Chemie-Tarifrunde 2019

Tarifabschluss nach Verhandlungsmarathon

25.11.2019 Chemie-Arbeitgeber und die Gewerkschaft IG BCE haben sich nach zähen Gesprächen auf ein neues Tarifpaket geeinigt. Die Gewerkschaft setzte ihre Kernforderungen durch: Die 580.000 Chemie-Beschäftigten erhalten unter anderem ein „Zukunftskonto“.

Einstimmig angenommen: Am 22.11.2019 einigten sich Arbeitgeberverband BAVC und Gewerkschaft IG BCE auf ein Tarifpaket für die Chemieindustrie mit einer Laufzeit bis 2022. (Bild: IG BCE)

Einstimmig angenommen: Am 22.11.2019 einigten sich Arbeitgeberverband BAVC und Gewerkschaft IG BCE auf ein Tarifpaket für die Chemieindustrie mit einer Laufzeit bis 2022. (Bild: IG BCE)

Die Einigung fiel einstimmig am Freitagnachmittag, 22.11.2019. Noch am Vortag hatten beide Seite bis tief in die Nacht miteinander gerungen. Ob es noch eine Einigung geben könnte, blieb lange unklar. „Wir haben einen kräftezehrenden Verhandlungsmarathon hinter uns“, sagt Ralf Sikorski, stellvertretender Vorsitzender der IG BCE und gleichzeitig Verhandlungsführer. Mit 29 Monaten Laufzeit ist es der längste Tarifabschluss in der Chemie seit 1987.

Erste tarifliche Pflegezusatzversicherung

Am Ende setzte die Gewerkschaft ihre Kernforderungen nach Entlastung, Sicherheit im Alter, Weiterbildung und mehr Geld durch:  Der Abschluss sieht die Schaffung eines Zukunftskontos im Gegenwert von fünf freien Tagen pro Jahr vor. Über die Verwendung kann jeder Einzelne im Rahmen unterschiedlicher Wahloptionen, die Betriebsvereinbarungen regeln sollen, frei entscheiden. Gleichzeitig vereinbarten die Tarifparteien die Einrichtung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung, die durch die Arbeitgeber finanziert wird und die Finanzierungslücke bei Eintritt des Pflegefalls weitgehend schließt. Hinzu kommen Entgelterhöhungen in mehreren Schritten. Dem durch die Digitalisierung wachsenden Bedarf an Weiterbildung wollen die Tarifparteien mit einer Qualifizierungsoffensive begegnen. Damit entspricht das Tarifpaket einem Gesamtvolumen von 6 Prozent Entgeltsteigerung.

Chemie-Tarifrunde 2019: Die Ergebnisse

„Der Abschluss zeigt, dass sich mit einer starken und kompetenten IG BCE in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten tarifpolitische Innovationen für die Beschäftigten durchsetzen lassen“, sagte der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis. Er hob hervor: „Mit dem Zukunftskonto und der tariflichen Pflegezusatzversicherung gehen wir einmal mehr neue Wege und gestalten wichtige Themen für eine sichere und gute Zukunft unserer Mitglieder.“ Verhandlungsführer Sikorski betonte: „Es hat sich gelohnt, bis zuletzt für die Belange der Beschäftigten zu ringen. Nichts brennt ihnen derzeit so unter den Nägeln wie die wachsende Arbeitsverdichtung und die Frage finanzieller Sicherheit im Alter.“

Langfristige Planungssicherheit für die Betriebe

Auch die Arbeitgeber-Vertreter zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis: „Wirtschaftlicher Realismus und tarifpolitischer Weitblick prägen den Chemie-Tarifabschluss 2019“, unterstreicht Kai Beckmann, Präsident des Arbeitgeberverbandes der Chemieindustrie BAVC. „Wir schaffen neue Spielräume bei der Arbeitszeit, stärken die Qualifizierung im digitalen Wandel und gehen mit der Pflegeversicherung auch sozialpolitisch voran. Wir gestalten die neue Arbeitswelt gemeinsam – und das im Einklang mit der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Ein besonderer Pluspunkt ist die ausgesprochen langfristige Planungssicherheit für die Betriebe. Dieser Abschluss hebt unsere Sozialpartnerschaft auf eine neue Stufe. Wir stellen Fortschritt vor Verteilung – und zeigen damit auch der Politik in Berlin, wie es geht.“

