Dr. Joachim Waldi, Vorsitzender der VCI-Fachvereinigung Chemieparks

Dr. Joachim Waldi, Vorsitzender der VCI-Fachvereinigung Chemieparks

| von Armin Scheuermann, Redaktion

CT: Welche Herausforderungen und welche Chancen sehen Sie für Chemieparks derzeit?
Waldi: Das Chemieparkmodell ist sehr erfolgreich und wird deshalb auch weltweit kopiert. Allein die Mitglieder in der Fachvereinigung Chemieparks stehen mit ihren 37 Standorten für mehr als 238.000 Beschäftigte und über 1.000 angesiedelte Unternehmen. Das zeigt, welche enorme Bedeutung die Chemieparks für die Chemie und den Industriestandort Deutschland haben.

Wir bieten aber nicht nur für die chemische Industrie, sondern auch für Produktionsunternehmen in der Wertschöpfungskette sehr attraktive Bedingungen. Bereits heute gibt es schon Unternehmen, beispielsweise aus der Petrochemie und aus der Biotech-Industrie, die in den Chemieparks ansässig sind. Es liegt nahe, zu sagen, dass auch aus den Megatrends wie der Elektromobilität für uns Chemieparks Chancen erwachsen können. Als größte Herausforderung sehen wir derzeit die Energiewende, direkt gefolgt von der generellen Akzeptanz der Industrie in der Öffentlichkeit.

CT: Sehen Sie in Sachen Akzeptanz tatsächlich Wolken am Horizont? Die Chemie hat doch im Ansehen in der Öffentlichkeit in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten deutlich aufgeholt?
Waldi: Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Die Chemie hat ihren Ruf extrem verbessert. Wir sind ein guter Nachbar. Trotzdem ist die Akzeptanz der Industrie insgesamt auch für uns ein zentrales Thema, das wir intensiv begleiten.

CT: Meinen Sie die Kraftwerksprojekte, bei denen es in den vergangenen Jahren zum Teil heftigen Gegenwind gab?
Waldi: Das ist ein Beispiel. Aber auch Infrastrukturprojekte außerhalb des Chemieparks, zum Beispiel der Bau einer Pipeline, und öffentliche Infrastrukturprojekte wie neue Straßen, Brücken oder die Erweiterung von Autobahnen zählen dazu.

CT: In den Kernprozessen der Chemie mit so spektakulären Projekten wie TDI in Dormagen und Ludwigshafen scheint es kein Akzeptanzproblem in der Öffentlichkeit zu geben – stimmt mein Eindruck, dass Projekte innerhalb des Werkszauns akzeptiert werden und außerhalb weniger?
Waldi: Akzeptanz ist keine Frage, ob das Projekt innerhalb oder außerhalb des Werkszauns stattfindet. Akzeptanz schafft man nur über eine kontinuierliche, vertrauensvolle und vor allem frühzeitige Kommunikation. Nur über Netzwerke, die über Jahre aufgebaut worden sind, erreicht man ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn. Das können wir dazu nutzen, um unseren Kunden zu helfen.
Aktuell beschäftigen uns die Konsequenzen des EuGH-Urteils zur nationalen Anwendung der Seveso-II-Richtlinie. Aufgrund unpräziser Formulierungen hat die Umsetzung der Richtlinie in Deutschland zu erheblicher Rechtsunsicherheit für Chemieparks geführt, die aufgelöst werden muss. Diese Unsicherheit betrifft die Planung in der Nachbarschaft von Störfallbetrieben, z.B. von öffentlichen Bereichen mit großem Publikumsverkehr.

Wir brauchen aber Planungssicherheit, um einerseits Investitionen in den Chemieparks zu ermöglichen und andererseits auch die berechtigten Interessen der Kommunen nach Planungssicherheit im Umfeld zu gewährleisten. In der laufenden Diskussion mit dem Gesetzgeber wollen wir deshalb erreichen, dass die neue Seveso-III-Richtlinie für Betreiber und Kommunen verständlich in deutsches Recht umgesetzt wird.

CT: Wie positionieren sich die Chemieparks zum Wettbewerbsfaktor Energiekosten?
Waldi: Die ausländische Konkurrenz kann mit zum Teil deutlich niedrigeren Energiekosten punkten. Chemieparks brauchen jedoch die gleichen Rahmenbedingungen wie ausländische Werksstandorte. Deshalb dürfen die Chemieparks nicht zusätzlich durch eine nationale Energiegesetzgebung benachteiligt werden. Natürlich dürfen wir auch nicht schlechter gestellt werden als integrierte Werksstandorte.

Beim Thema Energie wäre es ganz besonders wichtig, dass auch für neue energieeffiziente KWK-Anlagen solche Rahmenbedingungen geschaffen werden, so dass deren Wirtschaftlichkeit auch zum Tragen kommt. So muss für eigenerzeugten Strom die Befreiung von der EEG-Umlage erhalten bleiben – übrigens auch bei standortübergreifender Versorgung. Currenta hat beispielsweise drei Standorte – Strom, der in Dormagen produziert wurde, muss auch abgabenfrei in Leverkusen im Rahmen einer Eigenversorgung genutzt werden können.

