Digitale Services verdrängen Technologie

PwC und VDMA schließen Benchmarkstudie im Anlagenbau ab

21.05.2019 Wie konkurrenzfähig sind deutsche Anlagenbauer im internationalen Vergleich? Und welche Rolle werden künftig die Digitalisierung sowie digitale Geschäftsmodelle spielen? Diese Fragen sowie der Wunsch nach einer Standortbestimmung in Sachen Digitalisierung standen im Vordergrund einer aktuellen Studie von PwC und VDMA - und diese lieferte überraschende Erkenntnisse.

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Christian Elsholz, Projektleiter der Studie und beim Beratungsunternehmen PwC Experte für den Anlagenbau. Bild: Redaktion

Fast ein Jahr hatten die Unternehmensberater von PwC im Auftrag des VDMA daran gearbeitet, und über 40 Unternehmen des EPC-Anlagenbaus befragt. Immerhin 75 % Marktanteil nehmen diese Unternehmen in Deutschland für sich in Anspruch. Über erste Ergebnisse hatte die CHEMIE TECHNIK bereits im November 2018 berichtet. Nun wurde das Projekt abgeschlossen. Das Kernergebnis gleich vorweg:  Digitalisierung wird für den Anlagenbau zum Schlüssel, um die sich verändernden Kundenanforderungen zu erfüllen.

„Überraschender Weise hat Digitalisierung nicht zu neuen Kundenanforderungen geführt“, stellte Christian Elsholz, Projektleiter der Studie und beim Beratungsunternehmen PwC Experte für den Anlagenbau, bei der Pressekonferenz zur Studie am 21. Mai 2019 fest. „Digitalisierung sollte stattdessen als Enabler gesehen werden, der neue Anforderungen der Kunden auf eine neue Art erfüllen helfen soll.“ 

CT-Beitrag zur Studie (November 2018):

Transparenz gefordert

Der Studie zufolge wünschen sich die Kunden des EPC-Anlagenbaus zunehmend Transparenz bei den Geschäftsprozessen – und zwar über den ganzen Lebenszyklus eines Projektes hinweg. Für den klassischen EPC-Anlagenbau ein Novum, lag dort doch bislang der Fokus vor allem auf der Abwicklung von Projekten im Turnkey-Vertragsmodell. Doch inzwischen wirkt sich der Trend zu maßgeschneiderten Lösungen auch die EPC-Industrie aus, konstatiert die Studie. Dazu kommt der Wunsch nach kürzeren Projekt-Durchlaufzeiten und dadurch sinkenden Kosten. Beides erfordert integrierte digitale Systeme. Auch der Wunsch nach Flexibilität bei den Produktionsmengen und Produkttypen wird aus Sicht der Auftraggeber des Anlagenbaus wichtiger. Der Einsatz digitaler Werkzeuge – so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung – birgt dabei erhebliches Potenzial zur Kostensenkung in der Planung und Projektentwicklung. Und weil die Projektphasen dabei immer stärker verzahnt werden, wünschen sich die Kunden der EPC-Kontraktoren eine möglichst vertrauensvolle Zusammenarbeit. 

Technologie als bisherige Kernkompetenz verliert an Bedeutung

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Dr. Hannes Storch, Mitglied der Geschäftsleitung bei Outotec und stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA. Bild: Outotec

Die Wunschliste ist also lang, doch sie ist durchaus kein deutsches Phänomen. Auch die internationalen Wettbewerber sehen sich diesen Trends ausgesetzt. Deshalb wurde in der Studie zunächst die Position der deutschen Anbieter im internationalen Wettbewerb bestimmt. Dabei nahmen die Marktforscher sowohl Unternehmen mit traditionellen als auch mit neuen, stark digital getriebenen Modellen unter die Lupe und evaluierten deren Marktposition. „Uns hat überrascht, dass die deutschen EPC-Unternehmen hier erstaunlich gut aufgestellt sind. Viele beschäftigen sich bereits mit dem Thema und befinden sich auf einem guten Weg“, stellt Christian Elsholz fest. Allerdings zeigte sich auch eine deutliche Schwäche: Denn Technologie als bisherige Kernkompetenz vieler Anbieter wird bereits bis 2025 deutlich an Bedeutung verlieren. 60 % der deutschen Anbieter arbeiten mit technologieorientierten Geschäftsmodellen. Dagegen, so die Studie, werden digitale, datengesteuerte Dienste und Services deutlich wichtiger werden und ihren Marktanteil bis 2025 mehr als verdreifachen. 

„In diesem veränderten Umfeld werden Fähigkeiten wie Agilität und Flexibilität immer wichtiger“, betont Dr. Hannes Storch, Mitglied der Geschäftsleitung bei Outotec und stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA. „Die Geschwindigkeit dieser Änderungen hat uns überrascht“, gesteht Storch. Der Anlagenbauexperte sieht vor allem eine veränderte Einstellung der Mitarbeiter als wesentliche Voraussetzung, um die digitale Transformation zu gestalten. 

Kunden sind nicht bereit, für digitale Tools zu bezahlen

Während die sich ändernden Bedürfnisse ihrer Kunden für die befragten Anlagenbauunternehmen unstrittig sind, leisten sich diese  in punkto Refinanzierung digitaler Anstrengungen eine Fehleinschätzung: Denn während 40 % der deutschen EPC-Unternehmen glauben, dass ihre Kunden bereit sind, für den Einsatz digitaler Werkzeuge einen Aufpreis zu bezahlen, ist die Kundensicht dazu eindeutig: Mehrkosten werden nicht akzeptiert, Digitalisierung wird ohne Aufpreis erwartet. Flankiert wird dieses Schlaglicht von dem Eingeständnis von 40 % der befragten Engineering-Anbieter, dass sie erst teilweise mit der digitalen Transformation begonnen haben. Die Studie sieht im Change Management einen wesentlichen Treiber der Digitalisierung: Dieses soll dazu beitragen, Mitarbeiter auf die Reise der digitalen Transformation mitzunehmen. „Es überrascht, dass weder deutsche, noch internationale EPC-Unternehmen bislang die Bedeutung des Change Management erkannt haben und entsprechend Maßnahmen umsetzen“, so Elsholz. Allerdings seien internationale Wettbewerber beim Einsatz von agilen Formen der Zusammenarbeit, sowie beim agilen Projektmanagement den deutschen Anlagenbauern einen Schritt voraus. Einem „one fits all“-Ansatz erteilt Elsholz eine klare Abfuhr. Dafür seien die Unternehmen, Kunden und Märkte zu unterschiedlich: „Jedes Unternehmen muss für sich ein eigenes Zielbild entwickeln und eine eigene Digitalisierungs-Roadmap aufsetzen, fasst Elsholz zusammen.

Die vollständige Studie steht als Download unter dem folgenden Link zur Verfügung.

Heftausgabe: Juni/2019
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