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„In einer Situation mit eng begrenztem Verteilungsspielraum haben wir komplexe Verhandlungen zu einem guten Ende geführt“, so BAVC-Verhandlungsführer Georg Müller. „Mit einer außerordentlich langen Laufzeit und sehr moderaten Entgelterhöhungen konnten wir unsere wichtigsten Ziele erreichen. Beim Zukunftsbetrag ist entscheidend, dass die Betriebe die Kontrolle behalten. Die Unternehmen haben nun außerdem mehr Optionen, die Arbeitszeit nach oben zu öffnen. Das ist ein wichtiger Schritt zu mehr Flexibilität. Alles in allem haben wir ein angemessenes und innovatives Paket geschnürt.“

Zukunftskonto und Qualifizierungsoffensive

Der Abschluss sieht im Einzelnen vor:

  • Die Schaffung eines individuellen Zukunftskontos für jeden Beschäftigten und Auszubildenden. Es startet 2020 mit zwei freien Tagen und wächst bis 2022 auf fünf freie Tage pro Jahr oder 23 Prozent eines tariflichen Monatseinkommens. Dazu haben beide Seiten den Tarifvertrag „Moderne Arbeitswelt“ entwickelt, der eine Verwendung des Guthabens für unterschiedliche Zwecke vorsieht: Freie Tage können beispielsweise jährlich genommen, auf Langzeitkonten angespart oder für die Altersvorsorge verwendet werden. Auch eine Auszahlung der Tage in Geld ist möglich. Die konkreten Wahloptionen regeln die Betriebsparteien. Dabei soll die Möglichkeit, das Guthaben für zusätzliche Freizeit zu verwenden, Bestandteil sein. Auszubildenden wird das Guthaben auf dem Zukunftskonto in Geld ausgezahlt.
  • Die Einrichtung der bundesweit ersten Pflegezusatzversicherung zum 1. Juli 2021, die für alle Arbeitnehmer ab sechs Monaten Beschäftigung greifen soll. Die Versicherungsprämie tragen die Arbeitgeber. Bei Eintritt des Pflegefalls deckt die Versicherung bei stationärer Pflege bis zu 1000 Euro, bei ambulanter Pflege bis zu 300 Euro der Kosten. Die Pflegeversicherung wird ohne Gesundheitsprüfung abgeschlossen, sie kann privat aufgestockt oder auf Familienmitglieder ausgeweitet werden.
  • Entgelterhöhungen in mehreren Stufen: Die Löhne und Gehälter steigen zum 1. Juli 2020 um 1,5 Prozent für zwölf Monate und um 1,3 Prozent zum 1. Juli 2021 für weitere neun Monate. Den Zeitraum bis Juli 2020 decken Einmalzahlungen ab, die aufgrund einer Harmonisierung der Gültigkeitszeiträume der Tarifverträge regional differieren. Sie liegen für Tagschicht-Beschäftigte zwischen 4 und 6 Prozent des Monatsentgelts. Von 2021 an steigt zudem die tarifliche Jahresleistung von derzeit 95 auf 100 Prozent eines Monatsgehalts.
  • Die „Qualifizierungsoffensive Chemie“, mit der die Tarifparteien die Beschäftigten für neue Anforderungen durch die Digitalisierung weiterbilden wollen. Dazu gehört unter anderem die Programmierung eines Tools, mit dem notwendige Qualifizierungsbedarfe ermittelt werden sollen sowie eine Weiterbildungsberatung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter anderem durch die Bundesagentur für Arbeit.

Die Laufzeiten der Tarifverträge variieren nach Regionen, sie liegen zwischen 27 und 29 Monaten. Damit werden die Gültigkeitsdaten für die Zukunft harmonisiert. Alle Tarifverträge enden am 31. März 2022. Die Tarifkommission der IG BCE hat das Verhandlungsergebnis einstimmig angenommen.

Details zu den Tarifbedingungen finden Sie auch in den Mitteilungen des BAVC und der IG BCE. (ak)

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