vogt, Vorstand bei Aucotec

„Fehlende Engineering-Funktionen werden nach und nach ergänzt“

Uwe-Vogt

Uwe Vogt ist Vorstandsmitglied bei Aucotec, „Wir sehen im Markt großen Bedarf, die Workflow-Hindernisse einzureißen, die durch Toolketten entstehen.“

CT: Wer wird aus Ihrer Sicht am meisten von der neuen Engineering Base 2018 profitieren?
Vogt: Wir richten uns gleichzeitig an Owner/Operators und größere EPC-­Anlagenbauer und werden auf unsere bestehende Kundenbasis aufbauen. Dort, wo wir mit Engineering Base bereits aktiv sind, wollen wir das System nun auch auf andere Disziplinen ausweiten. Vor allem in den ersten beiden Planungsschritten, dem Front End Engineering und dem Basic Design, hatten wir bislang nicht den dafür im Bereich Chemicals sowie Oil&Gas geforderten Funktionsumfang. Dort haben wir jetzt mit der neuen Version 2018 zum Wettbewerb aufgeschlossen. Doch damit geben wir uns natürlich nicht zufrieden und werden die Lösung kontinuierlich weiter ausbauen.

CT: Die Unternehmen im Anlagenbau haben in der Regel zahlreiche spezifische Planungstools. Wollen Sie diese langfristig alle ersetzen?
Vogt: Nein. Unser Anspruch ist es nicht, alles abzudecken – aber die Kerndisziplinen schon. Es wird immer Spezialtools geben, die sich am Markt durchgesetzt haben oder die der Kunde selbst entwickelt hat – diese integrieren wir über eine enge datentechnische Anbindung. Bei der Simulation ist das bereits realisiert: Unser Datenmodell ist so vollständig, dass die Simulation darauf aufsetzen kann – bislang war hier meist eine doppelte Erfassung notwendig. Genauso binden wir auch andere Tools an.

CT: Es gibt relativ wenige ganz neue Anlagenbau-Unternehmen. Wie sehen Sie Ihre Chancen, bei EPC-Anbietern etablierte Systeme abzulösen?
Vogt: Natürlich ist uns klar, dass bei den Kunden riesige Datenmengen in unterschiedlichen Qualitätsstufen vorhanden sind. Wir haben Partnerschaften gegründet und Funktionalitäten entwickelt, um Daten so intelligent wie möglich dem Engineering verfügbar zu machen. Wir glauben, dass wir das skalierbar angehen müssen. Datenübernahme bedeutet immer Aufwand und ist nie trivial. Aber wir stellen uns dieser Aufgabe und haben eine Methodik dafür entwickelt. Außerdem sind wir überzeugt, Anwender, die sich für die Zukunft aufstellen, ebenfalls überzeugen zu können. Wie schon erwähnt, werden wir das System weiter ausbauen – zum Beispiel planen wir auch Funktionen für die vorausschauende Wartung etc.

CT: Die Integration der Engineering-Daten in die Leittechnik ist ein Thema, das die Namur unter dem Stichwort Module Type Manager, MTP, zu vereinheitlichen versucht. Unterstützt Ihr neues System diesen Ansatz?
Vogt: Definitiv. Wir werden voraussichtlich zur nächsten Namur-Hauptsitzung im November dazu bereits etwas zeigen. Die Konfiguration der Leitsysteme benötigt einen funktionalen Zusammenhang im Engineering. Bislang lief das getrennt: Irgendjemand macht das Anlagen-Engineering, und parallel dazu erarbeitet ein anderer das Engineering für das Leitsystem. Bei unserem Ansatz ist alles schon da, wenn diese Aspekte eingepflegt und das Engineering von vornherein funktional durchgeführt wird. Dann fällt die Konfigurationen des Leitsystems quasi als Nebenprodukt ab. Im Kraftwerksbereich arbeiten wir bereits modular nach den dort gültigen Standards.

CT: Das heißt also, MTP ist für Sie nur ein spezieller Standard der Chemie- und Pharmaindustrie?
Vogt: Richtig. Wir schaffen keine Standards, sondern wir müssen uns möglichst flexibel dem anpassen, was es gibt.

CT: Bereits vor über zehn Jahren war Collaborative und Concurrent Engineering ein Thema. Mich erstaunt, dass es hier immer noch so viel Nachholbedarf gibt.
Vogt: Es ist nicht so, dass überhaupt nichts passiert wäre. Man kennt die Abhängigkeiten und hat Workaround-Lösungen geschaffen. Aber wir wollen das jetzt auf eine neue Stufe heben. Weil die Abhängigkeiten der Engineeringstufen in unserem System berücksichtigt werden. Wir kennen diese und können das noch besser machen.

Achema 2018 Halle 9.2 – B12

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Homepage Aucotec.

Heftausgabe: Juni/2018
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

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