Ein weiteres großes Anliegen ist die Planungssicherheit: KWK-Anlagen müssen nach dem KWK-Gesetz gefördert werden, das zum Zeitpunkt der Investitionsentscheidung gültig war. Und es muss zur Herbeiführung einer Investitionsentscheidung eine belastbare Zusage zur späteren Förderung erfolgen. Das heißt auch: Die Förder-Bedingungen dürfen sich bis zur Inbetriebnahme nicht wesentlich ändern. Notwendig ist darüber hinaus zumindest eine offene Diskussion über geeignete Anreize für den Bau neuer industrieller Kraftwerke – insbesondere in KWK-Technologie.
Unabhängig davon müssen Entlastungsregelungen für stromintensive Industrien weiter bestehen bleiben – das ist wichtig im Sinne unserer Kunden.

CT: Der Knoten im Energiemarkt ist sehr fest gezurrt und kaum zu durchschlagen. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie einen Kapazitätsmarkt wollen, um den Bau von neuen Kraftwerken zu stimulieren?
Waldi: Die vorrangige Einspeisung der erneuerbaren Energien hat zu Verwerfungen im Strommarkt geführt. Bereits heute führen niedrige Strompreise bei gleichzeitig hohen Erdgaspreisen dazu, dass sogar bestehende erdgasbefeuerte KWK-Anlagen am Rande der Wirtschaftlichkeit operieren. Für neue Projekte ist das Problem noch drastischer. Deshalb sollten wir zumindest offen für Diskussionen über geeignete Rahmenbedingungen sein. Eine derzeit politisch angedachte Belastung des eigenerzeugten Stromes mit der EEG-Umlage wäre genau das falsche Signal. Wenn nach Meinung der politischen Entscheidungsträger sogar ein neues Marktdesign notwendig sein sollte, treten wir allerdings für ein marktwirtschaftliches Anreizsystem ein, um die Zusatzkosten für Letztverbraucher gering zu halten.

CT: Wie sehen Sie den Schiefergas-Boom in den USA – wird das dauerhaft zu einem Standortvorteil dort und zu einem Nachteil für Investitionen in deutschen Chemieparks oder ist das nur ein Hype von begrenzter Dauer?
Waldi: Wie lange Schiefergas zu deutlichen Vorteilen für Industriestandorte in den USA führen wird, ist schwierig zu prognostizieren. Die Meldungen hierzu sind sehr widersprüchlich. Ein internationaler Strompreisvergleich eines Unternehmens im Chemiepark zeigt allerdings eines deutlich: Die Strompreise in den USA sind für strom­intensive Unternehmen nur halb so hoch wie in Deutschland, obwohl diese über die besondere Ausgleichsregelung von der EEG-Umlage entlastet sind. Wenn die EEG-Entlastung wegfällt, dann sprechen wir sogar von einem Faktor 3. Zurzeit sind zwar keine Abwanderungstendenzen erkennbar, aber Neuinvestitionen in den USA sind sehr attraktiv.

CT: Macht das die Vermarktung von Chemieparkflächen im Moment schwieriger?
Waldi: Natürlich machen Rahmenbedingungen wie die Energiekosten, die für die Chemie ein wesentlicher Kostenfaktor sind, die Entscheidung schwieriger. Deshalb versuchen wir gegenzusteuern, indem wir unsere Vorteile herausstellen. Im internationalen Wettbewerb betrachten wir diese sogar als Alleinstellungsmerkmale: ein hohes Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer, die stabile Sozialpartnerschaft, eine niedrige Zahl an Streiktagen – das sind echte Wettbewerbsvorteile. Aber auch die Innovationskultur in der Zusammenarbeit mit Universitäten ist eine Stärke des deutschen Standorts.

 

Zur Person
Dr. Joachim Waldi
Dr. Joachim Waldi (55) hat in Heidelberg Chemie studiert und startete seine berufliche Karriere 1989 bei der Bayer AG. Nach Stationen als Laborleiter in der Kautschukforschung leitete er die Bereiche Forschung, Entwicklung und technisches Marketing für Latices für die Papierindustrie. Von 1994 bis 1997 leitete er die Verfahrensentwicklung. Ab 1997 übernahm Waldi Aufgaben als Leiter Produktion und Technik Olefins bei Bayer Inc. in Kanada. 2000 wurde er Leiter der Koordinierung Technik im Bayer-Geschäftsbereich Spezialprodukte. Von 2003 bis 2004 verantwortete er das Ressort Technical Operations und Manufacturing bei Bayer Chemicals, ab 2004 die „Group Function Technical Services“ bei Lanxess. 2007 wurde Waldi Geschäftsführer der Bayer Industry Services (jetzt Currenta) und seit 2012 ist er Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks im VCI. Dr. Waldi ist verheiratet und hat drei Kinder.

Event
14. Jahrestagung Chemie- und Industrieparks

Das Erfolgsmodell Chemie- und Industrieparks ist auch Thema einer Jahrestagung des Veranstalters Euroforum, die vom 18. bis 20. März 2014 in Bad Soden bei Frankfurt stattfinden wird. Dort werden Chemiepark-Aspekte behandelt. Darunter die Fragen:
Wie können neue Ansiedler von dem Konzept überzeugt werden?
Wie gelingt es, neue Kunden und Investoren im Ausland zu gewinnen?
Wo liegen Wachstumsfelder?
Welche Neuregelungen kommen nach der Regierungsbildung auf die Industrieparks zu?
Dr. Joachim Waldi wird dort am 19.3. einen Eröffnungsvortrag zu Herausforderungen und Chancen für Chemieparks 2014 halten. In zwei Podiumsdiskussionen sollen die energiepolitischen Rahmenbedingungen nach der Wahl behandelt und Methoden der Investorenanwerbung für Chemieparks diskutiert werden. 

 

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